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Interview Kardinal Woelki

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Interview Kardinal Woelki

 (© Robert Boecker)

(© Robert Boecker)

Rainer Maria Woelki ist seit September 2014 Erzbischof in Köln. Er wurde in Köln-Mülheim geboren, studierte von 1978 bis 1983 in Bonn und Freiburg (u.a. bei Kardinal Karl Lehmann). 1985 erhielt er die Priesterweihe durch Kardinal Joseph Höffner, 1990 wurde er erzbischöflicher Kaplan und Geheimsekretär von Kardinal Joachim Meisner. 1997 bis 2003 war er Direktor des Theologenkonvikates „Collegium Albertinum“ in Bonn. 2003 erhielt er die Bischofsweihe durch Kardinal Meisner. Seit 2011 war er Erzbischof von Berlin, am 11. Juli 2014 ernannte ihn Papst Franziskus zum neuen Erzbischof von Köln, dem größten und finanziell stärksten deutschen Bistum.

Im Interview äußert er sich über „Baustellen“ für die Weiterentwicklung des katholischen Religionsunterrichts, die Chancen für unsere Gesellschaft durch Einwanderung sowie die Herausforderungen durch islamfeindliche Gruppen.

Sie haben in einem Interview gesagt, dass Ihnen daran liegt, „den Glauben wieder stärker in die Gesellschaft hinauszutragen.“ Wie Sie sicher wissen, bietet Nordrhein-Westfalen Religionsunterricht in sieben Bekenntnissen an. Was sind für Sie wichtige Inhalte und Ziele in einem modernen katholischen Religionsunterricht?

Das wichtigste, was der Religionsunterricht vermitteln kann, ist eine wertegebundene Orientierung inmitten der atemberaubenden Schnelllebigkeit und Unübersichtlichkeit, in der Kinder und Jugendliche heute aufwachsen. Schule muss für umfassende und mehrdimensionale Menschenbildung sorgen, und dabei hält der Religionsunterricht die entscheidende Stelle offen, die deutlich macht, dass der Mensch mehr ist als die Summe seiner wirtschaftlichen und pragmatischen Möglichkeiten. Denn egal was er leistet, weiß oder darstellt: Jeder Mensch ist bedingungslos von Gott geliebt. Die Herausforderung ist, diese fundamentale Botschaft des Christentums unter den Bedingungen der Gegenwart neu zu buchstabieren und damit jungen Menschen Perspektiven für ein gelingendes Leben aufzuzeigen. Orientierung ist immer konkret. Deshalb steht im katholischen Religionsunterricht selbstverständlich die Wissensvermittlung über unseren Glauben an vorderster Stelle, gleichzeitig allerdings auch die Entwicklung einer religiösen Dialog- und Urteilsfähigkeit in einer zunehmend religiös und weltanschaulich heterogenen Welt. Um aber in einem konkreten Glauben beheimatet zu sein und gleichzeitig auch entscheidungs- und auskunftsfähig zu werden, müssen Schülerinnen und Schüler darüber hinaus Formen gelebten Glaubens erfahren können, selbst wenn das in einem ordentlichen Unterrichtsfach sicherlich nur bedingt geleistet werden kann. Diese Aufgabe weist weit über die Schule hinaus. Den Müttern und Vätern des Grundgesetzes jedenfalls schien eine religiöse Orientierung und eine - durchaus auch kritische - Auseinandersetzung mit religiösen Fragen in der Schule so wichtig zu sein, dass sie einzig dem Religionsunterricht Verfassungsrang gegeben haben. Das ist ein hoher Anspruch, dem sich dieses Fach auch unter den Bedingungen und Herausforderungen einer stark säkularisierten Gesellschaft stets neu zu stellen hat- um einer ganzheitlichen Bildung der Kinder und Jugendlichen willen.

Kirchenrechtlich ist es noch nicht möglich, dass Frauen zu Kardinälen ernannt werden. Sie müssten zunächst die Priester- und Bischofsweihe empfangen. Wie stehen Sie zu einer Modernisierung der Kirche in diesem Bereich?

Diese Frage ist keine kirchenrechtliche und auch keine der Aktualität oder Modernität, sondern eine theologische Frage des kirchlichen Selbstverständnisses. Die Kirche sieht sich bereits von ihrem Ursprung her seit den Zeiten der Apostel daran gebunden, das Priesteramt Männern zu übertragen. Sie hat keine Vollmacht dies eigenmächtig zu ändern. Gleichwohl bin ich für mehr Frauen auch in leitenden Positionen in der Kirche, wo immer dies möglich ist. Ich persönlich habe damit in meinem Verantwortungsbereich bisher sehr gute Erfahrungen gemacht.

Was sind für Sie als neuer Erzbischof von Köln besonders wichtige Inhalte, die Sie vertreten wollen und die dann auch Thema in unseren Schule sein sollten?

Es sind vor allem die diakonischen Aspekte unseres Glaubens, also das konkrete Handeln aus der Glaubensüberzeugung, dass Gott sich uns immer als erster zuwendet. Aus dieser Erfahrung, dass ich liebend angenommen bin, entspringt der Impuls, mich anderen zuzuwenden und sie anzunehmen, Teil dieser gemeinschaftsstiftenden Bewegung zu werden. Denn unser Glaube ist keine blutleere Doktrin, sondern er schafft Gemeinschaft, er ermutigt zur Verantwortung, er drängt zum Tätigwerden. Wir leben immer mehr in der einen Welt, die grenzenlos und vernetzt ist. Da kommt es entscheidend auf Austausch, Dialogfähigkeit und vorurteilsfreies Aufeinander-Zugehen an. Diese Dynamik steckt konstitutiv im christlichen Glauben. All die großen Themen wie Religionsfreiheit, Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Solidarität im globalen Zuschnitt wie auch im lokal-konkreten Kontext bedürfen zuerst der konkreten Einübung. Aktuell kann und muss sich das bei uns gerade in der Flüchtlingsfrage bewähren.

Deutschland und gerade auch Nordrhein-Westfalen bietet zurzeit zahlreichen Flüchtlingen eine neue Heimat. Das ist eine große Herausforderung für unsere Gesellschaft. Wie sehen Sie hier die Aufgabe der katholischen Kirche?

Wir müssen ganz schlicht die Menschen befähigen, sie unterstützen, dass sie einander gute Nachbarn werden können. Denn die Flüchtlinge können in den seltensten Fällen in ihre Heimat zurückkehren. Im Erzbistum Köln haben wir deshalb die „Aktion Neue Nachbarn“ gegründet, die vor allem auf der lokalen Ebene mithilft, dass eine wirkliche Willkommenskultur entsteht und die Integration gelingt.

Trägt unsere konsumorientierte Gesellschaft Mitverantwortung dafür, dass unser Wohlstand auf Kosten der Herkunftsländer geht? Brauchen wir also einen Wertewandel und was kann die Kirche dazu beitragen?

Unsere Mitverantwortung ist doch gar nicht zu leugnen. Wenn ich die gerade angesprochene Flüchtlingsfrage bis zu ihren Ursachen zurückverfolge, entdecke ich manches, was mit unserem Konsum zu tun hat. Etwa wenn unser Energie- und Rohstoffhunger dazu führt, das die Rohstoffgewinnung der Konzerne in manchen Ländern Afrikas ganze Landstriche unbewohnbar macht und die Menschen ihrer Existenzgrundlage beraubt. Ähnlich ist es mit unserem Fleischkonsum: Wo Futtermittel für unser Vieh angebaut wird, fehlt es nicht selten an Nahrungsmitteln für die einheimische Bevölkerung. Oder die mit der intensiven Fleischproduktion verbundenen Klimaveränderungen, die gerade in den ärmsten Ländern zu Dürre, Überschwemmungen oder anderen Naturkatastrophen führen und dann ebenfalls immer häufiger ein Fluchtgrund sind. Wenn wir über die Flüchtlingsfrage reden, sollten wir so ehrlich sein und auch diese Zusammenhänge ansprechen. Die Kirche kann und muss hier den Rechtlosen und Ausgebeuteten eine Stimme geben, und sie tut dies auch, etwa durch unsere großen Hilfswerke.

Wie in Berlin hat auch das Erzbistum Köln viele muslimische Mitbürgerinnen und -bürger. Nordrhein-Westfalen hat als erstes Bundesland den islamischen Religionsunterricht eingeführt. Wie stehen Sie zu diesem Angebot?

Es ist unbedingt zu begrüßen, dass alle Kinder und Jugendlichen im Sinne der angesprochenen Wissensvermittlung und Beheimatung einen Religionsunterricht in ihrer Konfession und Religion erhalten. In seiner rechtlichen Verfasstheit und mit seinen bildungstheoretischen Zielperspektiven muss dieser Unterricht den gleichen Ansprüchen genügen wie unser konfessioneller Religionsunterricht, also etwa selbstverständlich auf der Grundlage der Verfassung stehen.

Das Grundgesetz und auch die Landesverfassung legen das Recht auf bekenntnisorientierten Religionsunterricht fest. Angesichts von gewaltbereiten Salafisten und vielen Deutschen, die den Islam nicht als Teil westlicher Kultur akzeptieren wollen, scheint es wichtig zu sein, dass die Religionen voneinander lernen und miteinander im Dialog stehen. Wie könnte der Religionsunterricht einen solchen Dialog fördern?

Ein wichtiges Ziel heutigen Religionsunterrichts aller Konfessionen und Religionen muss sein, dass er nicht nur in den eigenen Glauben einführt, sondern wie gesagt auch zu einer differenzierten Dialog- und Urteilsfähigkeit qualifiziert. Das ist eine zentrale Grundlage und Voraussetzung für ein friedliches Miteinander der Religionen und Kulturen wie auch für einen wahrhaftigen interreligiösen Dialog. Dies kann in der Schule, angeleitet von erfahrenen Pädagoginnen und Pädagogen, in besonderer Weise eingeübt werden. Aber so wichtig das ist, darf dies nicht nur auf den Religionsunterricht beschränkt bleiben, auch um diesen nicht mit Erwartungen zu überfrachten. Das muss in allen Fächern thematisiert werden und darüber hinaus im gesamten Schulleben eine herausragende Rolle einnehmen. Denn Schule ist ja in gewisser Weise auch immer ein Abbild der Gesellschaft.

Papst Franziskus fordert eine „Kirche der Armen“. Die Diskussion kam sicher auch durch die bekannten Debatten in Limburg die öffentliche Aufmerksamkeit. Sie selbst haben in Berlin im Wedding gewohnt. Die Einnahmen aus den Kirchensteuern steigen. Wie ist Ihre Einstellung zu diesem Thema?

Entscheidend ist, was mit dem Geld geschieht. Es ist für uns kein Selbstzweck, sondern für die Menschen da. Insofern ist eine arme Kirche und ein großes Haushaltsvolumen nicht per se ein Widerspruch. Wir sind ja kein Wirtschaftsunternehmen, sondern eine große Gemeinschaft von Menschen, die aus ihrer Glaubensüberzeugung heraus unsere Welt mitgestalten möchten, und zwar so, dass sie für alle lebenswert ist. Wir haben gerade unsere Bilanz veröffentlicht und dargestellt, was wir im Einzelnen mit dem uns anvertrauten Geld tun. Etwa jeder zweite Euro aus der Kirchensteuer geht in die Seelsorge und kommt damit unmittelbar den Menschen zugute, die übrigen Mittel werden beispielsweise für Bildung, Schule, Caritas oder Entwicklungshilfe eingesetzt. Zudem haben wir als großer Arbeitgeber auch eine große Verantwortung für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ein wesentlicher Teil unserer Rücklagen ist z.B. als Pensionen gebunden, etwa für die Lehrkräfte unserer Schulen, die einen vergleichbaren Versorgungsanspruch wie staatliche Beamte haben. Weil wir als Kirche weder Gewinne machen noch Schulden verantworten können, lässt sich das anders nicht darstellen. Die aktuell guten Kirchensteuereinnahmen verdanken wir der guten Wirtschaftslage und einer bislang nicht dagewesenen Beschäftigtenzahl, und sie ermöglichen uns, zum Beispiel verstärkt im Bereich der Kindertagesstätten und in der Bildung zu investieren. Über all das geben wir umfassend Auskunft in unserem aktuellen Finanzbericht.

Sie gelten als reformorientierter modern denkender Kardinal, der dennoch die reine Lehre der katholischen Kirche vertritt. Ministerin Löhrmann hat soeben die Schirmherrschaft für das Projekt „Schule ohne Homophobie- Schule der Vielfalt“ übernommen. Kirche sollte nicht diskriminieren, sondern offen sein für alle Menschen – also auch für Lesben und Schwule. Stimmen Sie dem zu?

Voll und ganz. Genau so steht es auch im Katechismus.

In Niedersachsen und Baden-Württemberg gibt es Streit um das Thema „sexuelle Vielfalt“ im Unterricht. Eltern wehren sich gegen Aufklärungsunterricht. Wie bewerten Sie diese Debatten?

Der Aufklärungsunterricht ist ein wichtige schulische Aufgabe von der Primarstufe an. In vertrauensvoller Zusammenarbeit mit den Eltern sollen die Lehrerinnen und Lehrer wesentliche Inhalte auf einem jeweils altersgerechten Niveau vermitteln. Dabei es mir wichtig, dass Sexualerziehung den ganzen Menschen in den Blick nimmt und nicht auf eine einzelne menschliche Dimension reduziert. Als Kirche haben wir hier Wichtiges anzubieten, das zu einem gelingenden Leben beiträgt. Unsere Schulabteilung hat hier z.B. eine Arbeitshilfe für die Sexualerziehung an Grundschulen herausgebracht, der dieses ganzheitliche Menschenbild und die kostbare Mehrdimensionalität des Menschen zugrunde liegt.

Gibt es eine speziell katholische Erziehung? Wenn ja, was ist das?

Unter einer "speziell katholischen Erziehung" als einer Art Sonderform der Erziehung kann ich mir nichts Sinnvolles vorstellen. Sehr wohl aber gibt es eine katholisch motivierte und grundierte Erziehung. Dies meint eine Erziehung aus einem katholischen Geist, einer Haltung und Grundeinstellung. Dazu gehört etwa das Menschenbild, das den Menschen als geliebtes Geschöpf Gottes betrachtet, frei und verantwortlich für sich, seinen Mitmenschen, die Mitgeschöpfe und die Welt. Ein wichtiges Ziel katholischer Erziehung ist die unbedingte Achtung der Würde des von Gott geliebten Menschen - gerade des schutzlosen -, die sich dann auch in der konkreten schulischen Bildungs- und Erziehungsarbeit manifestiert. Nach katholischem Verständnis ist es zunächst die Pflicht und auch das Recht der Eltern, ihre Kinder zu erziehen. Auf den schulischen Bereich übertragen bedeutet dies, dass wir die Arbeit der Eltern wie der Lehrerinnen und Lehrer als eine Erziehungsgemeinschaft mit unterschiedlichen Aufgaben verstehen.

In vielen Ländern – etwa Afrika – ist zu beobachten, dass radikale evangelikale Gruppen die Oberhand gewinnen und den Katholizismus zurückdrängen. Wie bewerteten Sie das?

Untersuchungen zeigen, dass diese Entwicklung verschiedene Ursachen hat: Große Resonanz finden evangelikale Gruppen etwa unter der armen Bevölkerung oder bei Menschen, die wegen ihres Migrationshintergrundes Halt und Beheimatung suchen. Die immer noch wachsenden Megastädte in vielen Ländern der südlichen Erdkugel mit ihren sozialen und pastoralen Problemen bilden ebenfalls einen günstigen Nährboden für solche Bewegungen, und nicht zuletzt müssen wir auch selbstkritisch sehen, dass unsere Kirchenkultur aus Sicht vieler dieser Menschen offenbar zu nüchtern, formalistisch und bürokratisch ist und ihrem Bedürfnis nach Gemeinschaftlichkeit nicht entgegenkommt.

Sie sind bekennender Fan des 1. FC Köln, wie man weiß. Welche Rolle spielt der Sport in Ihrem Leben?

Mindestens zwei – die beschriebene als FC-Fan und eine aktive, wenn ich z.B. Rad fahre. Das brauche ich schon als Ausgleich für die vielen sitzenden Tätigkeiten, die meine Aufgaben leider mit sich bringen.

Das Interview führte Dr. Susanne Braun-Bau im Mai 2015.

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