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Frischer Wind im Bereich MINT

Von Arnd Zickgraf

Seit Jahren weisen Verbände auf einen Fachkräfte-Mangel hin. Es fehlt nicht nur an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern, sondern auch an Lehrerinnen und Lehrern, die Mathematik, Physik, Chemie und Informatik unterrichten. Schulen gehen nun neue Wege, um Schülerinnen und Schülern diese Fächer schmackhaft zu machen.

„Der Mangel an Nachwuchs in den MINT-Qualifikationen verschärft sich und droht zunehmend zu einer echten Wachstums- und Innovationsbremse zu werden“, schlägt die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände Alarm. Allein für altersbedingt ausscheidende Fachkräfte brauche die deutsche Wirtschaft jährlich zwischen 50.000 und 60.000 Nachwuchskräfte; rund 50.000 jährlich bräuchten die Unternehmen, um zu expandieren. Das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln hat für Mai 2010 eine Lücke von rund 63.000 MINT-Fachkräften errechnet, rund 35.000 davon seien fehlende Ingenieure.

Foto: In den MINT-Fächern lässt sich viel selbst ausprobieren und forschen (Foto: Vasiliki Varvaki / istockphoto) In den MINT-Fächern lässt sich viel selbst ausprobieren und forschen (Foto: Vasiliki Varvaki / istockphoto)

Jugendliche schätzen technische Berufe – als Job für andere

„MINT“ steht für die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. So frisch die Abkürzung klingt: Von MINT-Fächern sind zu wenige Schülerinnen und Schüler begeistert. Einer Studie der Universität Stuttgart aus dem Jahr 2009 zufolge würden derzeit nur rund elf Prozent der Jugendlichen einen Ingenieurberuf erlernen, rund acht Prozent einen naturwissenschaftlichen und etwa sechs Prozent einen nicht-akademischen technischen Beruf. Andererseits hielten Jugendliche technische Berufe für „modern“, fortschrittlich“, „nützlich für die Menschheit“ und wichtig für die Schaffung von Arbeitsplätzen. Als nachteilig sähen die Jugendlichen die mit den MINT-Berufen verbundenen Risiken und mangelnde Kreativität im Job.

Der Mangel an MINT-Fachkräften wird auch bei den Lehrerinnen und Lehrern deutlich. In der Region Bonn etwa bereitet das Studienseminar für Lehrämter an Schulen Troisdorf jährlich rund 100 Referendare auf den Schuldienst an 50 Gymnasien und sieben Gesamtschulen in der Region vor. 13 von ihnen sind zum Einstellungstermin 1. Februar 2009 Referendare in Mathematik, drei in Physik und drei in Informatik gewesen. Insbesondere männliche MINT-Studierende könnten sich selten vorstellen, Lehrer zu werden. „Die Arbeitsbedingungen sind im Vergleich zur Wirtschaft und Industrie fast immer schlechter“, sagt Schulleiter Uwe Bettscheider vom Bonner Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium. Die Sicherheit des Arbeitsplatzes sei kein Pro-Argument, wenn die Wirtschaft mit anderen Anreizen locke.

MINT-Schulen liegen im Trend

Was tun? „Die Faszination der Mathematik und Naturwissenschaften muss in die Klassenräume einziehen, denn auf dem Weg von der Industrie- in die Wissensgesellschaft bedeutet MINT-Wissen eine Kernkompetenz“, fordert der Verein mathematisch-naturwissenschaftlicher Exzellenz-Center (MINT-EC) auf seiner Webseite. Hinter MINT-EC steckt eine Initiative der Arbeitgeber, die Nachwuchs in diesem Bereich heranziehen will.

„Viele Schulen versuchen sich heute als MINT-Schulen zu positionieren“, meint Judith Haferland von der MINT-EC-Geschäftsführung. 116 Gymnasien in ganz Deutschland – davon 26 in Nordrhein-Westfalen – haben sich zu einem MINT-Schulnetzwerk zusammengeschlossen. Um Schülerinnen und Schülern die Faszination der MINT-Fächer nahezubringen, bietet MINT-EC mehrtägige Camps in Kooperation mit Universitäten an. Vom 8. bis 11. September 2010 startet ein Mathe-Camp an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, das anhand computergestützter Modelle und Simulationen die Wahrnehmungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen vertiefen soll. MINT-EC gibt auch Einblicke in Berufe wie die Kriminologie, bei denen ohne Naturwissenschaften, Technik und Informatik nichts geht.

Foto: Die meisten MINT-Lehrer sind erfahrene Pädagogen, Nachwuchs an jungen Kollegen ist rar. (Foto: contrastwerkstatt / Fotolia) Die meisten MINT-Lehrer sind erfahrene Pädagogen, Nachwuchs an jungen Kollegen ist rar. (Foto: contrastwerkstatt / Fotolia)

Möglichst früh ran an den Bunsenbrenner

„Wir wollen so früh wie möglich bei unseren Schülerinnen und Schülern Interesse für den MINT-Bereich wecken“, erklärt Schulleiter Uwe Bettscheider, dessen Gymnasium Mitglied im MINT-EC-Netzwerk ist. Deshalb haben die Fünft- und Sechstklässler zwei Stunden naturwissenschaftlichen Experimentier-Unterricht. Im Programm „MINT 4 Kids – Wir versuchen’s mal“ bieten Zehntklässler experimentelle Schnupperkurse für noch Jüngere: Die Gymnasiasten wecken bei Grundschulkindern die Lust auf das forschende Entdecken. An einem Nachmittag in der Woche führen die Zehntklässler altersgemäße Versuche mit Viertklässlern aus der Umgebung durch, zu denen die MINT-Lehrerinnen und Lehrer Arbeitsblätter erstellt haben. Alle halbe Stunde wechseln die Viertklässler an eine neue Experimentierstation. Am Schluss erhalten sie eine „Teilnehmer-Urkunde“ – und sind begeistert. „Die Grundschüler wollten gar nicht mehr aufhören“, sagt Bettscheider, der auch Lehrer für Mathematik und Physik ist. Erfreulicher Nebeneffekt: Einige der Zehntklässler können sich nach ihrer ersten Unterrichtserfahrung vorstellen, selbst Lehrer für MINT-Fächer zu werden.

„Normale Jugendliche, die Spaß an ihrem Fach haben“

Ein weiterer Weg um gegenzusteuern sei die höhere Eigenverantwortung der Schulen seit Inkrafttreten des neuen Schulgesetzes 2005, sagt Schulleiter Bettscheider. Schulen könnten selbst geeignete Lehrer auswählen und einstellen – für Bettscheider ein Quantensprung auf dem Weg zum MINT-Profil. Außerdem gingen die Pädagogen neue Wege: Im Frühling 2010 führten sie in der Aula eine musikalisch untermalte Wissenschaftsnacht durch: „MINT MEETS MUSIC“. Schüler stellten Projekte in Mathematik, Informatik, Chemie, Physik und Biologie vor, im Foyer stellten sie Plakate aus. „Dabei haben die Schülerinnen und Schüler erlebt, dass Mitschüler, die für sich für Mathematik, Naturwissenschaften und Informatik begeistern, keine Fachidioten sind, sondern normale Jugendliche, die Spaß an ihrem Metier haben“, sagt Schulleiter Bettscheider. So zeigt das Bonner Gymnasium, was Lehrer erreichen, die sich begeistern: Sie können den Nachwuchs auf die naturwissenschaftliche oder technische Spur setzen.

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