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Interview Margot Käßmann

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Interview Margot Käßmann

Interview mit Margot Käßmann

 (© Steffen Roth)

(© Steffen Roth)

Prof. Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann ist ehemalige hannoversche Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende. Für das Reformationsjubiläum 2017 ist sie als „Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland" (EKD) eingesetzt. Wie sieht sie modernen Religionsunterricht heute? Was sind Werte, die wir unseren Schülerinnen und Schülern mit verschiedenen Bekenntnissen vermitteln sollten?

Welche Werte sind, Ihrer Meinung nach, heute in der Erziehung ganz besonders wichtig und sollten daher auch Platz in jedem Religionsunterricht haben? Was wünschen Sie sich für die Arbeit unserer Lehrkräfte in diesem Bereich?

Mir ist in der Erziehung wichtig, dass Vertrauen und Respekt vor der Einzelperson eine Rolle spielen. Das sollte sich auch im Religionsunterricht spiegeln in Kombination mit einer Förderung freien Denkens, der Ermutigung zum Fragen. Fundamentalismus mag keine Fragen, eine Religion, die Bildung schätzt, fördert sie.

Wie haben Sie Ihren Religionsunterricht in der Schule damals erlebt?

Mein Religionsunterricht hatte einen weiten Horizont. Ich habe ihn sehr geschätzt und anders als in meiner Jugend oft üblich das Fach mit der Religionsmündigkeit mit 14 auch nicht abgewählt. Für mich war es ein Ort, über Themen zu sprechen, die sonst nicht vorkamen in der Schule.

Was hat Sie damals bewogen sich für ein Theologiestudium zu entscheiden?

Mit 16 bin ich für ein Auslandsjahr in die USA gegangen. Damals endete der Vietnamkrieg, es gab viele Diskussionen über Krieg und Frieden. Ich lernte die Schriften Martin Luther Kings kennen und war fasziniert von der Kombination von Frömmigkeit und politischem Engagement. An meiner Schule gab es Jüdinnen und Juden, als Deutsche sollte ich etwas sagen zum Holocaust – das war für mich damals wirklich eine neue Herausforderung. Und schließlich starb mein Vater in diesem Jahr. Am Ende dachte ich: Theologiestudium, das ist eine Chance, all diesen Fragen tiefer nachzugehen.

Sie sind Botschafterin für das Reformationsjubiläum, das Protestantinnen und Protestanten in  Deutschland 2017 gemeinsam feiern. Welche Bedeutung hat Martin Luthers Leben und Werk für heutige Kinder und Jugendliche?

Martin Luther ist und bleibt die zentrale Figur der Reformationszeit. Seine Haltung vor dem Reichstag zu Worms, seine Sprachkompetenz, sein Glaube, der Zweifel nie geleugnet hat – das ist bis heute überzeugend. Wir sehen heute gewiss auch seine Schattenseiten, vor allem den Antijudaismus. Aber ich denke, für Kinder und Jugendliche bleibt seine Kraft aus Glauben auch gegenüber massiven Anfechtungen beeindruckend. Und er hat großen Wert auf Bildung gelegt. Jeder Junge, jedes Mädchen sollte lesen und schreiben lernen, um das eigene Gewissen an der Bibel eigenständig schärfen zu können.

Nordrhein-Westfalen hat als erstes Bundesland den islamischen Religionsunterricht eingeführt: Wie ist Ihre Einstellung zum Islam und zu diesem Bekenntnisunterricht?

Der Islam ist eine Religion, die ich respektiere und ich bin dankbar, dass in unserem Land Religionsfreiheit herrscht. Das wünsche ich mir auch für das Christentum in mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern. Einen islamischen Religionsunterricht an deutschen Schulen mit  einem Lehrplan  in deutscher Sprache finde ich gut, weil Kinder so lernen, ihre Religion nicht nur zu praktizieren, sondern auch zu reflektieren. Bildung beugt in allen Religionen Fundamentalismus vor.

In unserem Land wird zudem der alevitische Religionsunterricht unterrichtet. Immer mehr Kirchenverbände machen sich auf den Weg und wollen ebenfalls ein eigenes Fach für Ihr Bekenntnis an der Schule etablieren. Wie stehen Sie dazu?

Wie gesagt, ich halte das prinzipiell für gut. Aber es werden immer wieder pragmatische Entscheidungen je nach Schülerinnen- und Schülerzahl getroffen werden müssen.

Was kann Kirche und Schule gegen religiöse Gewaltlegitimation und Gewaltursachen tun?

Wir müssen immer wieder sagen, dass Religion nicht Gewalt legitimiert. Es sind für mich irre-geleitete Fanatiker, die so etwas tun. In der Regel geht es auch gar nicht um religiöse Konflikte, sondern um Machtauseinandersetzungen politischer, ethnischer oder wirtschaftlicher Natur, die dann Religion benutzen, um Öl in das Feuer des Konfliktes zu gießen. Dazu dürfen Religionen sich nicht verführen lassen, darüber müssen wir auch in der Schule reden.

Wie sollte Ihrer Meinung nach in der Schule auf die zahlreichen aktuellen Krisenherde auf unserer Welt reagiert werden – oder anders gefragt: Wie erhöhen unsere Lehrkräfte bei Jugendlichen die Bereitschaft, sich für den Frieden zu engagieren?

Mir liegt daran, dass wir Kindern und Jugendlichen zeigen, welche Formen der Gewaltprävention und Konfliktbewältigung es gibt: Mediation, Begegnung, gewaltfreie Intervention. Aktionen wie „Schritte gegen Tritte“ sind da großartige Modelle für Schulen.

Was kann Kirche gegen Kinderarmut tun?

Es geht um materielle Armut, aber auch um Ausgrenzung. Gerade in der Schule ist das spürbar. Da können Schulen mit Gesprächen, Aktionen, Aufmerksamkeit sehr viel bewirken!

Was wollten Sie Lehrerinnen und Lehrern immer schon mal mit auf den Weg geben? -Oder anders gefragt: Wie sieht für Sie eine Schule der Zukunft aus?

Ich wünsche mir sehr, dass Bildung eine Lust wird und nicht nur als Last gesehen wird. Mir ist bewusst, wie sehr gefordert Lehrerinnen und Lehrer sind. Sie können die gesellschaftlichen Entwicklungen ja nicht ausgleichen! Aber ihre Zuwendung zum einzelnen Schüler, der einzelnen Schülerin können eine ganze Biografie verändern. Dazu möchte ich sie schlicht ermutigen.

Weiter Informationen zur Aktion „Schritte gegen Tritte“ unter: http://www.schrittegegentritte.de/


Das Interview führte am 7. Sep. 2014 Dr. Susanne Braun-Bau.

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