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Max lernt anders. Alara auch.

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Max lernt anders. Alara auch.

In der Grundschule Berg Fidel in Münster ist Inklusion schon seit Jahren selbstverständlich. Als pädagogisches Prinzip gilt hier: Jedes Kind braucht Förderung.

Von Martina Peters

Foto: Bild_1Max* konzentriert sich auf seine Rechenschiffchen. „Eins, zwei, drei, … vier!“ Er ist stolz und strahlt den Besucher durch seine bunte Brille an. Max kann gut rechnen, kennt sich schon ganz gut am Computer aus und auch beim Schreiben macht er Fortschritte. Selbstverständlich ist das nicht, denn der zehnjährige Junge hat Trisomie 21. In der Ganztagsgrundschule Berg Fidel in Münster aber lernt er gemeinsam mit anderen, sogenannten „Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf“ und „normalen“ Schülerinnen und Schülern der Stufen 1 bis 4 in einer jahrgangsübergreifenden Klasse – ein inklusives, erfolgreiches Konzept.

„Andernorts wäre Max lange nicht so weit …“, so ist sich seine persönliche Betreuerin, Julia Morrison, sicher. Sie arbeitet als Integrationshilfe an der Münsteraner Grundschule im sozialen Brennpunkt Berg Fidel und unterstützt damit Klassenlehrerin und Sonderpädagogin Barbara Wenders sowie Lehrer und Schulleiter Reinhard Stähling in der „Mohnblumenklasse“. Barbara Wenders: „Ich bin sicher: Jede Grundschule könnte morgen anfangen, inklusiv zu arbeiten. Alles steht und fällt mit dem Umdenken des Kollegiums, mit der Bereitschaft, eine Beziehung zu allen Schülern aufzubauen, den Unterricht flexibel zu gestalten und organisatorisch kreativ zu werden. Die Belastung ist nicht höher, das Ergebnis motiviert jeden Lehrer in seiner pädagogischen Arbeit.“

Es ist kurz vor acht Uhr an einem Mittwochmorgen. Der beginnt mit offenem Unterricht. Das heißt: Ab 7.30 Uhr trudeln die Kinder der „Mohnblumenklasse“ (1. bis 4. Klasse) ein, die zwei aneinander grenzende Räume zur Verfügung hat. Der erste ist mit Tischen und Stühlen, einem Aquarium, zwei Computern und einer Spielecke ausgestattet und eher fürs Ankommen gedacht, für kurze Gespräche mit den Kindern, auch mit den Eltern, die sie bringen. Barbara Wenders fängt die Schüler hier kurz ab – und manchmal auch auf. Sie erkundigt sich, wie es ihnen geht, was sie heute vorhaben. Gerade kommt Alara mit ihrem Vater. Das Mädchen spricht noch nicht perfekt Deutsch, übersetzt aber, was ihr Vater sagt: „Alara hatte gestern schlimme Kopfschmerzen, jetzt geht es wieder.“ Alles klar, der Vater geht, Alara bleibt. „Hast du gestern mit Herrn Stähling abgesprochen, woran du heute arbeitest, Alara?“, fragt Barbara Wenders. Das Mädchen nickt und geht, wie ein paar andere, hinüber in den Nachbarraum.

Foto: Bild_2Hier sitzen bereits einige Kinder über ihren Büchern, die neu Ankommenden nehmen sich erst jetzt ihr. Etui und ihr Heft und setzen sich irgendwo dazu. Zwischendurch reden sie miteinander, dann wenden sie sich wieder ihrer Aufgabe zu. Wer etwas fertig hat, geht mit seinem Heft zu Reinhard Stähling. „Gut Tim, das sieht ja schon viel besser aus als gestern. Du hast die Zahlen jetzt gut geordnet in Blöcke untereinander geschrieben... und alles richtig, super! Möchtest du jetzt mit der nächsten Aufgabe weitermachen? Die ist ein bisschen schwieriger, aber ich glaube, das schaffst du schon. Oder brauchst du eine kleine Pause?“

Dafür könnte Tim zum Beispiel in die „Leseoase“ gehen, eine kleine Bibliothek in einem anderen Raum der Schule, oder sich aber auch auf die hölzerne Ruheinsel auf einem großen Hochbett in der Ecke der Klasse zurückziehen. Doch der Junge möchte sich lieber an die schwierige Aufgabe wagen und geht zurück an seinen Platz.

Wie klappt dieser Unterricht mit Kindern unterschiedlichen Alters, mit unterschiedlichem Lerntempo, mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf? Reinhard Stähling: „Wir müssen uns wie jede Schule nach dem Lehrplan richten. Der sieht vor, dass zum Beispiel jedes Kind drei Jahre Zeit hat, um lesen zu lernen. Jeder lernt in seinem persönlichen Tempo, jedes Kind schreibt die Klassenarbeit auf seinem Niveau und wir beurteilen jedes Kind nach seinem jeweiligen Leistungsstand.Wir müssen uns davon verabschieden, alle über einen Kamm scheren zu wollen und zu können.“ Für die Lehrer sei das nicht etwa mehr Arbeit, sondern weniger stressig und motiviere umso mehr, meint der Pädagoge.

Foto: Bild_3Es herrscht insgesamt eine ruhige und entspannte Atmosphäre in der Klasse. Obwohl die 24 Schülerinnen und Schüler nur nach und nach ankommen, obwohl sie miteinander sprechen, obwohl immer wieder ein paar aufstehen und sich einige andere wieder hinsetzen. Alle arbeiten und lernen, einige konzentriert, andere etwas sprunghafter. Die kleine Susa zappelt zum Beispiel die ganze Zeit herum, Barbara Wenders setzt sich daher eine Weile zu ihr. Die Neunjährige trägt ein Hörgerät, wirkt unruhig und nervös. Als sie aufsteht, um sich ein Buch zu holen, gibt Barbara Wenders kurz ein paar Hintergrund-Informationen zu ihr: „Susa ist ein schwer traumatisiertes Kind. Kognitiv ist sie total fit, aber sie braucht oft eine halbe Stunde, um überhaupt in die Konzentration zu kommen.“

Die rund 200 Kinder der Ganztagsgrundschule kommen alle aus dem sozialen Brennpunkt-Stadtteil Berg Fidel, 60 bis 70 Prozent von ihnen sind Ausländer aus rund 30 Nationen. 45 Kinder haben einen sogenannten sonderpädagogischen Förderbedarf – das sind im Schnitt vier bis fünf Kinder pro Klasse – , aber auch alle anderen haben natürlich Förderbedarf in irgendeinem Bereich. „Und genau das ist der Punkt“, betont Stähling, „jedes Kind ist irgendwie ein Förderkind“. Einen Unterschied gibt es freilich schon: Für die Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf gibt es besondere Personalressourcen, so dass alle Förderstunden mindestens doppelt besetzt sind. Die Altersmischung bietet den Vorteil, dass die Kinder mit Förderstatus gleichmäßig verteilt werden können. „Zudem gelingt es leichter als früher in den altershomogenen Klassen, eine Stigmatisierung zu vermeiden“, berichtet Stähling. Die meisten der Kinder, für die zu Beginn ein Förderschwerpunkt Lernen angenommen wurde, haben am Ende der Grundschulzeit keinen sonderpädagogischen Förderbedarf mehr.

*Die Namen der Kinder wurden geändert

Aus: Forum Schule 1/2011

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