Paul erklärt mit einem Rocksong seine Hassliebe an das Ruhrgebiet. (Foto: Andreas Uphues)
Von Andreas Uphues
Im Kulturhauptstadt-Projekt „Pottfiction“ fragten mehr als 120 Jugendliche „Wie stellst Du Dir eine bessere Welt vor?“ und „Was bist Du bereit, dafür zu tun?“. Ein Jahr lang arbeiteten sie an den sieben Kinder- und Jugendtheater des Ruhrgebietes an diesem Thema. Beim zehntägigen Abschlusscamp Ende Juli in Herne präsentierten die Nachwuchskünstler ihre Ergebnisse: Filme, Theaterstücke und Rocksongs.
Paul Oldenburg schlüpft zu wummernden Bässen und treibenden Drums in die Rolle des Rock-Stars. „Keine 500 Schritt weiter haben blonde, schwarze Köpfe vorgestern noch um Kohle gekämpft, jeder Klumpen ein Stück Sonnenschein“, brüllt der 19-jährige Bochumer. „Ich zähl längst die Stunden, die mir bleiben, bis ich fort kann von hier.“ Zur lauten Musik von der mobilen Bühne auf einer LKW-Ladefläche tanzt sein junges Publikum und spielt seine begeisterten Fans. Der Text des Songs „Guter Ort“ sei eine „Hassliebeserklärung“ an das Ruhrgebiet. Zum Schluss wird’s versöhnlicher: „Bestimmt komm ich wieder, irgendwann, das hat was mit Konsequenz zu tun.“
„Die Jugendlichen setzen sich mit der Frage auseinander, wie eine bessere Welt aussehen könnte“, beschreibt die Stiftung Mercator das Pottfiction-Ziel. „Indem sie sich miteinander vernetzen und gemeinsam an ihren Ideen arbeiten, entdecken und entwickeln sie ihr kreatives Potenzial. Darüber hinaus findet ein intensiver Austausch zwischen den beteiligten Theatern der Metropole Ruhr statt.“ Mercator trägt die Kosten von rund 660.000 Euro.
Die meisten Jugendlichen engagieren sich gesellschaftlich
Wie stellen sich die Jugendlichen das Morgen vor? Die aktuelle Shell-Jugendstudie von 2006 ermittelte zwar, dass der noch 2002 festgestellte große persönliche Optimismus einer etwas pessimistischeren Sichtweise Platz gemacht habe.Aber es gelte auch: Jugendliche lassen sich nicht entmutigen. Sie suchen individuelle Wege und schaffen Strukturen, in denen sie weiterkommen können. Trotz eines grundsätzlich geringen politischen Interesses, seien sehr viele Jugendliche in ihrem direkten Umfeld aktiv. Einsatz für die Gesellschaft und für andere Menschen gehöre zum persönlichen Lebensstil.
Beim Pottfiction-Abschlusscamp in Herne suchten 120 Jugendliche kreative Wege zu einer besseren Welt. (Foto: PR)
Auch Pottfiction-Rockstar Paul hat sich ein Jahr lang nicht nur damit beschäftigt, wie die Welt besser werden könnte, sondern auch, was er selbst dazu beitragen kann. Für die 17-jährige Laura Kohlhase gehören nächtliche Pflanzaktionen für eine grünere Hammer Innenstadt dazu. Für die Gelsenkirchenerin Melina Gallus aus Gelsenkirchen, dass mehr und offener über Tabu-Themen wie zum Beispiel „Tod“ gesprochen wird. Der 19-jährige Schüler Julian Müller schätzt das gewachsene Vertrauen in einer Gruppe mit sonst völlig unterschiedlichen Interessen und Vorlieben, der gleichaltrige Jan Wosnitza den eigenen Beitrag zum respektvollen Umgang untereinander. Der 16-jährige Calvin Nawrocki hat ebenso wie Paul gelernt, dass mehr Toleranz die Welt besser macht. Jeder der Jugendlichen hat in Herne ein Kunstwerk präsentiert, das er am Theater seiner Heimatstadt mit Künstlern und Theaterpädagoginnen erarbeitete. Die Musik, Theaterstücke, Videos oder Performances zum Thema Zukunft drehen sich um Liebe, Sexualität, Zusammenleben, Demokratie, Arbeit oder Umweltschutz.
Treffpunkt "Weltverbesserungsuniversität"
Auch nach dem Projekt wollen die meisten „Pottfictionisten“ weiter machen. Am 11. September kommen die Jugendlichen zu einem symbolträchtigen Datum am Bismarckturm im Bochumer Stadtpark zusammen. Vielleicht sind dann auch schon Julian, Jan, Calvin, Laura, Melina und Paul mit ihrem Plan weiter. Gemeinsam mit weiteren Jugendlichen haben sie sich bei der „Weltverbesserungsuniversität“ – einem weiteren Bestandteil des Abschlusscamps in Herne – ein sehr konkretes Ziel vorgenommen: 250.000 Euro sammeln für ein weiteres Camp im Sommer 2011. Dafür ist auch ein neuer rechtlicher und organisatorischer Rahmen notwendig: Die sieben Kinder- und Jugendtheater des Ruhrgebietes stemmen dies nicht weiter. Die Jugendlichen wollen weiter die Welt verbessern, sich schlau machen und werben. Am Abschlussabend spricht Paul deshalb Rüdiger Frohn an, den Vorsitzenden des Beirats der Stiftung Mercator, der in Rede die Ergebnisse des Pottfiction-Projekts als „vorbildlich“ gelobt hatte.
Mit einer Müll-Kunst-Performance belebten die „Pottfictionisten“ die Herner Innenstadt. (Foto: Andreas Uphues)
Weitere Infos zum Pottfiction-Projekt der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 www.ruhr2010.de gibt es im Internet unter www.pottfiction.de.
Die beteiligten Kinder- und Jugendtheater des Ruhrgebietes sind:
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