"Elif und Paul" ist eine Romeo-und-Julia- Adaption Foto: Schauspielhaus Bochum
Von Andreas Uphues
Jeden Freitagnachmittag kehrt Freia Lukat an die Realschule Herten zurück. Dort war sie früher Schülerin. Jetzt leitet die Sozialarbeiterin und angehende Theaterpädagogin die Theater-AG. Für Schulleiterin Ilse Beerboom ist das „ein Glücksgriff“. Der „Ruhrpott-Oskar“ 2010 des Bochumer Schüler-Theatertreffens beweist, dass die Schülerkunst auch gestandene Theater-Profis beeindruckt.
Eigentlich zählt die Bochumer Auszeichnung doppelt: Die Jury konnte nur eine erste Fassung der „Romeo und Julia“-Variation „Elif und Paul“ beurteilen. „Selten haben wir eine so hoch intelligente Arbeit gesehen“, lobte Jury-Chefin Martina van Boxen. „Es kommt äußerst selten vor, dass man im Theater sitzt und durch das, was man da sieht, glücklich wird. Euch zu sehen, hat uns glücklich gemacht“, erklärte die Leiterin des Jungen Schauspielhauses Bochum den Hertener Schülern.
Gut 500 Schülerinnen und Schüler besuchen die Städtische Realschule – viele davon mit Zuwanderungsgeschichte. Einige der Schüler in der Theater-AG haben ihre Wurzeln in der Türkei. In dieser Gruppe entstand die Idee, eine deutsch-türkische Liebesgeschichte auf die Bühne zu bringen. Wie bereits die vorherigen Inszenierungen ist „Elif und Paul“ über weite Strecken Improvisations-Theater. Freia Lukat legte gemeinsam mit den Spielerinnen und Spielern nur die Eckpunkte der Handlung und die Rollen-Charaktere fest. Der Text bleibt offen für neue Impulse. Da Musik und Tanz eine besondere Rolle spielen, engagierte Freia Lukat mit Boran Yavuz und Yalcin Karakus externe Unterstützung. Schulleiterin Beerboom griff hierfür auf die Unterstützung des Schulfördervereins zurück. „Ohne ihn wäre die Theater-AG gar nicht möglich“, sagt sie.
Große Gefühle. Foto: Schauspielhaus Bochum
„Elif und Paul“ ist letztendlich eine Tragödie – bei aller spielerischer Komik und Geschwindigkeit. Shakespeare lässt grüßen. Die Jury: „Durch die immer wiederkehrenden Berichte von Ehrenmorden ist man soweit für das Thema sensibilisiert, dass es keines weiteren Aufzeigens bedarf, keine weiteren erzählten Details braucht, um zu wissen und vor allem zu spüren, dass diese Beziehung eigentlich nur in der Katastrophe enden kann.“
Die Bühne gebe den jungen Akteuren spürbar Selbstbewusstsein, sagt Freia Lukat, die seit sechs Jahren die AG leitet. „Sie lernen, sich vor anderen zu präsentieren, verschiedene Mittel des Ausdrucks einzusetzen. Schüchternheit wird abgebaut, soziale Kompetenz wächst.“ Die engagierte angehende Theaterpädagogin ist sich sicher, dass auch die Arbeit konkret an „Elif und Paul“ bei den jungen Spielern länger nachwirken wird: „Hier findet Integration ganz praktisch statt. Deutsche Darsteller haben auf Türkisch gesungen, die Darstellerin der Elif hat sie dabei großartig unterstützt.“
Die Oskar-Preisträger Freia Lukat und Boran Yavuz. Foto: Andreas Uphues
Dieses Lied imponierte auch der Bochumer Jury: „Der Gesang der Mädchen – ein türkisches Lied von allen Nationen gesungen, das ist – um dieses viel bemühte Wort zu gebrauchen – Integration. Und zwar gelebte Integration. Das war für uns ein tief bewegender Moment. Da, wo alle Politiker versagen, wo die Gesellschaft versagt, wo in Sonntagsreden so getan wird, als wolle man etwas ändern, aber nichts geändert wird, da habt ihr gezeigt, dass es möglich ist! Dass Zusammenleben möglich ist. Dass es möglich ist, voneinander zu lernen und voneinander zu profitieren.“
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