Von Arnd Zickgraf
Wasser und Erde, Luft und Feuer – diesen vier Elementen haben Denker der Antike geheime Kräfte zugeschrieben. Für den vorsokratischen Philosophen Empedokles sind die vier Elemente die „Wurzelkräfte aller Dinge“. Noch bis ins Mittelalter hinein spielten die Elemente in der Heilkunde eine Schlüsselrolle. Und Wasser, Erde, Luft und Feuer fordern junge Menschen auch heute noch heraus – mit ihrer ganzen Persönlichkeit, mit Haut und Haaren, mit Gefühl und Verstand. Ob sie nun tauchen oder mit dem Segelflugzeug abheben, ob sie Höhlen erkunden oder dem Feuer entgegentreten – stets sind sie ganz in ihrem Element. In einer Serie begleitet die Online-Redaktion von Schulministerium.nrw.de Jugendliche beim Zwiegespräch oder beim Kampf mit den Elementen. Wie Schüler aus dem Rhein-Sieg-Kreis die Unterwasserwelt im heimischen See erleben, erzählt zum Auftakt die erste Reportage.
Am Ufer des Sees steht Elisabeth Kreuzer. Die 68-jährige Frau sucht das Gewässer mit ihren Blicken ab. Sie wirkt angespannt. Unter Wasser bewegt sich ihr Sohn Hans-Dieter wie ein U-Boot – bei Temperaturen von bis zu 10 Grad mit Sauerstoffflasche und Neoprenanzug. Von seiner Existenz zeugen nur noch Blasen, die an der Oberfläche lautlos platzen. Die Blasen steigen in regelmäßigen Abständen an die Oberfläche auf und wandern zentimeterweise. Der See ist voller geplatzter Blubberblasen. „Ich kriege schon Panik, wenn ich meinen Kopf nur in der Badewanne unter Wasser stecken tun muss“, sagt Kreutzer. Die Mutter begleitet Hans-Dieter zum ersten Mal beim Tauchgang. Neben ihr raschelt das hohe Schilf. Und in ihrem Rücken ist das Sirren eines Kilometer langen schwarzen Förderbands zu hören.
Das Band bringt Kies und eine hellbraune Schlacke ans Tageslicht. Was jetzt Schlacke ist, lag vor wenigen Minuten noch auf Grund eines Sees, des benachbarten Baggersees. Der kleine rund 13 Meter tiefe Tauchsee gehört zu einer Seengruppe in der Nähe der Stadt Troisdorf. Die Mitglieder des Tauchsport Clubs Rhein-Sieg (TSC) nennen ihn „unseren See“. Auf dem Schild vor dem umzäunten See steht: „Baden verboten“. Das Verbot richtet sich an alle. Nur für die Mitglieder des TSC gilt: Baden verboten! Tauchen erlaubt! Denn der Tauchclub hat den rund 300 Meter langen See vor zwei Jahren gepachtet. Und zwar unter der Auflage, dass seine Mitglieder „umweltgerecht tauchen“. Die Taucher sollen sich dem Grund nur bis auf einem oder anderthalb Meter nähern, damit sie keinen Schlamm aufwirbeln. Da meist nur samstags und sonntags Tauchbetrieb herrscht, hat der See fünf Tage Zeit, sich zu erholen. „Wir sind hier nur Gäste für die es gilt, die Spielregeln des Elements zu beachten“, drückt es Geschäftsführerin des TSC, Antje Schulte, 49 Jahre, aus. Verboten sind daher: das Schwimmen, Angeln, Grillen oder das Betreten des Geländes jenseits der Einstiegszone der Unterwassersportler.
Tauchen ist ein Teamsport
Baden verboten! Schwimmen erlaubt!
Unterdessen sind auch Leonie, Anna und Jonathan von der Jugendgruppe des TSC abgetaucht. An der Seite von Leonie und Jonathan schwebt jeweils ein Tauchlehrer, Anna wird von ihrem Vater begleitet. Beim Tauchen gilt das Buddy-Prinzip: Unter Wasser immer zu zweit. Gerät ein Taucher in Not, kann die Partnerin oder der Partner helfen. Nicht umsonst hat auch der menschliche Körper die meisten Organe doppelt. „Taucher sind aufeinander angewiesen, daher müssen sie teamfähig sein“, sagt der 23-jährige Tauchlehrer Alexander Damarowksi.
Nach einer halben Stunde steigen die Taucher wieder auf. Erst sieht man in dem vom Wind gekräuselten Wasser ihre gelben Pressluftflaschen und die bunten Schwimmflossen. Dann kommt das Gesicht der Jugendlichen und ihrer Begleiter hinter der Taucherbrille zum Vorschein. Die triefenden Taucher, die gerade noch schwebten, steigen nun schwerfällig wie geharnischte Ritter ans Ufer. Neoprenanzug, Bleigewichte und Druckluftflasche der Tauchausrüstung wiegen bei Jugendlichen etwa 15 Kilo, die der Erwachsenen zwischen 20 und 30 Kilo. Die Bleigewichte sind erforderlich, um den Auftrieb auszugleichen, der die jungen Taucher sonst wie Enten nach oben drücken würde. Wieder an Land kommt sich der Vater von Anna und Jonathan im Trockenanzug wie ein „Michelinmännchen“ vor. Er schwitze sogar. Die Taucher helfen sich gegenseitig sowohl beim Anziehen als auch beim Ausziehen der Tauchausrüstung.
Rund 10.000 Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 18 Jahren sind Mitglied in einem Tauchsportverein, sagt Marlis Reutzel vom Verband Deutscher Tauchsportler (VDTS). Insgesamt vertritt der VDTS rund 73.000 Sporttaucher aus 950 Vereinen.
So schwer die Taucherausrüstung objektiv ist, unter Wasser spürt man das Gewicht kaum. „Man fühlt sich frei, man ist so schwerelos“, meint die zwölfjährige Leonie. Sie besucht die Ursulinen-Schule in Hersel. Unten hat sie „Schwärme von Fischen“ gesehen. „Mich haben die Fische auch angeguckt“, berichtet die gleichaltrige Anna vom Rhein-Sieg-Gymnasium in Sankt Augustin. Angst vor der Begegnung mit Fischen oder mit Fabelwesen, wie dem Monster von Loch Ness, haben die Mädchen und Jungen nicht. Mut müssen sie vielmehr bei bestimmten Tauchübungen aufbringen, beispielsweise, wenn sie die Taucherbrille unter Wasser abnehmen sollen und Wasser in die Nase dringt – so sieht es zumindest Leonie. „Wir lernen dabei auch mit dem Wasserdruck umzugehen“, erläutert sie.
„Man fühlt sich frei, man ist so schwerelos“, sagt die zwölfjährige Leonie
Tauchen: weniger gefährlich als Basketball
Konkret heißt das: die Taucher benötigen Wissen darüber, was mit der eingeatmeten Pressluft in der Tiefe passiert und wie sie die vielen Messgeräte unter Wasser richtig ablesen. Denn je tiefer und länger man taucht, umso mehr Stickstoff wird laut Medizinauskunft.de, einem Portal des Berliner Ärzte-Verlages, im Gewebe oder im Blut gelöst. Beim Auftauchen mit Zwischenstopps kann der Stickstoff über die Lunge abgeatmet werden. Wird der Stickstoff hingegen nicht abgeatmet, weil der Taucher zu schnell auftaucht, bleibt das Gas im Organismus gebunden. Beim Aufstieg perlt der Stickstoff, es bilden sich kleine Stickstoffblasen. Diese können Blutgefäße verstopfen und Gewebe zerstören. Die Folge sind schwere Taucherkrankheiten.
„Das Tauchen ist mit Risiken verbunden“, sagt Horst Schulte, Vorsitzender des TSC. Doch er zitiert eine Liste mit den gefährlichsten Sportarten des US-Magazins Forbes. Danach sind Cheerleading, Turnen und Basketball weitaus unfallträchtiger als das Tauchen. Eine Ausnahme bildet allerdings das Höhlentauchen. Marlis Reutzel vom VDTS zufolge hat es in Deutschland bisher keinen Tauchunfall mit Kindern gegeben. Gefährdet sei allerdings die Gruppe der männlichen Taucher ab 18 Jahren. Diese Gruppe neige nämlich zur Überschätzung der eigenen Fähigkeiten. Gegen die Selbstüberschätzung hilft aus Sicht des TSC am besten die Philosophie des sicheren Tauchens.
„Schon ab dem Alter von acht Jahren können Kinder das Tauchen mit der Pressluftflasche erlernen. Sie müssen allerdings eine Tauchausbildung mit theoretischer Prüfung absolvieren – nach den Richtlinien international anerkannter Tauchverbände, wie beispielsweise der Confédération Mondiale des Activités Subaquatiques (CMAS). In der Regel beginnt eine Tauchausbildung für Kinder mit CMAS Junior 1-Stern Bronze und geht bis hin zum Tauchschein für fortgeschrittene Jugendliche, dem CMAS Junior 3-Stern. Die Prüfungen umfassen Theorie, das Training von Schwimm- und Tauchfertigkeiten, eine Ausbildung im Hallenbad und im See. Zum Tauchtraining des TSC gehören ferner Konditionstraining, Wasserball und das „Tauchen ohne Luft“ – das Apnoe-Tauchen. Tauchscheine sind die Führerscheine der Taucher. In der Fachsprache werden sie auch als „Brevets“ bezeichnet. Die Tauchsportler benötigen sie, um sich beispielsweise bei Reisen von ausländischen Tauchstationen eine Ausrüstung und eine Sauerstoffflasche ausleihen zu dürfen.
Zuhause im Meer
In den Kinder und Jugendlichen sieht der Club laut Schulte seine Zukunft. Jugendliche, die zu Hause sonst aufgedreht vor dem Gameboy hocken, „kommen buchstäblich runter“, hat Antje Schulte beobachtet. Umgeben vom Blubberblasen, Wasserpflanzen und von Fischen kommen Kinder von der Hektik des Alltags runter. Sie werden ruhiger und selbstbewusster. Manchmal sind sie beim Tauchen mit sich und der Welt auch eins. Das war der Fall, als Leonie auf einer Tauchreise Muränen und Zebrafischen begegnete. „Als ich den Junior Scuba Diver auf Mallorca gemacht habe, war ich sehr glücklich“, sagt Leonie. Diese international gültige Tauchprüfung habe sie ja für sich selber absolviert, meint Leonie. Der Kindertauchschein berechtigt übrigens zur Teilnahme am Gruppentauchen und zum Boottauchen. Mögen die Räume für Architekten der „dritte Lehrer“ sein, das Element Wasser ist immer noch der älteste und für manche Kinder auch der beste Lehrer.
Weitere Informationen finden Sie im Internet unter:
Schulministerium NRW - Schulsport
Tauchsportclub Bonn-Rhein/Sieg
Verband deutscher Sporttaucher
Tauchen als Schulsport – Position des Verbands deutscher Sporttaucher
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