Von Nina Braun
Professor Wilfried Bos
"Die Klassengröße spielt keine wesentliche Rolle bei der Leistung der Schülerinnen und Schüler." Damit räumt Wilfried Bos, deutscher Koordinator der internationalen Grundschullesestudie Iglu, mit der gängigen Annahme auf, dass die Anzahl der Schülerinnen und Schüler in einer Klasse ausschlaggebend für den Lernerfolg seien. "Ob in einer Klasse etwa 24 oder 26 Kinder oder Jugendliche lernen, hat kaum Auswirkungen auf die Lernleistungen", sagte der Professor auf einer Vortragsveranstaltung des NRW-Schulministeriums in der Düsseldorfer Luisenschule. Die Gruppengröße sollte zwischen 16 und 30 Schülern liegen. Seine Empfehlung: Statt viel Geld für kleinere Klassen auszugeben, sollten die Mittel lieber dafür verwendet werden, dass Lehrer mehr gemeinsam lehren. Das so genannte Co- Teaching sei ein erfolgversprechender Weg für bessere Schülerleistungen.
Die Hauptaussagen der jüngst veröffentlichten Iglu- und Pisa-Studien 2006 sind bekannt: Die deutschen Schülerinnen und Schüler sind insgesamt besser geworden, Wermutstropfen bleibt vor allem die soziale Ungleichheit im Schulsystem. Doch welche Schlussfolgerungen sind aus diesen Ergebnissen zu ziehen? Wie sind die Tests aufgebaut? Um diese Fragen zu klären, trafen sich in Düsseldorf Schulministerin Barbara Sommer, Professor Wilfried Bos und Pisa-Koordinator Professor Manfred Prenzel. Weltweit gibt es Grundschulvergleichsstudien bereits seit den 60er Jahren. Die erste Iglu-Studie wurde in Deutschland 2001 durchgeführt. Von einem Platz im oberen Drittel arbeiteten sich die deutschen Grundschüler 2006 auf einem Platz im oberen Viertel hoch. "Signifikante Auswirkungen auf die Leseleistung der Grundschüler hat die Dauer des Besuchs eines Kindergartens vor der Schulzeit, der Migrationshintergrund, die soziale Herkunft und das Geschlecht", zitierte Bos die Ergebnisse der Iglu-Studie. Besonders erfreut ist er, "dass die Jungen im Gegensatz zur letzten Untersuchung im Jahr 2003 besser geworden sind. Ich vermute, dass die größtenteils weiblichen Lehrkräfte in den Grundschulen unsere Ermahnungen ernst genommen haben, nämlich dass die männlichen Schüler mehr jungenspezifische Texte benötigen. Unsere Untersuchungen haben nämlich bewiesen, dass die Rechtschreibung bei Themen, die die Jungen interessieren, besser ist", erläuterte der Dortmunder Professor. "Andersherum ist es so, dass Mädchen Wörter wie Benzintank oder Schiedsrichter wesentlich häufiger falsch schreiben." Den selbstständigen Umgang mit Texten haben etwa 51 Prozent der Schülerinnen und Schüler nach der vierten Klasse gelernt. "Das heißt aber, dass die Leseförderung in der Sekundarstufe I für die anderen 49 Prozent weiter gehen muss", forderte Professor Bos.
Die festgelegte so genannte Ausschlussquote lag bei beiden Studien bei höchstens fünf Prozent. Das heißt, dass Schüler unter bestimmten Umständen vom Test ausgeschlossen werden konnten. Mögliche Gründe sind beispielsweise, wenn Schüler schwer körperbehindert sind oder sie erst seit weniger als einem Jahr in Deutschland leben. Deutschland hat in beiden Studien diese Quote sogar noch unterschritten. Dagegen lagen bei Iglu-Spitzenreitern wie Russland oder einer kanadischen Provinz die Ausschlussquoten zwischen sieben und acht Prozent. In der Pisa-Studie sind die deutschen Schülerinnen und Schüler innerhalb der OECD von einem unterdurchschnittlichem Rang 20 im Jahr 2000 über den Rang 15 im Jahr 2003 auf einem überdurchschnittlich guten Platz 8 im Jahr 2006 geklettert. Die Tests waren unterschiedlich konzipiert, über deren Vergleichbarkeit streiten sich deshalb Experten und Politiker.
Professor Manfred Prenzel
Die Leistungen der 15-Jährigen in den Naturwissenschaften
bei den Pisa-Tests werden signifikant beeinflusst von der Anzahl der
Unterrichtsstunden, der sozialen Herkunft der Jugendlichen sowie deren Migrationshintergrund. Das Geschlecht spielt keine Rolle, wenn man davon
absieht, dass Mädchen in Biologie und Jungen in Physik einen kleinen Vorsprung haben. Materiell sind deutsche Schulen im Bereich
der Naturwissenschaften überdurchschnittlich gut ausgestattet, beispielsweise
mit
Laboren. Ein großes Problem macht die Pisa-Studie deutlich: Die
Leistungen der Migranten sind schwach. Diejenigen, die hier geboren sind, sind
sogar noch schwächer als die Migranten, die eingewandert sind, führte Professor Prenzel aus. Er schränkte aber ein:
"Die Benachteiligung der Migranten ist kein
deutsches, sondern ein europäisches Problem. Belgien oder die Niederlande haben
mit ähnlichen Problemen wie Deutschland zu kämpfen. Der ewige Pisa-Spitzenreiter
Finnland hat es in dieser Hinsicht leichter: Dort gibt es fast keine Migranten."
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