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Zeitungsarbeit in einer Düsseldorfer "Schule für Kranke"
Von Marc Raschke
Sie reden, als würden sie andere meinen. Andere, die gerade nicht mit am Tisch
sitzen. Sie leiern ihre "Krankenakte" so gekonnt und klar herunter, als würde es
sie gar nicht so sehr berühren, was sie da über ihr eigenes Leben erzählen, über
die vielen dunkeln Momente, in denen sie sich einsam fühlten. Vielleicht haben
sie es auch einfach schon zu oft getan, das Darüber-reden, denn wer wie sie hier
sitzt, wird ständig gefragt, wie es ihm geht. Und wehe, wenn sie dann einmal
stocken und nicht gleich strahlen. - Sarah, 14, strahlt, ihre dunklen Augen
funkeln. Gerade ist Redaktionssitzung. Sie plant mit anderen Schülern zusammen
die neue Ausgabe von "KraSs".
Mögliche Themen für die nächste Ausgabe von "KraSs"
Eine Zeitung, die zweimal im Jahr erscheint,
früher "Klapse" und dann "Maske" hieß, seit Februar 2007 aber als Titel etwas
charmanter die Abkürzung für "Kranke Schüler schreiben" (KraSs) trägt. Die
Gymnasiastin erzählt, wie sie hierhin kam, an die Alfred-Adler-Schule für Kranke
der Kinder- und Jugendpsychiatrie auf dem Gelände der Uni-Klinik Düsseldorf;
hier lernen Kinder und Jugendliche, die über einen Zeitraum von mehr als vier
Wochen erkrankt sind und ihre eigentliche Schule nicht besuchen können. Die
Zeitungsarbeit ist Teil des Deutschunterrichts. Die 14-jährige Sarah spricht
über ihre Vergangenheit, spricht von "sozialem Rückzug", und es klingt so
verdammt erwachsen. Sie habe den Anschluss verloren, in der Schule, in der
Familie, bei Freunden. Sie hasste sich selbst dafür und wurde so immer
unsicherer. Schuld waren tiefste Depressionen. Sie haderte mit ihrem Leben,
hielt aber die Fassade der freundlichen Sarah nach außen aufrecht, auch wenn das
enorme Kraft kostete. Schule, ja jede Form von Öffentlichkeit wurde für sie zur
Qual. "Ich wollte nicht, dass die anderen etwas mitbekommen", sagt sie. "Das ist
wie eine Schutzfolie: 100.000 Leute um mich herum wissen nicht, wie es mir
geht." Sie verheimlichte, wie sehr sie litt, wie sehr ihre Welt im Inneren
bereits aus den Fugen geraten war. Bis zu jenem Tag, als sie meinte, eine Lösung
gefunden zu haben. Eine Lösung für all das Leid, das sie bisher tapfer und
allein ertragen hatte. - Selbstmord. Sie wollte Tabletten nehmen, "alles, was da
war", sagt Sarah. Doch sie wurde gerettet, es blieb beim Versuch. Inzwischen ist
sie bereits das zweite Mal in der stationären Beobachtung, sie haben bei ihr
Anzeichen des Borderline-Syndroms festgestellt, einer emotional instabilen
Persönlichkeitsstörung.
Die Augen voller Lebensfreude - reiner Selbstschutz
Mit Sarah am Tisch sitzt ein 17-Jähriger, der sich "Rasputin nennt und
normalerweise auf eine Hauptschule geht. Er möchte anonym bleiben, schämt sich.
Sie alle hier haben große Angst davor, dass ihre Freunde da draußen mitkriegen,
dass sie hier drin sind. "Ich dachte immer, die, die in so einer Einrichtung
sind, haben einen total an der Waffel und halten sich für Napoleon oder so",
sagt Rasputin, der seine Depressionen einst mit Drogen bekämpfen wollte.
Inzwischen ist er nur noch ambulant in der Alfred-Adler-Schule. "Da kommen die
wildesten Gerüchte auf, wo man plötzlich sei", sagt Rasputin. Er habe schon
gehört, dass einige in seiner Klasse erzählen, er sei in Kur, andere wähnen ihn
in den USA. Sogar im Gefängnis soll er angeblich sitzen, wegen Totschlags.
Rasputin lacht. Es fällt schwer, ihm seine Depressionen zu glauben, weil seine
Augen so voller Leben sind, er aufmerksam und voller Energie zu sein scheint.
"Das ist ein Selbstschutz, den man sich aneignet", sagt er.
Auch Bilder und Skizzen gehören zum Zeitungsprojekt
Zum Zeitungsprojekt an der Alfred-Adler-Schule trifft sich das Redaktionsteam
einmal in der Woche. Die Beiträge sind bewusst subjektiv und beeindrucken durch
ihre Vielfalt und Authentizität. Das Thema der nächsten Ausgabe lautet
"Geburt/Geburtstag". Und damit ist wie immer auch all das gemeint, was im
erweiterten Sinne zum Thema gehört: von Erlebnissen rund um Geburtstage bis hin
zur Geburt des Universums. Die Schüler, die alle Gedichte und Texte selber
schreiben sowie auch für die Illustrationen in der Zeitung verantwortlich sind,
können ihrer Kreativität also freien Lauf lassen. Doch was sich anhört wie
therapeutisches Schreiben und Malen, ist so gar nicht in erster Linie
beabsichtigt. Es gehe weniger darum, erklärt der Lehrer für Sonderpädagogik
Alexander Wertgen, dass sich die Schüler in den Texten ständig selbstanalytisch
reflektieren. In erster Linie ist die Zeitungsarbeit Unterricht, in dem
Sachthemen bearbeitet werden. "Uns ist es vor allem wichtig, dass die Schüler
etwas gemeinsam tun", so Wertgen. Sie sollen erleben, wie gut es sich im Team
arbeiten lässt und wie konstruktiv sie etwas mit ihren Mitmenschen erreichen
können. "Wir wollen, dass sich die Schüler auch einmal mit etwas anderem als
ihren Problemen beschäftigen", so Wertgen. Im Laufe der vergangenen 17 Jahre hat
sich die Schülerzeitungsarbeit zu einem inhaltlichen Schwerpunkt des Unterrichts
an der Alfred-Adler-Schule entwickelt. Die Zeitung soll dem Negativ-Image der
Psychiatrie und ihrer Patienten offensiv entgegenwirken, indem sie Einblicke in
den Alltag und das Leben der Kindern und Jugendlichen gewährt. Gleichzeitig
wollen die Herausgeber aber mit der Zeitung weder zum seelischen Striptease noch
zum psychischem "Outing" um jeden Preis verleiten. Es geht auch nicht darum,
Mitleid zu erregen und oder für die Psychiatrie zu werben. Kurz: "KraSs" will
nicht anklagen, aber auch nicht bloß unterhalten.
Probleme liegen jenseits der Klinikmauern
Der Flur der Alfred-Adler-Schule für Kranke
Die Herausforderung seitens der Schule mit ihren 14 Lehrerstellen besteht
darin, dass die Schüler meist mit sehr unterschiedlichen Lernvoraussetzungen
arbeiten. In den Gruppen sitzen nicht selten Sonderschüler neben Realschülern
neben Gymnasiasten - in allen Altersklassen. So kann das Team der
Alfred-Adler-Schule den Rückstand bei den Schulleistungen von Patienten, die
langfristig erkrankt sind und deren Leistungsfähigkeit krankheitsbedingt
eingeschränkt ist, zwar nicht ganz verhindern, aber möglichst gering halten.
"Wir sind kein Nachhilfeinstitut", stellt Wertgen fest. Während des Unterrichts
orientieren sich die Lehrer an der psychischen und physischen Verfassung jedes
einzelnen Kindes und Jugendlichen und gestalten den Unterricht in den Haupt- und
Nebenfächern entsprechend. "Viele unserer Schüler könnten sich für
Unterrichtsthemen nicht öffnen, wenn sie sich nicht zuallererst persönlich
wahrgenommen und angenommen fühlten", so Wertgen. Deshalb orientieren sich die
Lehrkräfte an dem individuellen sonderpädagogischen Förderbedarf ihrer Schüler.
Die spezielle Herausforderung des "KraSs"-Redaktionsteams ist die hohe
Fluktuation der Schüler. Einige bleiben Jahre, andere nur wenige Wochen in der
Schule. Da ist kontinuierliches Arbeiten nicht immer einfach. Neben Sarah, 14,
sitzt eine Schülerin, die ebenfalls Sarah heißt. Sie ist 16 und schon recht
lange dabei, fast ein Jahr. Die Waldorfschülerin leidet unter dem frühen Tod
ihres Vaters und hat Probleme mit dem neuen Mann ihrer Mutter. Diagnose: starke
Depressionen. Sie kämpft seit langem dagegen an. Ob der stationäre Aufenthalt
ihr dabei helfe? Die 16-Jährige wiegt den Kopf hin und her, sie zögert. Rasputin
geht dazwischen. Eine psychiatrische Klinik, sagt er, helfe sicherlich jemandem,
der wirklich Medikamente brauche. Doch der Alltag auf der Station, das bringe
nicht viel. Die beiden Sarahs nicken stumm. Die Probleme liegen jenseits der
Klinikmauern.
Mehr Informationen über das Thema Schule für Kranke erhalten Sie
hier.
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