Gute Praxis - Ankommen in Zeiten von Corona

Das Programm angekommen richtet sich an Flüchtlinge und andere junge, neu Zugewanderte zwischen 16 und 25 Jahren, die in Deutschland ein Berufskolleg besuchen und einen Beruf erlernen wollen. Egal, ob sie noch berufsschulpflichtig sind oder nicht. Dabei sind zwei Säulen entscheidend: zum einen die individuelle Unterstützung für einen schnellen Schulabschluss, zum anderen der Start in eine Berufsausbildung bei kontinuierlicher Begleitung und Betreuung an einem festen und sicheren Ort – auch nach dem Unterricht. Wie dies in Zeiten von Corona weiterhin gelingen kann, zeigen die Beispiele aus Bielefeld und Münster.

 

angekommen Logo

Bielefeld: Die jungen Menschen besuchen in der Regel die „Internationalen Förderklassen“ an den Berufskollegs oder sich anschließende Bildungsgänge der Berufs- und Weiterbildungskollegs in Bielefeld. Als Ergänzung zum Unterricht der Berufskollegs erhalten sie zudem nachmittags sowie in Ferienzeiten zusätzliche Angebote: begleitetes Selbstlernen, Alltagshilfen und Angebote zur Persönlichkeitsentwicklung. Wegen der Corona-Pandemie inklusive Kontaktverbot und des ruhenden Unterrichts stand angekommen in deiner Stadt Bielefeld plötzlich still. Kurse mussten ausfallen und das Projekt am Tor 6 stand vor einer ungewissen Zukunft. Doch eine Lösung zeichnete sich schnell ab: Online sollte es weitergehen.

Umstellen auf Distanzlernen – Wer schreibt, der bleibt

Die Gruppen angekommen_A und angekommen_B waren die Rufnamen gigantischer Video-Konferenzen, in denen die Rahmenbedingungen für ein digitales Angebot abgesteckt wurden. Zahlreiche Lern- und Aktivitätsgruppen ließen sich ganz einfach online oder über alternative Kommunikationsformen fortführen, Beratungsangebote wurden über eine Hotline bereitgestellt. „Das Feedback zu den alternativen Angebotsformen ist sowohl auf Seiten der Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter als auch der Teilnehmenden überraschend positiv gewesen. Mehr als hundert Schülerinnen und Schüler beteiligten sich allein in den Osterferien an diesen Angeboten“, freut sich die pädagogische Leitung von angekommen in Bielefeld, Sabina Drewer-Gutland.

Wenn Wohnverhältnisse es nicht zuließen oder keine mobilen Endgeräte zur Verfügung standen, wurden Kontakte telefonisch hergestellt oder Materialien postalisch zugesandt. Die Schülerinnen und Schüler bekamen Pakete mit Rezepten und Zutaten, schrieben Geschichten oder lernten Deutsch, Englisch und Mathe. Bei den Videokonferenzen entstand schließlich auch die Idee, die Arbeit in Form eines Magazins zu dokumentieren: Wer schreibt, der bleibt – in diesem Fall sollen die Erinnerung an die Corona-Zeit, Beiträge und Eindrücke festgehalten werden. Zunächst bis Ende Mai sammelten die Gruppen Material für ihre Corona-Zeit(-ung).

angekommen

Münster: Auch angekommen in deiner Stadt Münster bietet ein vielfältiges Bildungs- und Betreuungsangebot für neu zugewanderte Jugendliche und junge Erwachsene. Das Projekt ist ein wichtiger Bestandteil des Münsteraner Konzepts zur Beschulung, Betreuung und Begleitung von Neuzuwanderern. Nachdem die Schulen den Unterrichtsbetrieb aufgrund des Corona-Virus eingestellt hatten, folgte auch in Münster die Umstellung auf digitale Angebote: Seit Anfang April wurden den Projektteilnehmenden Online-Sprachkurse angeboten. Zuvor wurden die Honorarkräfte mit der notwendigen Technik ausgestattet.

Täglicher Austausch im „Quatschkurs“

Die Kurse liefen über sechs Tage von jeweils 10:00 bis 12:00 Uhr. Insgesamt gab es vier Kurse mit unterschiedlichen Sprachniveaus – A0, A1/A2, A2/B1 und B2. Dabei konnten maximal fünf bis sechs Personen teilnehmen. Die bisherigen Rückmeldungen der Teilnehmenden und der Honorarkräfte sind durchweg positiv. Ein besonderes Angebot stellte der „Quatschkurs“ dar: Dies ist ein virtueller Konferenzraum, welcher täglich von 11:00 bis 13:00 Uhr geöffnet ist und Raum für Gespräche bietet. Der Gedanke des „Quatschkurses“ ist es, den Jugendlichen einen Raum für Kommunikation außerhalb von Lernorten zu geben. Dieser Raum kann dafür genutzt werden, um Probleme jeglicher Art anzusprechen und Hilfe einzufordern.

Annette van Bebber, Pädagogische Leiterin bei angekommen in Münster, ist zufrieden: „Für uns war die Durchführung des Online-Angebots eine Herausforderung, da wir sowohl mit der Auswahl des Mediums und der Verbreitung der Maßnahme wie auch mit der Vorbereitung der Förderkräfte und der Instruktion der Teilnehmenden Neuland betraten. Ohne die Bereitschaft aller Beteiligten, sich auf digitale Unterrichtsformen einzulassen, und ohne die Neugier unserer Zielgruppe, Wege zu beschreiten, die zwar nicht das physical, aber wenigstens das social distancing überwinden, wäre das online-Angebot leergelaufen. Die kontinuierliche Beteiligung zeigt, wie motivierend diese Form der Kontaktaufnahme und des Lernens für alle ist – gerade auch für diejenigen, die erst seit Kurzem in Münster leben, noch keiner Schule zugewiesen sind und erste Schritte in den eigenständig gestalteten Alltag machen wollen.“

Sowohl in Bielefeld als auch in Münster wurden die neuen Online-Angebote von den Jugendlichen sehr positiv aufgenommen. Die Kurse bieten den Teilnehmenden auch in Zeiten von Corona die Möglichkeit, weiterhin die deutsche Sprache zu erlernen und Unterstützung bei der Integration zu erhalten. Die Umsetzung von angekommen zeigt zudem, mit wie viel Kreativität die Schülerinnen und Schüler unterstützt werden können.

 

„Angekommen in deiner Stadt“ ist ein Projekt der Walter Blüchert Stiftung, das in Kooperation mit dem Ministerium für Schule und Bildung sowie der jeweiligen Kommune seit mehreren Jahren erfolgreich in Bielefeld, Dortmund, Essen, Münster und Recklinghausen durchgeführt wird. Weitere Informationen finden Sie hier.