Hauptinhalt
"Bookcrosser" teilen ihre Schmöker mit der ganzen Welt
Von Marc Raschke
"Bookcrosser" Richard Miklas
Zu Richard Miklas kommen immer wieder Fremde, die ihm Bücher in sein Regal
stellen, das er extra an der Theke seines kleinen Cafés "röstart" in Bochum
dafür frei geräumt hat. Und dann dauert es meist nicht lange, bis andere
Menschen kommen und diese Bücher wieder mitnehmen. Meist kennt Miklas diese
Menschen nicht - aber er hat auch nichts dagegen, ganz im Gegenteil. "Oft fällt
es mir noch nicht mal auf, dass ein Buch weg ist", gesteht der 36-Jährige. Er
selbst mischt sogar fleißig in dieser seltsamen Community mit und lässt auch hin
und wieder ein Buch frei, wie er das nennt. Sein Café ist einer von
Zehntausenden Orten auf der Welt, die Literaturfreunden ganz besonderer Art als
Anlaufstelle dienen: Wenn nämlich die so genannten "Bookcrosser" ihr Buch
ausgelesen haben, dann stellen sie es etwa nicht zu Hause ins Regal und lassen
es dort verstauben, sondern schicken es auf Reisen.
"Bookcrosser" in mehr als 130 Ländern
Inzwischen nehmen über 600.000 Menschen in über 130 Ländern an dieser großen
"Bücherbewegung" teil und lassen ihre Schmöker etwa auf Parkbänken, in
Tiefgaragen, Möbelhäusern, Straßencafés oder Hotellobbys liegen. In der Regel
aber sind es stets öffentlich zugängliche Plätze, an denen die Bücher möglichst
sichtbar deponiert werden. Dort wechseln sie dann etwas später den Besitzer, was
wiederum für das Buch mitunter ein Aufbruch in ungeahnte Ferne bedeuten kann -
wenn es denn nicht geklaut wird. "Bei einigen Büchern kriege ich mit, wo sie
sich befinden", erzählt Miklas. So kann es schon mal vorkommen, dass das vor
einer Woche noch gelesene Buch plötzlich am anderen Ende der Welt auftaucht. Im
Internet nämlich, auf der Seite www.bookcrossing.com, lässt sich in der Regel
der Aufenthalt des Buches bestimmen.
Dieses Buch wartet nur darauf, von einem "Bookcrosser" mitgenommen zu werden
Dazu muss ein Bookcrosser vorher jedes
seiner Bücher auf der Seite registrieren lassen. Dort erhält er eine
individuelle Identifikationsnummer für jedes Buch, die er entweder als Aufkleber
oder handschriftlich im Buch anbringt. Einige nutzen diese Nummer und ergänzen
sie noch durch ein Logo - Miklas nimmt das seines Cafés. "Das ist dann noch ein
bisschen Werbung, ja Crossmarketing für meinen Laden", schmunzelt er. Wer nun
das Buch gefunden, gelesen und wieder "freigelassen" hat, notiert Ort und Zeit
im Internet. Ohne viel Geld zu investieren, kommen Bookcrosser auf diese Weise
ständig an neue, interessante Literatur. Deshalb sind es vor allem Studenten und
Schüler, aber auch Senioren, die von dieser Idee besonders angetan sind.
"Einige glauben, dass das eine Art Klauen ist."
Die meisten aktiven Bookcrosser gibt es laut Internetseite in den USA (rd. 14
000), gefolgt von Deutschland auf Platz 2 mit über 5000. Vor allem
Science-Fiction-Bücher (rd. 1 200 000) und Mystery-Thriller (rd. 700 000), aber
auch beispielsweise Kochbücher (rd. 35 000), Hörbücher (rd. 13 000) oder Comics
(rd. 1000) kursieren über den Globus. Sogar 69 "Bücher mit Babynamen" werden auf
der weltweiten Bookcrossing-Liste geführt. "Bei wirklich gefragten Büchern
bilden sich im Internet regelrechte bookrings, in denen das Buch dann reihum
geschickt wird", so Miklas. Er selbst hat bislang einige Dutzend Bücher in den
Bookcrossing-Orbit entlassen, kennt aber auch einige Teilnehmer, die bereits
mehrere tausend Bücher auf Reisen geschickt haben. In seinem Bochumer Café
beobachtet Miklas, dass viele neue Bookcrosser noch etwas Hemmungen haben, wenn
sie die Bücher aus seinem Regal mitnehmen: "Einige glauben immer noch, dass das
eine Art Klauen ist." Doch das ist es gerade nicht, vielmehr teilen sie. So ruft
denn auch die Bookcrossing-Gemeinde im Internet auf: "Helft mit, aus der Welt
eine große Bibliothek zu machen, und teilt die Freude an Literatur mit vielen
andere."
www.bookcrossing.com
Zum Seitenanfang