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Schüleraustausch: Die Welt entdecken – und sich selbst

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Schüleraustausch: Die Welt entdecken – und sich selbst

In einem Auslandsjahr lernen Schüler eine fremde Sprache und Kultur kennen. Vor allem aber erfahren sie viel über ihre eigenen Befindlichkeiten.

In einem Auslandsjahr lernen Schüler eine fremde Sprache und Kultur kennen. Vor allem aber erfahren sie viel über ihre eigenen Befindlichkeiten.

Von Jörg Barda und Frauke König

Foto: AnnabellSeit sie als Kind mit ihren Eltern quer durch Amerika gereist ist, hat Annabell Karsten einen Traum: ein Jahr lang in den USA zur Schule gehen. Seit drei Monaten lebt sie diesen Traum und ist als Austauschschülerin in Michigan. „Ich wollte ein Abenteuer erleben und Dinge aus einem anderen Blickwinkel kennenlernen. Aber auch herausfinden, wer ich bin“, erzählt die 15-Jährige aus dem westfälischen Halle. Der „starke Charakter“ und die Offenheit ehemaliger Austauschschüler hätten sie beeindruckt. „Das wollte ich auch haben.“

"Ich hab gemerkt, wie stark ich bin"

Besonders begeistert ist Annabell davon, wie offen Menschen auf sie zugehen. Sie lernt nicht nur eine fremde Sprache und Kultur kennen, sondern auch viel über sich selbst: „Man erfährt, was für ein Mensch man ist. Ich habe gemerkt, dass ich stark bin, wenn ich etwas will.“ Das half schon dabei, sich sprachlich einzugewöhnen. Am Anfang habe sie tatsächlich kaum ein Wort herausgebracht, berichtet Annabell. Die Amerikaner seien aber geradezu begeistert gewesen, ihr zu helfen, wenn sie mal etwas nicht verstanden habe. Das ist jetzt kaum mehr nötig. „Mittlerweile fällt es mir sogar ziemlich schwer, auf Deutsch umzuschalten“, sagt sie.

Auch Annabells Mutter sieht das Jahr in Michigan als Gewinn. „Annabell wird viel erleben und unheimlich reifen“, sagt Marion Karsten. Ihre Tochter klinge zufrieden und fröhlich, auch wenn nicht immer alles einfach sei. Gerade wechselt Annabell auf Anraten der Organisation, die Annabell in den USA betreut, die Familie. Die erste hatte sich nicht genügend um ihren Gast gekümmert. „Annabell muss sich den Problemen allein stellen“, sagt die Mutter. Natürlich unterstütze sie ihre Tochter und spreche ihr Mut zu, aber von Deutschland aus sei das nicht immer einfach. „Wichtig ist, dass jemand vor Ort ist, der ihr hilft, wenn es Probleme gibt. Dann lässt man sie beruhigter gehen.“ Mitarbeiter der Organisation kümmern sich nun um eine neue Gastfamilie und haben Annabell in der Zwischenzeit aufgenommen.

Viel los, viel zu erleben

In der Schule ist sie zunächst geblieben, in der sie ohnehin den größten Teil des Tages verbringt. Fünf Zeitstunden Unterricht am Tag (Annabell: „relativ einfach“), eine Mittagspause dazwischen und Sport- oder Musical-Gruppe im Anschluss – das Mädchen ist gut beschäftigt und abends von all den Eindrücken „todmüde“, wie es sagt.

Dass ein Traum auch Schattenseiten haben kann, spürt Annabell besonders jetzt während des Gastfamilienwechsels. „Anfangs ist man schon deprimiert. Aber man muss sich damit arrangieren.“ Das scheint zu klappen. Sie zieht selbst aus dieser schwierigen Situation eine positive Bilanz: „Ich habe mich schon mal gut eingelebt, dann werde ich das auch beim nächsten Mal schaffen. Ich bin mittlerweile richtig flexibel“, sagt sie und ergänzt: „Das ist eben ein großes Abenteuer.“ Trotz allem: Annabell würde jedem Schüler zu einem Auslandsjahr raten. „Ich habe nicht bereut herzukommen.“

Gut zu wissen

Wer bietet ein Auslandsjahr an?
Es gibt Dutzende von Anbietern in Deutschland, gemeinnützige und kommerzielle. Die Stiftung Warentest hat den Markt beobachtet und konnte zumindest preislich kaum Unterschiede ausmachen. Wer sich über die Angebote informieren will, ist bei den Verbänden richtig: einerseits beim Deutschen Fachverband Highschool, zu dem sich zehn gewerbliche Anbieter zusammengeschlossen haben (www.highschool.de), oder beim Arbeitskreis gemeinnütziger Jugendaustauschorganisationen (www.aja-org.de). Das Land Nordrhein-Westfalen bietet Programme auf Gegenseitigkeit unter anderem nach Australien, Kanada und Neuseeland an.

Woran erkenne ich eine seriöse Organisation?
Es gibt keine einheitlichen, verbindlichen Qualitätsstandards für Anbieter von Auslandsjahren. Auch wenn jährlich nur rund fünf Prozent der angemeldeten Schüler ihren Aufenthalt abbrechen, so sollten Eltern laut Stiftung Warentest dennoch darauf achten, wie die Organisation mit Schwierigkeiten umgeht: Gute Anbieter weisen schon im Prospekt auf mögliche Probleme hin. Sie bieten auch ein mehrtägiges Seminar zur Vorbereitung und Treffen zur Nachbereitung des Aufenthalts an. Weitere Tipps: www.test.de (Suchwort: Auslandsjahr)

Was kostet ein Auslandsjahr?
Durchschnittlich 7.000 bis 8.000 Euro, je nach Land und Anbieter, plus Taschengeld und sonstige Ausgaben wie Abendgarderobe und Flug werden fällig. Man sollte allerdings vergleichen, was im Angebot enthalten ist. Stipendien sind möglich, zum Beispiel beim Deutschen Fachverband Highschool oder dem Parlamentarischen Patenschaftsprogramm des Deutschen Bundestages.

Wie bekommt ein Schüler einen Platz?
Der erste Weg sollte zur Schulleitung führen. Sie kann für ein Auslandsjahr die notwendige Beurlaubung erteilen. Dann muss an die Organisation, die das Auslandsjahr organisieren soll, eine schriftliche Bewerbung gerichtet werden. In einem anschließenden Gespräch soll der Jugendliche darlegen, warum er ins Ausland möchte. Die Stiftung Warentest mahnt: „Die Motivation sollte unbedingt vom Schüler ausgehen, nicht von den Eltern.“ Für die Vorbereitung muss ein Jahr eingeplant werden.

Ist das Auslandsjahr allein für Schüler der gymnasialen Oberstufe geeignet?
Nur etwa jeder zwanzigste deutsche Austauschschüler kommt aus einer Haupt- oder Realschule. Dabei können sich laut einer Umfrage 64 Prozent der Realschüler vorstellen, ein Jahr lang eine Schule im Ausland zu besuchen. Häufig fehlt dann doch der Mut. Dabei dürfte es für gute Hauptschüler ebenso wenig ein Problem darstellen, in einer amerikanischen Highschool mitzukommen, wie für Realschüler. In Ländern, in denen nicht Englisch gesprochen wird, werden nicht einmal sprachliche Grundlagen erwartet, sondern zu Beginn des Auslandsjahres in einem Sprachkurs vermittelt. Das gilt etwa für osteuropäische und lateinamerikanische Länder.

Ist die Schulzeitverkürzung am Gymnasium ein Hindernis?
Im achtjährigen Gymnasium ist ein Auslandsjahr genauso möglich wie früher – entweder nach Abschluss der Klasse 9 oder nach Klasse 10.

Gibt es Alternativen zum Auslandsjahr?
Es gibt etliche Möglichkeiten für junge Menschen, eine längere Zeit im Ausland zu verbringen: vom Auslandspraktikum, über Freiwilligenarbeit, Au-pair, Farmarbeit im Ausland, „Work and Travel“ bis hin zum Auslandssemester oder -studium. Das Land will andererseits ein wenig mehr Internationalität in die Schulen holen: Mit dem in diesem Jahr gestarteten „Teacher Acquisition Programme“ bemüht sich das Schulministerium, ausländische Lehrkräfte für den Unterricht zu gewinnen. Die Lehrkräfte sollen Englisch, Französisch und Spanisch, aber auch Fachunterricht wie Erdkunde oder Geschichte zweisprachig erteilen.

Literatur: Einen guten Überblick bietet das gerade erschienene „Handbuch Weltentdecker“ von Jens Hirschfeld, Annike B. Hüske und Thomas Terbeck, Weltweiser-Verlag, 14,80 Euro.

Aus: Schulzeit Winter 2009

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