Von Arnd Zickgraf
Wasser und Erde, Luft und Feuer – diesen vier Elementen haben Denker der Antike geheime Kräfte zugeschrieben. Für den vorsokratischen Philosophen Empedokles sind die vier Elemente die „Wurzelkräfte aller Dinge“. Noch bis ins Mittelalter hinein spielten die Elemente in der Heilkunde eine Schlüsselrolle. Und Wasser, Erde, Luft und Feuer fordern junge Menschen auch heute noch heraus – mit ihrer ganzen Persönlichkeit, mit Gefühl und Verstand. Ob sie nun tauchen oder mit dem Segelflugzeug abheben, ob sie Höhlen erkunden oder dem Feuer entgegentreten – stets sind sie ganz in ihrem Element. Angehörige der Jugendfeuerwehr dürfen zwar keine echten Brände bekämpfen. Doch die Gruppe aus Lützenkirchen der Jugendfeuerwehr Leverkusen hat sich etwas ganz Besonderes ausgedacht, um den Alltag der Berufsfeuerwehr zu erleben. Darum geht es im zweiten Beitrag der Serie.
Nach dem Brand in der Küche eines Mehrfamilienhauses steht das Treppenhaus in der Kölner Innenstadt voller Rauch, man kann fast nichts mehr erkennen. Ein Mädchen steht im zweiten Stock des Hauses und bemerkt wie der Rauch immer weiter nach oben steigt. „Ich habe gezittert und mit den Zähnen geklappert, denn ich wollte nicht, dass ich verbrenne und meine Puppen“, sagt die siebenjährige Lena. Endlich kommen die neun Feuerwehrleute mit Blaulicht und dringen, ausgerüstet mit Feuerschutzmasken, in die Wohnung ein und löschen den Brand. Die Freiwillige Feuerwehr beschreibt den Einsatz telegrammstilartig: „Mittels Überdruckbelüftung wurde das Treppenhaus rauchfrei gehalten und der Brand von einem Trupp unter Atemschutz gelöscht.“ Was das Mädchen in Panik versetzt hat, war für die Feuerwehrleute ein Routineeinsatz. Feuer kann schrecklich sein – wenn es außer Kontrolle gerät.
Die Jugendgruppe der Freiwilligen Feuerwehr in Leverkusen-Lützenkirchen
Feuer kann aber auch recht freundlich sein. „Feuer ist für mich, wenn man ein entspannendes Knistern hört und man sich in seinem Anblick versenken kann“, sagt der 16-jährige Kevin. Der Schüler besucht die Höhere Ergänzungsschule in Bonn. Einmal hat Kevin einen Feuerwehreinsatz von der Straße aus beobachtet. Und er bekam Lust zu helfen: „Ich wollte nicht nur dumm in der Gegend herumstehen“. Wenn Lukas, 15 Jahre, an Feuer denkt, dann entsteht in seiner Vorstellung das Bild eines wärmenden Lagerfeuers beim Zeltlager, das tags und nachts brennt. Lukas ist Schüler der Marienschule in Leverkusen-Opladen. Kevin und Lukas sind Mitglied der Jugendfeuerwehr in Leverkusen. Die Gruppenabende der Jugendlichen finden stets montags von 18 bis 20 Uhr in der Feuerwehrwache statt. Die Leitung hat ein speziell geschulter Jugendwart. Über 20 Jugendliche sitzen in einem blauen Container vor der Wache. Die Luft darin ist stickig. Alle tragen eine Uniform in blau-orange. Nicht nur für „Landeier“, auch für eingesessene Städter ist die Freiwillige Feuerwehr wieder attraktiv geworden – eine Mischung aus Erlebnispädagogik und Gemeinschaft.
Kindertraum Feuerwehr
Die Jugendfeuerwehr Leverkusen besteht insgesamt aus vier Gruppen der Stadtteile Rheindorf, Schlebusch, Lützenkirchen und Bergisch Neukirchen. Die Gründe, warum Kinder ihre Freizeit bei der Jugendfeuerwehr in Leverkusen-Lützenkirchen verbringen, sind vielfältig. Marcel zog es zur Jugendfeuerwehr, um Freundschaften zu schließen. Manche hat ein lang gehegter Kinderwunsch in die Arme der Feuerwehr geführt. Andere sind über Nachwuchskampagnen darauf aufmerksam geworden oder beim Sankt Martinszug. Auch die Familientradition spielt eine große Rolle, wenn es ums freiwillige Engagement bei der Jugendfeuerwehr geht. Ein Mädchen ist übrigens auch dabei. Die zwölfjährige Julia ist über ihren Bruder dazu gestoßen. Später will sie einmal richtige Feuerwehrfrau werden.
Kleidung der Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr
Uniform zu tragen gehört dazu. „Das ist unser Erkennungszeichen“, sagt Tom, der mit der Uniform von zu Hause zur Feuerwache gekommen ist. Kais Urgroßvater hat in Polen eine freiwillige Dorffeuerwehr gegründet. Das hat Kai beeindruckt. Schon weil nicht jeder die Möglichkeit bekommt, die Kleidung und den roten Helm der Jugendfeuerwehr zu tragen, fühlt sich Kai mit der Uniform und dem unverkennbaren roten Helm geehrt. Kevin meint, dass man mit den üblichen Markenklamotten ohnehin uniformiert sei. Mit der Uniform der Jugendfeuerwehr hingegen fühlt er sich herausgehoben und „ein bisschen erwachsener“. Ihre Individualität sehen die Jugendlichen dadurch nicht angetastet.
Statt sich unantastbare Schauspieler oder Popstars zum Vorbild zu nehmen, halten sich einige Jungen lieber an greifbare Vorbilder. Für Tom beispielsweise ist Frank Konczak, der 25-jährige Jugendwart der Gruppe Lützenkirchen, das Vorbild. An ihm bewundert er, dass dieser bei wirklichen Löschangriffen mitmacht. „Um das Leben anderer Leute zu retten, würde Frank sein eigenes aufs Spiel setzen“, meint Tom. Konczak selbst hat auch bei der Jugendfeuerwehr angefangen. „Ich wollte mal etwas anderes machen, als in den Karnevalsverein zu gehen“, so der Jugendwart der Jugendfeuerwehr in Lützenkirchen und Angehöriger der Freiwilligen Feuerwehr. Ein Feuerwehrmann oder eine Feuerwehrfrau braucht laut Konczak Fitness, Lust an der Feuerwehr und jede Menge Zeit. Schließlich rückte die Feuerwehr Leverkusen im Jahr 2009 schon oft aus: Es gab beispielsweise Zimmerbrände, Supermarktbrände, brennende Gasleitungen, Sturmeinsätze sowie einen Einsatz aufgrund eines Bombenfundes auf einem Friedhof.
Den Notfall simulieren
Die Ausbildung in der Jugendfeuerwehr enthält Themen, die das Herz von technikbegeisterten Jugendlichen höher schlagen lässt: Brand- und Löschlehre, verschiedene Knotenarten, Fahrzeugkunde und natürlich Sport und Spiel. Mindestens einmal im Jahr fährt die Jugendfeuerwehr Leverkusen ins Zeltlager, so Joachim Oltmann der Leiter der Jugendfeuerwehr in Leverkusen, denn die Jugendfeuerwehr ist keine reine Nachwuchsorganisation, sondern legt einen gleich hohen Stellenwert auf die allgemeine Jugendarbeit. Bei der Planung der Aktivitäten der Jugendfeuerwehr wird deshalb auch auf die Ausgewogenheit geachtet, sagt Oltmann. In der Deutschen Jugendfeuerwehr (DJF) sind über 260.000 Mitglieder im Alter von zehn bis 17 Jahren in fast 18.000 Gruppen organisiert. Jährlich wechseln über 20.000 junge Menschen von der Jugendfeuerwehr in den aktiven Feuerwehrdienst, in die Freiwillige Feuerwehr oder Berufsfeuerwehr. Es gibt sie fast überall, auf dem Land und in der Stadt. Jedes Bundesland hat eine eigene Landes-Jugendfeuerwehrleitung. „Jugendfeuerwehren zählen heute zu den größten Anbietern sinnvoller und zuverlässiger Freizeitbeschäftigungen für junge Menschen“, so die DJF.
Um den Nachwuchs weiter auf die Gefahrenwelt des Feuers vorzubereiten, hat sich die Gruppe Lützenkirchen der Jugendfeuerwehr Leverkusen etwas Originelles einfallen lassen: Sie inszeniert den Alltag der Feuerwehr wie in einem Spielfilm. Eine Nebelmaschine soll dabei den Rauch simulieren, während über eine CD das Knistern von Feuer und Hilferufe von Menschen zu hören sein werden. Die rund 20 Jugendlichen selbst schlüpfen in die Rolle von Feuerwehrleuten und schieben auf der Wache eine 24-Stunden-Schicht – von Freitag 18 Uhr bis Samstag 18 Uhr. In dieser Zeit steht auf dem Dienstplan: Fahrzeug- und Gerätepflege, feuerwehrtechnischer Unterricht und Dienstsport. Selbstverständlich übernachten alle auf der Wache. Die ersten Stunden verlaufen „ohne besondere Vorkommnisse“.
Schläuche und andere Geräte im Löschgruppenfahrzeug
„Ich war im Angriffstrupp!“
Plötzlich wird es brenzlig. Gegen Mitternacht gehen gleich zwei Notrufe bei der Freiwilligen Feuerwehr Lützenkirchen ein. Auf der Quettinger Straße gefährdet eine Ölspur den Verkehr. Und auf der Dieselstraße brennt ein Container. Die jungen Zugleiter Lucas, Marc, Mike teilen die Gruppen ein. Die Löschgruppenfahrzeuge machen sich auf den Weg zu den Einsatzstellen. Routiniert, weil vielfach geübt, beseitigen die Gruppen die Ölspur auf der Quettinger Straße und löschen den – realen – Containerbrand. Nach der ersten Aufregung können sich die Jugendlichen wieder aufs Ohr hauen. Um 5 Uhr in der Frühe wird wieder der Feuerwehr-Notruf 112 gewählt. Diesmal ist es ein umgestürzter Baum, der die jugendlichen Gruppen auf Trab hält. Um 9 Uhr brennt eine Laube. Und zwei Stunden vor Ende der 24-Stunden-Schicht, also Samstag um 16 Uhr, gibt es den letzten nervenaufreibenden Einsatz auf dem Gelände einer größeren Baufirma.
Die 24-Stunden-Übung hat die Jugendlichen herausgefordert. Julia, das einzige Mädchen bei der Schicht sagt laut Kölner Stadtanzeiger: „Das Aufstehen war nicht so toll. Aber ich war im Angriffstrupp, da gab's viel Action!“ Doch die Gruppe war nicht überfordert. Immerhin konnten sich die Jugendlichen zwischen den Einsätzen ausreichend ausruhen. Wer die Nacht tatsächlich kein Auge zugedrückt hat, das waren die Regisseure der denkwürdigen Nacht, die fünf Jugendfeuerwehrwarte der Freiwilligen Feuerwehr. Nun denken sie darüber nach, das Feuerwehr-Event zu wiederholen. In zwei Jahren vielleicht.
Weitere Informationen finden Sie im Internet unter:
Nachwuchs probt den Ernstfall – Kölner Stadtanzeiger
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