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Benimm-AG bereitet Realschüler aufs Leben vor

Von Marc Raschke

Dass das mit dem Benehmen manchmal so eine Sache ist, weiß Michael sicherlich im Stillen. Aber genau das ist der Punkt. Still ist der Schüler an diesem Mittag so gut wie kaum, obwohl die Aufgabe klar ist: Lektion Blickkontakt. Die Benimm-AG an der Albert-Einstein-Realschule in Essen feilt an den Umgangsformen und nimmt es mit Alltäglichkeiten auf.

Foto: Auch das "in die Augen schauen" muss gelernt werden Auch das "in die Augen schauen" muss gelernt werden

Die AG-Schüler lernen heute, sich anständig in die Augen zu schauen. Einfach so, ohne große Faxen. Klingt banal, sorgt aber erwartungsgemäß für Gekicher. Michaels Körpersprache zeigt denn auch, dass er sich in der ungewohnten Situation äußert unwohl fühlt. Zwar schaut er, der sich bis gerade eben noch cool auf seinem Stuhl räkelte, seiner Schulkameradin, die ihm gegenüber sitzt, tief in die Augen. Doch eben so demonstrativ, dass die Ernsthaftigkeit des Versuchs zu Kippen droht. Zudem hat er seinen Oberkörper halb zur Seite gedreht und hält seinen Daumen seltsam verdreht über seine Lippen. Lässig, würde das Michael gewiss nennen. Unsicher, findet AG-Leiterin Dorothee Bonzel. "Ich erlebe es häufig, dass Schüler heute kaum noch in der Lage sind, den Blickkontakt zu halten, wenn sie mit uns sprechen", sagt die Lehrerin, die seit fünf Jahren die AG an der Realschule anbietet. Für sie sei das ein Zeichen von Schüchternheit, ja eben Unsicherheit. Auf einmal nämlich bröckelt die Fassade der vorgespielten Coolness, auf einmal gilt es, einen Blick aushalten zu müssen.

Ordentliche Tischmanieren, stilgerechte Kleiderwahl

Dass Benehmen wahrlich vom ersten "Augenblick" an zählt, bekommen die 16 Jugendlichen der neunten und zehnten Klassen jede Woche zwei Stunden lang mit. Mal geht es um die richtige Kleiderwahl, mal um ordentliche Tischmanieren, und erst letztens klärten sie die Frage, wann Handyklingeln unangebracht ist. Zudem arbeitet die Schule mit zwei Restaurants zusammen, in denen die Schüler einen Crash-Kurs im richtigen Tischdecken und Kellnern bekommen. Für einige hat gerade das einen ganz angenehmen Nebeneffekt. "Wir erleben es häufig, dass Schüler ihr Taschengeld mit Servicejobs aufbessern. Da hilft so etwas natürlich weiter", erklärt Schulleiterin Ulrike Liebenau. Auch auf gelegentlichen Schulveranstaltungen würden sie perfekt kellnern. Einen Handkuss müssen die Schüler übrigens nicht lernen, auch wenn das neulich ein Pressefotograf als Bildmotiv wollte - und seither einige vielleicht denken mögen, die Benimm-AG sei eine Drill-Schule alten Schlages. Nein, die AG versteht sich nicht als Historienkurs, sondern als Alltagshilfe und wird an der Realschule im Wahlpflichtbereich angeboten. Das heißt, sie ist gleichwertig mit Arbeitsgemeinschaften wie Basketball oder Physik. Die Schüler, darunter vier Jungen, haben sich also ganz bewusst für die AG entschieden. Sie alle biegen mehr oder weniger direkt auf die Zielgeraden ihrer Schullaufbahn. Nach dem Realschulabschluss geht es in den Beruf. Da verwundert es kaum, dass die meisten sagen, sie seien hier, um vor allem das nötige Rüstzeug für ein Vorstellungsgespräch zu bekommen. "Kann ja nicht schaden", meint Michael. Schulleiterin Liebenau glaubt, dass sich eine Benimm-AG bei den Arbeitgebern positiv herumspricht. Von den ersten Jahrgängen, die an der AG teilgenommen haben und inzwischen im Berufsleben stehen, hat sie inzwischen gehört, wie wichtig sie es im Nachhinein fanden, das Angebot der Realschule genutzt zu haben.

Mehr Anmeldungen als freie Plätze in der AG

"Wir hätten auch noch wesentlich mehr Schüler aufnehmen können", meint AG-Leiterin Bonzel. Bis zu 50 Anmeldungen gebe es pro Jahr. Doch die Zahl der Teilnehmer müsse überschaubar bleiben, wenn es jedem einzelnen etwas bringen soll. Dass es die AG ausgerechnet an der Albert-Einstein-Realschule in Essen gibt, lasse übrigens nicht auf irgendwelche besonderen Auffälligkeiten der Schüler schließen, betonen Liebenau und Bonzel. "Wir legen einfach nur besonderen Wert auf gute Umgangsformen", sagt die Schulleiterin. Das erklärt auch, weshalb neulich hier ein schulweiter Benimm-Tag veranstaltet wurde. Die Verhaltensregeln für diesen Tag, an dem alle 530 Schüler teilgenommen hatten, waren in der Benimm-AG ausgearbeitet worden. "Es war herrlich", erinnert sich Liebenau. "Einige Kollegen wurden bereits am Auto empfangen, Ihnen wurde die Tasche getragen, höflich die Tür aufgehalten." Auf den Gängen habe es kein Geschubse, keine blöden Anmachen gegeben. Das sei auch für die Schüler ein schönes Gefühl gewesen, so Liebenau. So ganz ohne Ansporn ging es dann aber doch nicht. Die Schulleitung hatte beschlossen, dass die Klassen, die es schaffen, sich einen Tag an die Regeln der Benimm-AG zu halten, keine Hausaufgaben machen müssen. Immerhin die Hälfte, nämlich 8 von 19 Klassen, kamen in den Genuss dieses Privilegs. - Der Benimm-Tag soll nach den Osterferien wiederholt werden.

Schulvertrag regelt gemeinsame Ziele und Werte

In das Konzept des Benimm-Trainings passt auch die Streitschlichter-AG der Schule, in der jeweils zwei "Paten" ein Auge auf die fünften Klassen haben. Seit vergangenem Sommer schließt die Schule zudem einen so genannten Schulvertrag mit Eltern und Schüler ab. Darin verpflichten sich alle Seiten auf gemeinsame Ziele und Werte.

Foto: Schulleiterin Ulrike Liebenau mit dem Schulvertrag: Er legt gemeinsame Ziele und Werte fest Schulleiterin Ulrike Liebenau mit dem Schulvertrag: Er legt gemeinsame Ziele und Werte fest

Schüler unterschreiben etwa, dass sie Streits gewaltfrei lösen und Hausaufgaben machen werden. Eltern sagen zu, ihr Kind bei den Hausaufgaben zu begleiten und an Elternabenden teilzunehmen. Lehrer legen sich darin fest, für einen aktuellen und abwechslungsreichen Unterricht zu sorgen. Verbindlich wurde der Vertrag erstmals für die neuen fünften Klassen. Doch inzwischen hätten auch schon Schüler aus höheren Klassen unterzeichnet, so Liebenau. - Freiwillig.

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