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Interview Mouhanad Khorchide

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Interview Mouhanad Khorchide

Mouhanad Khorchide wurde 1971 in Beirut geboren. 1999 bis 2004 Studium der islamischen Theologie an der Al Ozaii-Imam-Fakultät für Islamische Studien im Libanon; 2000 bis 2007 Studium der Soziologie an der Universität Wien. 2008 promovierte er dort im Fach Religionssoziologie. 2009-2010 Post-Doc am Institut für Soziologie in Wien.

Seit 2010 ist Mouhanad Khorchide Professor für Islamische Religionspädagogik am Zentrum für Islamische Theologie der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster; seit 2011 Koordinator des Graduiertenkollegs Islamische Theologie der Stiftung Mercator sowie Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der WWU Münster. Seit 2013 Principle Investigator des Exzellenzclusters "Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und Moderne" an der WWU und Leiter des Projekts "Historisch kritischer Korankommentar unter Berücksichtigung von Aneignungs-, Transformations- und Abgrenzungsprozessen zwischen Islam und der jüdisch-christlichen Tradition" im Rahmen dieses Exzellenzclusters.

Mouhanad Khorchide


Wie haben Sie selbst Ihren Weg zur Religion und zum Islam gefunden?

Ich habe meine Religion durch meine Eltern kennengelernt. Als kleines Kind habe ich mich neben meine Mutter bzw. meinen Vater auf den Gebetsteppich gestellt, wenn sie gebetet haben und habe alle Bewegungen mitgemacht. Damals wusste ich natürlich nicht, was ein Gebet ist. Aus meiner heutigen Perspektive würde ich sagen, dass der religiöse Weg eines Menschen nicht nur in Form des rituellen Vollzugs religiöser Praxis beginnt, sondern lange davor durch Erfahrungen der Liebe und des Vertrauens vor allem durch die Eltern. Denn Glaube ist letztendlich Vertrauen und die von unseren Religionen gewollte Beziehung zu Gott soll auf Liebe und Vertrauen basieren. Zu lieben und zu vertrauen muss aber zuerst erfahren werden.  

Wie gestaltete sich der Religionsunterricht an Ihrer Schule in Saudi Arabien?

Der Religionsunterricht dort war ganz anders als wir uns dies heute vorstellen. Es war ein frontaler Unterricht, in dem Wahrheiten verkündet wurden, die wir ohne sie zu hinterfragt hinnehmen mussten. Es wurde uns ein stark restriktives Bild von Gott vermittelt. Irgendwann entsteht dadurch ein verzerrtes Bild von Gott, als würde es ihm nur um sich selbst gehen.  

Wie waren Ihre ersten Erfahrungen mit Menschen anderer Religionen?

In Saudi Arabien, wo ich aufgewachsen bin, lebten hauptsächlich nur Muslime. Meine ersten Begegnungen mit Nichtmuslimen fanden im Libanon statt, wo ich meine Oma schon als Kind im Sommer regelmäßig besucht habe. Im Libanon ist die Hälfte der Bevölkerung christlich und die andere muslimisch. Meine Großmutter hatte ein Ritual an jedem Freitag, an dem ich oft teilnehmen durfte. Vormittags kaufte sie frisches Brot und Käse und ging zur Mittagszeit nach dem Freitagsgebet vor die Moschee, wo sich die armen Männer versammelten und auf Spenden von Geld und Speisen warteten. Die Armen kamen nicht nur aus der Moschee, sondern auch aus der benachbarten Kirche. Meine Oma sagte bei dieser Gelegenheit des Öfteren etwas zu mir, das mich bis heute sehr stark prägt: „Schau, diese Männer kommen aus der Moschee heraus und diese aus der Kirche. Die einen sind arm und die anderen sind arm. Die einen freuen sich, wenn wir ihnen etwas zu essen geben, und die anderen freuen sich auch, wenn wir ihnen etwas zu essen geben. Schau, dies sind Menschen und dies sind Menschen. Diese beten in der Moschee und diese eben in der Kirche, aber alle sind Menschen. Arme Menschen, denen wir helfen können! Das will Gott so von uns, dann freut er sich mit ihnen, weil er Mitgefühl mit ihnen hat, und er freut sich über uns, dass wir ihm und den armen Männern Freude gemacht haben.

Mildtätigkeit war eine wichtige Aufgabe religiöser Menschen, so haben Sie es als Kind gelernt. Wie sehen Sie den Stellenwert der Religionen heute in unserer Gesellschaft - in der Erziehung und in der Schule?

Sowohl religiöse Werte, wie Spiritualität, als auch ethische Werte, die auch religiös begründet werden, wie Verantwortlichkeit für sich und für die Schöpfung, Solidarität in der Gesellschaft, ehrenamtliche Arbeit usw. sind eine unabdingbare Bereicherung für die Gesellschaft. Leider aber versäumen es religiöse Vertreterinnen und Vertreter immer wieder, sich für diese Werte stark zu machen. Stattdessen beschäftigen sie sich mit Fragen jenseits der Lebenswirklichkeit der Menschen. Dadurch verlieren sie an Aktualität.  

Wie wichtig ist Religionsvielfalt an Schulen?

In Deutschland wird der islamische Religionsunterricht sukzessive an öffentlichen Schulen in einigen Bundesländern eingeführt. Nordrhein-Westfalen hat da erfreulicher Weise eine Vorreiterrolle eingenommen. Die Schule ist aber nicht nur ein Ort der kognitiven, sondern auch der sozialen Entwicklung. In der Schule können Schülerinnen und Schüler lernen, mit Vielfalt umzugehen. Sie können lernen, die Vielfalt als Bereicherung zu erleben.  Dass der „Andere“ in seiner Andersheit Anerkennung und Würdigung genießen kann.

In welcher Form könnten Lehrkräfte das Thema Gewalt angesichts der Krisenherde in der Welt aufgreifen?

Die jungen Menschen verfolgen die politischen Entwicklungen im Internet und im Fernsehen. Sie haben viele Fragen und suchen nach Orientierung. Gerade die Schule ist ein wichtiger Ort, das Thema Gewalt, vor allem religiös begründete Gewalt, anzusprechen und für Aufklärung zu sorgen. Lehkräfte sollten die komplizierten Zusammenhänge aufzeigen, denn Gewalt ist kein theologisches Phänomen, sondern ein psychologisches und soziales, dessen Ursachen sich in einem Zusammenspiel mehrerer dieser Ebenen finden lassen. Gerade angesichts der jungen Entwicklungen im Nahen Osten sollten junge Muslime über die Gefahren der Instrumentalisierung von Religion für politische Macht aufgeklärt werden.
Und: In jeder Weltanschauung sind gewaltbereite Extremisten zu finden. Man darf die Angehörigen einer Religion nicht deshalb pauschal verurteilen, weil es Extremisten gibt, die diese Religion für ihre Machtzwecke missbrauchen. Muslime leiden immer mehr darunter, dass sie sich für alles, was im Namen ihrer Religion geschieht, rechtfertigen müssen. Dadurch finden sie sich ständig in einer Abwehrhaltung, statt sich zu entfalten und daran zu arbeiten, diese Gesellschaft zu bereichern.  

Wie begleiten Sie in Münster die große Aufgabe an allen Schulen im Land islamischen Religionsunterricht anzubieten?

Im Jahre 2012 wurde der bekenntnisorientierte islamische Religionsunterricht hier erstmals in Deutschland eingeführt. Für einen flächendeckenden Unterricht benötigen wir etwa 900 Religionslehrkräfte. Die ersten Absolventinnen und Absolventen des Zentrums für Islamische Theologie der WWU Münster kommen erst 2017. Es wird also noch einige Jahre dauern bis wir das Fach flächendeckend anbieten können. Wir sind aber auf einem guten Wege dorthin. Es wird wichtig sein, dass wir gute Religionslehrkräfte haben, aber auch dass die Schulen diesen Unterricht wohlwollend akzeptieren und die Einführung mit vorantreiben.

Was berichten Ihnen die Lehrkräfte, die bereits an Schulen unterrichten?

Anfangs gibt es Unbehagen. Manche Schulleitungen oder Lehrkräfte wissen nicht was konkrete Inhalte des islamischen Religionsunterrichtes sind und gehen mit Vorurteilen an das Fach heran. Sie glauben etwa, dass Gewalt oder Frauenbenachteiligung durch diesen Unterricht unterstützt werden. Ein Blick in den modernen Kernlehrplan zeigt aber, dass diese Sorgen natürlich unbegründet sind. Ein Besuch einer Unterrichtsstunde oder ein Gespräch mit der muslimischen Religionslehrkraft kann diese Befürchtungen abbauen. Man erkennt schnell, dass gerade der islamische Religionsunterricht für muslimische Schülerinnen und Schüler einen reflektierten Zugang zu ihrem Glauben öffnet, indem sie ihren Glauben rational begründen können und in religiöser Hinsicht mündig werden.  

Was ist aus Ihrer Sicht heute wichtigste Aufgabe der Lehrkräfte?

Lehrer können Vorbilder sein. Gerade muslimische Lehrkräfte, die in die Mittelschicht aufgestiegen sind. Sie sind für muslimische Schülerinnen und Schüler ein motivierendes Vorbild und für nichtmuslimische Schüler oft ein Beispiel, das den verbreiteten Klischees nicht entspricht. Lehrkräfte können Jugendlichen Wege zeigen, wie sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen und als mündige kritisch reflektierende Geister ihren Lebensentwurf gestalten und diesen verantworten können.


Das Interview führte am 20. Nov. 2014 Susanne Schnabel.

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