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Rendez-vous in den Wolken

Von Arnd Zickgraf

Wasser und Erde, Luft und Feuer – diesen vier Elementen haben Denker der Antike geheime Kräfte zugeschrieben. Für den vorsokratischen Philosophen Empedokles sind die vier Elemente die „Wurzelkräfte aller Dinge“. Noch bis ins Mittelalter hinein spielten die Elemente in der Heilkunde eine Schlüsselrolle. Und Wasser, Erde, Luft und Feuer fordern junge Menschen auch heute noch heraus – mit ihrer ganzen Persönlichkeit, mit Haut und Haaren, mit Gefühl und Verstand. Ob sie nun tauchen oder mit dem Segelflugzeug abheben, ob sie Höhlen erkunden oder dem Feuer entgegentreten – stets sind sie ganz in ihrem Element. Der dritte Beitrag der Serie erzählt die Geschichte zweier Nachwuchssportler des Vereins Kölner Segelflieger, die dem perfekten Aufwind nachjagen. Doch verlieren sie dabei mental nicht die Bodenhaftung.

Foto: Georg Pfeils Berufswunsch ist es, Hubschrauberpilot zu werden. Hier wenige Minuten vor dem Start Georg Pfeils Berufswunsch ist es, Hubschrauberpilot zu werden. Hier wenige Minuten vor dem Start

In den letzten Minuten, bevor er abhebt, kontrolliert er die Instrumente. Der 16-jährige Georg Pfeil sitzt ganz allein im Cockpit eines Segelflugzeugs. Einsitzer, Typ LS4. „Ich bereite mich mental auf eventuelle Notfälle vor – und dann freue ich mich auf das Flugerlebnis und die hoffentlich sichere Landung“, sagt Georg. Der Schüler des Siebengebirgsgymnasiums in Bad Honnef prüft, ob sich Seitenruder und Höhenleitwerk bewegen lassen, sieht nach, ob der Fallschirm eingehängt und die Haube des Cockpits verriegelt ist. Die Sonne knallt auf die grüne Startbahn des Flugplatzes Eudenbach zwischen Siebengebirge und Westerwald. Auch der gleichaltrige Fabian Krause wartet auf den Start mit einem schnittigen Segelflugzeug, dessen Rumpf die Form einer Libelle hat. Lässig sitzt er im Cockpit nur eine Handbreit über dem Grasboden. Falls er Nervosität verspürt, wird sie überspielt. „Was Großes wird das heute nicht“, meint der 16-Jährige lapidar.

„Ich gucke den ganzen Tag in den Himmel“

Fabians Flugzeug wird plötzlich unter dem Bug von dem Seil der Startwinde angezogen und über die grüne Startbahn gerissen. Die kraftvolle Winde steht am anderen Ende der Startbahn. Auch Georgs Flieger wird kurz danach wie von einem unsichtbaren Speerwerfer steil in die Luft geschleudert. Wie bei Passagierflugzeugen, erfordert der Start besondere Aufmerksamkeit. Matthias Krause, 51 Jahre, blickt den Jugendlichen nach. Er ist, wie sein Sohn Fabian, auf dem Segelflugplatz aufgewachsen. Bis ihm ein Fluglehrer eines Tages offerierte, mitzufliegen. „Das erste Mal war total beeindruckend für mich“, sagt Krause Senior. Vater und Sohn, so viel ist sicher, sind vom „bazillus aviaticus“ befallen. Bei Fabian sind die Symptome des Flugfiebers nicht mehr zu übersehen: „Ich gucke am Tag mehr in den Himmel als auf die Straße.“ Auch wenn er im Klassenzimmer sitzt, beobachtet er den Himmel. Mittlerweile kann er das Wetter präzise einschätzen. Wenn beispielsweise Fußballkumpel meinten, dass es bald regnen würde und er, dass es trocken bleiben würde, behielte er in den meisten Fällen recht.

Foto: Matthias Krause übernimmt die Aufgabe des Flügelhalters für seinen Sohn Fabian, damit die Flügel beim Start nicht die Startbahn berühren Matthias Krause übernimmt die Aufgabe des Flügelhalters für seinen Sohn Fabian, damit die Flügel beim Start nicht die Startbahn berühren

Sechs-Stunden-Flug mit 16 Jahren

Dadurch, dass Vater und Sohn viel Zeit miteinander auf dem Flugplatz verbringen, ist das Verhältnis zwischen beiden partnerschaftlicher geworden. So sieht es jedenfalls Matthias Krause. Aufmerksam betrachtet der Vater indes das zunehmend erfolgsbetonte Verhalten seines Sohnes. Fabian verbindet das Fliegen mit dem Leistungsgedanken. „Es beginnt eine Phase, wo sein Selbstvertrauen deutlich zunimmt und er die Grenzen hinausschiebt“, sagt der Senior. In diesem Jahr ist Fabian im Einsitzer zum ersten Mal von Eudenbach nach Marburg und zurück geflogen. Er hat dabei eine Strecke von 370 km zurückgelegt und dafür sechseinhalb Stunden gebraucht. Man müsse unentwegt Entscheidungen treffen, so Fabian: beispielsweise anhand der Navigationskarte feststellen, wo man sich befindet, die Thermik in Form warmer Luftpakete aufspüren, den weiteren Flugweg überdenken, andere Flugzeuge im Auge behalten. „Das geht geistig und körperlich an die Substanz“, erinnert sich Fabian.

Schneller, höher, weiter: Auch einige Segelflieger wollen sich in den Rekordlisten verewigen. Der Weltrekord im motorlosen Streckenflug liegt derzeit bei rund 3.000 km. Die modernen Rekordjäger stoßen dabei mitunter an technische und physische Grenzen. Abenteuerlust und das Verlangen nach Ruhm ist an sich nichts Neues. Beides war schon den Menschen in der Antike bekannt. Das offenbart sich im griechischen Mythos von Dädalus und Ikarus. Dädalus erfand einen Flugapparat, der aus Federn, Fäden und Wachs bestand. Der Erfinder befestigte die Flügel an seinen Körper und konnte, der Legende nach, damit in die Lüfte steigen. Sohn Ikarus war so fasziniert von dem Apparat, dass Dädalus auch ihm das Fliegen mit künstlichen Flügeln beibrachte. Aber beim ersten langen Flug ignorierte Ikarus die Warnungen des Vaters: „Da machte dem Knaben der kühne Flug allmählich Freude: er verließ seinen Führer und schlug, voll Verlangen nach dem Himmel, eine höhere Bahn ein. Die Nähe der glühenden Sonne erweichte das duftende Wachs, das die Federn zusammenhielt“, erzählt der römische Dichter Ovid (ca. 40 v. Chr.) in den „Metamorphosen“.

Der Fliegernachwuchs der Kölner Segelflieger soll jedoch nicht dem Höhenrausch verfallen. Die intensive Ausbildung kann bereits sehr früh, nämlich im Alter von 14 Jahren, aufgenommen werden. Bereits mit 16 Jahren können Schüler den amtlichen Segelflugschein erwerben – viel früher als den Führerschein. Das erste Ausbildungsziel ist die „Alleinflugreife“. Die Mitglieder praktisch und theoretisch solide auszubilden, gehört zu den Hauptaktivitäten des Vereins. „Imponiergehabe kann man bei den Jugendlichen auf dem Flugplatz nicht beobachten“, meint Matthias Krause. Denn sie werden von den erwachsenen Mitgliedern für voll genommen und allein schon wegen ihrer Flugfähigkeiten anerkannt. Man müsse der Fliegerei stets mit Respekt und hellem Kopf begegnen, sagt Vater Krause. Dies hätte der Sohn auch schon mehrmals gezeigt und so seine gute Ausbildung und Umsicht unter Beweis gestellt.

Foto: Fabian Krause kurz vor dem Start auf dem Flugplatz Eudenbach Fabian Krause kurz vor dem Start auf dem Flugplatz Eudenbach

Zwei Jahre hat Fabian für seinen Segelflugschein gepaukt und nebenbei viel Zeit auf dem Flugplatz Eudenbach verbracht. Allein um die fünf Segelflugzeuge des Vereins, das Startauto, die Startwinde und anderes Fluggerät zum Betriebsbeginn auf die Startbahn zu rollen, vergeht rasch eine Stunde. Können die bereits in der Luft segelnden Piloten in der Thermik den Flug ausdehnen, müssen die anderen Piloten am Boden erst einmal warten. Der hohe Zeitaufwand für diesen faszinierenden Sport ist auch das größte Nachwuchsproblem für Segelflugvereine.

Nicht Rekorde, sondern Begegnungen mit anderen Fliegern in den Wolken sind für Georg das eigentlich Reizvolle. In 30 Metern Entfernung hoch oben unter den Wolken aneinander vorbeizufliegen, in das Gesicht des Piloten im anderen Segelflugzeug zu blicken, ist das Schönste, so der Schüler. Im Unterschied zum Passagierflugzeug, das die Jugendlichen lediglich als Lufttaxi betrachten, das einen möglichst direkt ans Ziel bringt, „spürt man beim Segelflieger jede kleinste Luftbewegung, entgeht einem nicht die leichteste Vibration“, meint Fabian. Segelflieger fragen sich, wo bitte geht es zur nächsten Thermik, in der ich kreisen kann? Was ist überhaupt Thermik? Laut Fluglehrer und Informatikprofessor an der Universität Marburg, Alfred Ultsch, ist Thermik „Aufwärtsbewegungen von Luftmassen.“ Die Atmosphäre wird danach nicht von oben, sondern von unten erwärmt. Letztlich erwärmt der Boden die Luft und nicht direkt die Sonnenstrahlen. Warme Luftpakete steigen dementsprechend etwa über reifen, trockenen Kornfeldern, Straßen und Hausdächern oder Parkplätzen hoch. Nach diesen halten die lautlosen Flieger Ausschau.

Begegnungen im Blau

Doch nicht nur auf die Bodenbeschaffenheit achten die Erben Otto Lilienthals, dem Pionier des Gleitflugs. Nicht selten treffen Segelflieger bei ihren Kreisbewegungen auf Vögel. In den Alpen trifft man auf Adler, in Spanien sogar auf Geier. Schwalben sind, Matthias Krause zufolge, die besten „Aufwindanzeiger“, weil ihre Nahrung mit der Thermikblase angehoben wird. Und sobald die Schwalben das Futter des einen Aufwinds vertilgt haben, fliegen sie zum nächsten. „Ich bin auch schon mit Greifvögeln im Aufwind geflogen“, sagt Georg - Raubvögel betrachteten ein Segelflugzeug als „größeren Vogel“. Manchmal liegt das Glück auch direkt vor der Nase. Eines Tages überflog Georg sein Elternhaus, das in unmittelbarer Nachbarschaft zum Flugplatz Eudenbach liegt. Er sah von oben, wie sich die Eltern im Garten sonnten und die jüngere Schwester im Pool plantschte. „Da lachte mir das Herz.“

Foto: Segelflugzeug bei der Landung Segelflugzeug bei der Landung

In der Ferne drehen zwei Segelflugzeuge klein wie Spielzeuge ihre Runden – Georg und Fabian sind mit der LS4 und der LS4b schon über eine Stunde in der Luft. Sie schrauben sich über den Westerwald nach oben. Es sieht aus wie ein Tanz in der Luft. Weit entfernt davon ihr Spielball zu sein, spielen sie nunmehr mit der Atmosphäre. „Die haben aber eine gute Thermik erwischt“, meint Ullrich Lorenz, 62 Jahre, pensionierter Gymnasiallehrer. Seiner Meinung nach weckt das Segelfliegen bei Jugendlichen den Durst nach Wissen über Physik, Technik und Naturwissenschaften. Lorenz führt die Flugliste und steht im telefonischen Kontakt mit dem Mann an der Startwinde. Jetzt meldet er einen Doppelsitzer mit einem Gewicht von 340 kg an, und zwar das „fliegende Klassenzimmer“ des Vereins – das Ausbildungsflugzeug. Seil stramm! Fertig! Flieger los! In den nächsten Minuten wird sich ein weiteres Segelflugzeug zu dem himmlischen Reigen hinzugesellen.

Weitere Informationen finden Sie im Internet unter:

Kölner Segelflieger e.V.

Flugplatz Eudenbach

Segelflug-Rekorde – Deutscher Aero Club e.V.

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