Von Arnd Zickgraf
Der Eingangsbereich der Europaschule Bornheim
So weit liegen Städte in Europa von Bornheim entfernt
Ein Tor zum konkreten Europa ist für alle Schüler in Bornheim der vernetzte
Unterricht. So surft die elfjährige Lea auf Internetseiten über Paris und
informiert sich über die Geschichte der Kathedrale von Notre-Dame. Sie sammelt
Informationen über Sehenswürdigkeiten der Stadt und soll sie für den
Französischunterricht aufbereiten und schließlich ein Plakat erstellen. Auf das
selbstständige Lernen in Projekten legt die Gesamtschule sehr großen Wert. Neben
Französisch spricht Lea bereits Englisch und Kisuaheli, verbrachte sie doch
schon drei Jahre in Tansania. Ein wichtiges Standbein der Europaschule Bornheim
ist ferner der Bilinguale Unterricht. In der fünften und sechsten Jahrgangsstufe
der Gesamtschule wird dieser Unterricht allmählich im Rahmen des "erweiterten
Englischunterrichts" vorbereitet. Teilnehmen am bilingualen Zweig können
diejenigen Kinder, die schon in der Grundschule Interesse für Fremdsprachen
gezeigt haben und fit in Deutsch und Mathe sind. Durch die zusätzlichen
Wochenstunden in der Fremdsprache sollen sie in den Kernfächern nicht "ins
Schleudern" geraten. Beim Auswahlverfahren sind daher die Schüler selbst, ihre
Eltern sowie die Klassenlehrer, die Lehrkräfte für Englisch, Deutsch und
Mathematik involviert. Ab der siebten Stufe kommt der bilinguale Unterricht in
Englisch vollständig zum Tragen, und auf dem Stundenplan der Schülerinnen und
Schüler stehen nun Fächer wie Geography, History und Cultural Studies. In der
Oberstufe lassen die "Bilis", wie die Bilingualen Schüler bezeichnet werden, das
Stützrad des bilingualen Unterrichts, die deutsche Sprache, vollends weg und
kommunizieren fast nur noch in der Fremdsprache. Auf dieser Grundlage können sie
sogar international anerkannte Abschlüsse wie das Cambridge First Certificate
erwerben - und so leichter den Anschluss an das sprachliche Niveau von
Elitehochschulen finden oder sogar an den europäischen Arbeitsmarkt.
Europaschule will Beitrag zur Friedensarbeit leisten
Die vielleicht lebendigste Gestalt nimmt Europa beim Schüleraustausch an.
Dazu unterhalten die Bornheimer Partnerschaften mit Schulen in den USA,
Großbritannien, Frankreich, Belgien, Italien, Polen, Tschechien und Russland.
Für jeden Schüler der achten Jahrgangsstufe ist mindestens eine Klassenfahrt ins
Ausland obligatorisch. Meist wird in der Vorbereitungsphase ein Arbeitsthema
zwischen den Partnern im Zuge des gegenseitigen Austauschs verabredet.
Jugendliche, die erste Auslandsberufserfahrungen sammeln wollen, können sogar
ein Betriebspraktikum am Ort der Partnerschule ableisten. Die Europaschule
Bornheim kümmert sich ihrerseits um Betriebspraktika für Gäste der
Partnerschulen. Die Jugendlichen erfahren während der Zeit des Austauschs
eindrücklich, wie die Gastfamilien genau leben und der ausländische Schulalltag
sich gestaltet. Sie werden selbstsicherer im Umgang mit fremden Sitten und
Kulturen. "Wenn die Schüler beim Schüleraustausch den Malcolm aus England, den
Pierre aus Frankreich, die Margarida aus Spanien kennen gelernt haben, sind sie
auch gegen rassistische Ideologien gefeit", erläutert Rektor Breil. So gesehen
leiste die Europaschule ein bisschen Friedensarbeit. Diejenigen Schüler, deren
Eltern sich die Klassenfahrt ins Ausland übrigens nicht leisten können, werden
vom Förderverein unterstützt, der über 500 Mitglieder zählt.
Stellenwert der Eltern in der Europaschule
Esther Limbach findet den naturwissenschaftlichen Unterricht auf Englisch gut
Überhaupt würde der wechselseitige Schüleraustausch ohne die Eltern nicht funktionieren, schließlich gilt es beim Gegenbesuch die europäischen Gäste aufzunehmen und ihnen die Besonderheiten des Rheinlands zu zeigen. Der europäische Gedanke spricht auch Eltern wie Esther Limbach, 39 Jahre, an. Sie hätte ihre Tochter ohne Mühe zum näher gelegenen Gymnasium in Wesseling anmelden können. Doch sie bevorzugte das Konzept der individuellen Förderung, die "gute Führung" der Gesamtschule - und die Sprachenvielfalt. Ob Russisch, Polnisch, Ungarisch oder Chinesisch - neben dem Bilingualen Englischunterricht laufen eine Fülle von Fremdsprachenkursen. Für Silvia Breuer, 48 Jahre, ist der naturwissenschaftliche Unterricht in englischer Sprache - "Science" - der entscheidende Pluspunkt der Gesamtschule. In Science forschen die Kinder der siebten Jahrgangsstufe in kleinen Gruppen über verschiedene naturwissenschaftliche Themen. Im Vordergrund steht die Vermittlung naturwissenschaftlicher Arbeitsweisen. Der Lehrer nimmt sich zurück und übernimmt beim Experimentieren der Schülerinnen und Schüler die Rolle des Lernberaters. Jede Gruppe hat einen eigenen Schrank, in dem die Kinder ihre Lernmaterialien und Arbeitsergebnisse aufbewahren. "Ich finde dieses Lernen sehr viel angenehmer, weil die Schüler hochmotiviert sind", erläutert Physiklehrer Martin Behrends. Für viele Kinder sei Science zur "Lieblingsstunde" avanciert. Und der Rektor fügt hinzu, dass die Bornheimer Schüler den Gleichaltrigen aus anderen Schulen im Unterrichtstoff um ein Jahr voraus seien. Das hätte eine Befragung der Universität Duisburg-Essen ergeben. Internationales Flair durchzieht nicht nur den Unterricht, sondern auch die Pausenzeit wie der Duft geschälter Mandarinen den Mittagstisch.
Oberstufenschüler relaxen in ihrem Pausenraum, der "Oase"
Auch sie verkörpern Europa: Native Speaker aus Großbritannien, Polen und Spanien werden im Rahmen des Comenius-Programms der Europäischen Kommission in die Europaschule Bornheim "eingeschleust". Comenius unterstützt die internationale Zusammenarbeit von Schulen sowie den pädagogischen Austausch von Lehrerinnen und Lehrern. Das Programm ermöglicht der Europaschule Bornheim beispielsweise junge Sprachlehrer, die so genannten Comenius-Assistenten, für einen Zeitraum von bis zu acht Monaten im Unterricht einzusetzen. "Comenius-Assistenten bieten unseren Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, im Unterricht mit Muttersprachlern in Kontakt zu kommen und auf dem Hintergrund der persönlichen Erfahrungen des Assistenten viel über das jeweilige Land und die jeweilige Kultur zu erfahren", schildert die Schule ihre Erfahrungen mit den Comenius-Assistenten. Angeregt werden dabei nicht nur Schülerinnen und Schüler. Anlässlich des Kontaktes mit den ausländischen Sprachlehrern lerne man viel über Schulsysteme in anderen europäischen Ländern, hat Rolf Börter, Europa-Koordinator der Gesamtschule erfahren. Comenius macht auch längerfristige Projekte zwischen europäischen Schulen möglich. So initiierte die Europaschule Bornheim ein künstlerisches Projekt, bei dem Schüler und Lehrer verschiedener Jahrgangsstufen fächerübergreifend mit belgischen, italienischen und tschechischen Mitschülern zusammenarbeiteten. Der Titel des Projektes mit einer Dauer von drei Jahren lautete: "Die Darstellung des Menschen und seiner Lebensumwelt in Europa."
Nur wenige Schulen in Nordrhein-Westfalen sind lupenreine Europaschulen. Mit einer einwöchigen Europa-Projektwoche und dem üblichen Fremdsprachenangebot ist es nicht getan. Als eine von 37 Schulen mit der neuen Landesauszeichnung "Europaschule des Landes Nordrhein-Westfalen" genügt die Europaschule Bornheim hohen Anforderungen. Kriterien für anerkannte Europaschulen sind etwa ein außergewöhnlich großes Fremdsprachenangebot sowie projektorientierte Partnerschaften mit anderen Schulen in Europa. Im Unterricht beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler intensiv mit europäischen Themen. Überdies muss die europäische Dimension der Bildung im Schulprogramm verankert sein. Zertifiziert werden Europaschulen übrigens von der "Arbeitsgemeinschaft Europaschulen" des Schulministeriums NRW. Bis zum Jahr 2010 soll es nach dem Willen der Landesregierung in jeder größeren Stadt des Landes eine Europaschule geben. Was kennzeichnet noch mal das Profil der Europaschule Bornheim? "Eine bunte Mischung", meint der 17-jährige Samer Chaaraoui arabischer Herkunft und fügt hinzu: "Ich jedenfalls fühle mich wohl in Europa."
Internet:
Europaschule Bornheim
http://www.europaschule-bornheim.de/
Informationen zu "Europaschulen des Landes Nordrhein-Westfalen" finden Sie
hier.
Informationen COMENIUS-Programm erhalten Sie
hier.
http://ec.europa.eu/education/programmes/llp/comenius/index_de.html
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