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Auch so geht Schule: Von Seifenblasen, Pfeifenputzerspinnen und Popcorn

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Auch so geht Schule: Von Seifenblasen, Pfeifenputzerspinnen und Popcorn

Sommerferien in Nordrhein-Westfalen: Urlaubszeit, die Straßen sind leer, viele Büros auch und in den Schulen werkelt höchstens der Hausmeister an defekten Tischen und Türschlössern? Mitnichten! In Essen Katernberg wandern an diesem Augustmorgen rund 15 Kinder über den Schulhof zum gegenüberliegenden Schulgebäude. In den Händen halten sie Schlafsäcke und Stofftiere, manche davon genauso groß wie ihre Besitzer. Auch knapp 20 Kilometer weiter südlich, in Kettwig, ist auf dem Schulhof der Schmachtenbergschule von Ferienblues keine Spur: Seifenblasen fliegen umher, Kinder sind mit Rollern unterwegs oder tragen selbstgebastelte bunte Spinnen auf dem Kopf – ganz normaler Alltag im Ferienprogramm des offenen Ganztags.

Von Nina Golombek

„Die Nachfrage der Ferienbetreuung hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen, denn immer häufiger sind in den Familien beide Elternteile berufstätig“, sagt Anke Zimmermann, Erzieherin an der Schmachtenbergschule und ergänzt: „Wenn keine weiteren Betreuungspersonen zur Verfügung stehen, würde das bedeuten, dass beide Elternteile in den Sommerferien getrennt voneinander Urlaub nehmen müssten.“ In Essen können Eltern, deren Kinder an den Angeboten des offenen Ganztags teilnehmen, ihr Kind in den Oster-, Herbst- und Weihnachtsferien sowie drei Wochen während der Sommerferien betreuen lassen. Zwischen 60 und 80 Schülerinnen und Schüler nehmen in diesen Sommerferien an den Angeboten der Schmachtenbergschule teil. Die Betreuung durch Erzieherinnen und Erzieher in der unterrichtsfreien Zeit soll jedoch nicht nur gemeinsame Urlaube mit der ganzen Familie ermöglichen. Denn Spielen, Backen, Basteln und zusammen die Stadt erkunden haben auch einen besonderen pädagogischen Wert und fördern den Bildungsprozess der Grundschulkinder.

Ferienprogramme fördern die Entwicklungsprozesse der Grundschulkinder

Jana, Sophie, Ela, Julia und Rieke (v.l.) machen aus Spülmittel Seifenblasen (© Nina Golombek / MSB NRW)

Jana, Sophie, Ela, Julia und Rieke (v.l.) machen aus Spülmittel Seifenblasen (© Nina Golombek / MSB NRW)

„Lernen ergibt dann besonders Sinn, wenn man einen Bezug zu dem hat, was man lernt“, sagt Birgit Weniger, kommissarische Schulleiterin an der Schmachtenbergschule. „Warum? Wenn man zum Beispiel beim Waffeln Backen abwiegen muss, wieviel Mehl und wieviel Zucker in den Teig gehören, ist das eine Möglichkeit, in der Schule Gelerntes damit zu verbinden. Kinder sind bisweilen blockiert, wenn sie nur ein Aufgabenblatt im Unterricht vor der Nase liegen haben. Wenn sie das Mehl auswiegen müssen, können sie hingegen ganz locker sagen, wie viele Gramm noch bis zu einem Kilo fehlen. Das Gehirn denkt anders, wenn es theoretisch Gelerntes anwenden muss“, so Weniger.

Auch Bewegung fördere kognitive Lernprozesse: „Balancieren, Rückwärtslaufen – das hat was mit Rückwärtszählen zu tun. Die Orientierung im Raum hat etwas mit der Orientierung im Zahlenraum zu tun“, weiß Weniger, die seit 21 Jahren in Kettwig unter anderem Mathe, Deutsch und Sport unterrichtet. Gerade für Grundschulkinder seien diese Basiskompetenzen essentiell, um auch im Unterricht gute Leistungen erbringen zu können. Wichtig seien dabei ein ausgewogenes Ferienprogramm und eine gute Kommunikation zwischen Erzieherinnen und Erziehern, Lehrkräften sowie der Schulleitung. Gemeinsam können die Schülerinnen und Schüler in ihren Entwicklungsprozessen so optimal unterstützt werden.

In Essen steht an diesem Augusttag ein Spielevormittag auf dem Programm. Am Vortag fuhren die Kettwiger gemeinsam zum Freizeitpark Schloss Beck. Nach der Rückkehr von Ausflügen geht es im Ganztag ruhiger zu. Viele der Kinder sind dann ein bisschen müde und können die Zeit selbstbestimmt nutzen. „Freies Spielen wird für die Entwicklung von Grundschülern oft unterschätzt“, sagt Anke Zimmermann. „Viele Eltern fragen häufig, ob die Kinder ‚nur gespielt‘ hätten. Bei ihnen muss alles unter dem Anspruch der inhaltlichen Förderung und Anleitung stehen. Dabei kann Spielen für die Schülerinnen und Schüler auch durchaus anstrengend sein. Sie lernen, offen Konflikte auszutragen, Regeln einzuhalten und entscheiden selbst, was sie gerade machen möchten und mit wem.“

Neue Freundschaften entstehen

Florian, Ben, Jan und Ben (v.l.) von der Schmachtenbergschule zeigen ihre Pfeifenputzerspinnen (© Nina Golombek / MSB NRW)

Florian, Ben, Jan und Ben (v.l.) von der Schmachtenbergschule zeigen ihre Pfeifenputzerspinnen (© Nina Golombek / MSB NRW)

Hier liegt auch der Unterschied zwischen dem regulären Angebot des offenen Ganztags in Kettwig und des Ferienprogramms: Während die Schülerinnen und Schüler im laufenden Schuljahr an AGs teilnehmen, dort musizieren, schauspielern, oder Logikspiele lösen, soll die Ferienbetreuung spannende Angebote und Abwechslung zum Schulalltag bieten. „Wir backen, basteln und frühstücken gemeinsam – auch mal lang und ausgedehnt“, erzählt Anke Zimmermann und ergänzt: „Im Sommer grillen wir, machen Obstspieße und gehen schwimmen. Unser Programm umfasst viele Aktivitäten, die die Kinder auch im Kreise ihrer Familie erleben. Ein Highlight sind natürlich die wöchentlichen Ausflüge.“

Das finden auch die Schülerinnen und Schüler selbst. In diesem Sommer waren sie schon in der Essener Gruga und im Kindertheater, aufgeführt auf der Freilichtbühne Ratingen. „Das Schwimmen und der Besuch im Freizeitpark waren am schönsten“, finden Ben und Florian, beide sieben Jahre alt. Der jüngere Ben, sechs Jahre alt, freut sich besonders über seine bunte Spinne, selbst hergestellt aus Pfeifenreinigern: „Damit kann ich meine Mama erschrecken.“

Besonders spannend für die Kinder sind auch die neuen Spielgefährten: Im offenen Ganztag spielen und lernen Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Altersgruppen gemeinsam. In der Ferienbetreuung kommen weitere Kinder aus anderen Schulen im Schulbezirk hinzu. „Es ist ganz witzig zu beobachten, wie sich Schülerinnen und Schüler wieder anfreunden, die sich aus dem Kindergarten kennen und dann auf verschiedene Schulen gegangen sind“, sagt Anke Zimmermann.

Die Schülergruppen sorgen noch für Erstaunen

Nadine, Emma und Elissa (v.l.) warten an der Peter-Ustinov-Schule auf den Beginn des Kissenkinos (© Nina Golombek / MSB NRW)

Nadine, Emma und Elissa (v.l.) warten an der Peter-Ustinov-Schule auf den Beginn des Kissenkinos (© Nina Golombek / MSB NRW)

Dieselben Erfahrungen macht auch das Erzieherinnen-Team um Brigitte Brosker, an der Peter-Ustinov-Schule in Katernberg. In den ersten drei Wochen der Sommerferien verbringen hier rund 50 Kinder aus sechs Schulen gemeinsam die Ferientage. „Viele Freundschaften haben sich gebildet, über alle Schulen und Klassenstufen hinaus“, sagt Brosker, die seit vier Jahren in der Ferienbetreuung tätig ist.

Eine weitere Erfahrung, die die Essener Erzieherinnen schulübergreifend in den Ferien teilen: Das Erstaunen über die großen Schülergruppen. „Neulich war unser Team mit 50 Kindern mit Bus und Bahn unterwegs. Das war abenteuerlich. Viele Passanten haben mich gefragt, wohin wir unterwegs sind. Es seien doch Ferien.“ Ein Bild, an das sich die Nachbarschaft gewöhnen wird, denn die Anmeldezahlen für die Ferienbetreuung steigen in beiden Schulen stetig.

Am heutigen Vormittag steht in Katernberg kein Ausflug auf dem Programm, stattdessen gehen die Erzieherinnen gemeinsam mit den Kinder ins „Kissenkino“ in den Gymnastikraum: Flugs werden Schlafsäcke, Matten und Stofftiere auf dem Holzboden verteilt, auch das Popcorn darf nicht fehlen: Vorhänge zu, Spot an. Kein Mucks ist zu hören, außer des Raschelns der Popcorntüten, es herrscht große Konzentration. Auch das sind  Ferien im offenen Ganztag: abschalten und die Freizeit genießen.

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