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Abenteuer Kluterthöhle

Von Arnd Zickgraf

Wasser und Erde, Luft und Feuer – diesen vier Elementen haben Denker der Antike geheime Kräfte zugeschrieben. Für den vorsokratischen Philosophen Empedokles sind die vier Elemente die „Wurzelkräfte aller Dinge“. Noch bis ins Mittelalter hinein spielten die Elemente in der Heilkunde eine Schlüsselrolle. Und Wasser, Erde, Luft und Feuer fordern junge Menschen auch heute noch heraus – mit ihrer ganzen Persönlichkeit, mit Haut und Haaren, mit Gefühl und Verstand. Ob sie nun tauchen, dem Feuer entgegentreten, mit dem Segelflugzeug abheben oder Höhlen erkunden– stets sind sie ganz in ihrem Element. Der vierte und letzte Beitrag dieser Serie dreht sich um eine Erlebnisführung durch Gänge und Schächte der schier unendlich langen Kluterthöhle in Ennepetal. Selbst Leistungsturner kommen dabei ins Schwitzen. Doch staunen die Sportler noch viel mehr über sich selbst.

Es herrscht Finsternis. Höhlendunkelheit hat alles verschluckt. Kinder und Jugendliche, Mütter und Väter, Trainer und Lehrer sind jetzt gleichsam im Dunkeln gefangen, weil alle Taschenlampen ausgeschaltet sind. Geräusche von außen dringen nicht in die Tiefe der Erde  vor. Gespräche sind verstummt. Die Gänge vor und hinter der Gruppe sind eng wie Flaschenhälse. Alle haben sich wie Maulwürfe hier hindurch gearbeitet. Der Ausgang liegt fast einen Kilometer entfernt. Was wäre, wenn die Taschenlampen nie wieder angehen würden? Würde ich zurückgelassen werden? Würde ich allein herausfinden? Wer würde mir helfen? Würde ich selber anderen helfen?

Eliteturner in der Klemme

Irgendeiner knipst seine Taschenlampe wieder an. Und das, obwohl vereinbart wurde, dass die 25-köpfige Gruppe von Hochleistungssportlern des Kunstturnteams Oberhausen (KTTO) länger im Dunkeln verweilen sollte. Keine Minute halten die jüngeren Sportler die Finsternis in der uralten Kluterthöhle in Ennepetal aus.

Foto: Linda Wertz mit den Turnern in der Höhle Linda Wertz mit den Turnern in der Höhle

Dann geht der Tross weiter. Geführt vom Licht der Lampen und von Linda Wertz, 20 Jahre, die bereits als Schülerin Touristen durch die Höhle schleuste. „Was ist da los?“, fragt der Web-Administrator des Turnvereins, Guido Padalewski, 45 Jahre, „ich hör’ keine dummen Sprüche mehr von hinten.“ Dann kommt wieder eine Passage mit Engpässen. Es geht bergauf und bergab, mal in gebückter Haltung, mal kriechend, mal robbend, mal schlängelnd. Der Boden ist abwechselnd felsig und aufgeweicht, schroff und abgerundet. Meist ist er rutschig. Ein Teilnehmer seufzt: „Ich bin doch für den aufrechten Gang gebaut worden.“ Immer wieder stolpern Teilnehmer oder schlagen mit dem Kopf gegen Felsvorsprünge, die plötzlich wie aus dem Nichts auftauchen. Der Helm, den jeder tragen muss, schützt vor Verletzungen. Beim „Fuchsbau“, einem längerem Gangsystem, wird es so eng, dass der zehnjährige Luka sagt: „Oh mein Gott! Papa geh’ mal vor und mach die Höhle breiter!“

Zur Erlebnisführung in der Kluterthöhle ist heute eine Reihe von sportlichen Hoffnungsträgern gekommen: Noah und Odin, die beiden Zehnjährigen, beispielsweise, sind NRW-Landesmeister im Mannschaftsturnen, Mirco, 18 Jahre, Deutscher Meister im Sechskampf. Sie sind alle Mitglieder des KTTO. Die Oberhausener hat der Wunsch in die Kluterthöhle geführt, noch besser zu werden. Sie wollen lernen, an ihre Grenzen zu gehen. Dazu sollen sie ihre „Ängste bewältigen“, sagt der 49-jährige Lehrer und Trainer Harald Lenhardt. Denn schon beim Gedanken an einen doppelten Salto vom Reck wird manchem der jüngeren Nachwuchsturner mulmig.

Foto: Die Nachwuchsturner des KTTO vor der Erlebnistour Die Nachwuchsturner des KTTO vor der Erlebnistour

Das Wasser als Höhlenbaumeister

Selbst Höhlenforscher und Ingenieur für Baustatik, Dr. Carsten Ebenau, 44 Jahre, kennt noch die Faszination, die von Höhlen ausgeht: „Man weiß nie, was hinter der nächsten Biegung kommt.“ Für ihn, der als 16-jähriger Schüler angefangen hat, sich für Hohlräume im Gestein zu interessieren, sind Höhlenforscher Entdecker. Ihr Bestreben sei es stets, neue Kavernen zu entdecken. Laut Ebenau ist die Kluterthöhle vor etwa 370 Millionen Jahren entstanden. Früher lag sie unter dem Meeresspiegel. Dem Arbeitskreis Kluterthöhle e.V. zufolge drang kohlensäurehaltiges Wasser durch winzige Kalkspalten und laugte den Klutertberg von innen aus. Mit der Zeit bildeten sich immer größere, wassergefüllte Gänge. Aufgrund der tektonischen Anhebung des Mittelgebirges wanderte die Höhle über den Meeresspiegel und trocknete allmählich aus. So entstanden 360 labyrinthartige Gänge. Die Kluterthöhle misst rund fünfeinhalb Kilometer – laut Ebenau ist sie Deutschlands größte Naturhöhle, in der auch viele Fledermäuse ein Zuhause finden. Während des 30-jährigen Krieges von 1618 bis 1648 dienten die Höhlen den Ennepetalern als Schutz vor plündernden Söldnern. Im Zweiten Weltkrieg nutzten die Einheimischen die Höhle als Bunker.

Heutzutage ist die Höhle ein Magnet für Touristen. Dementsprechend bietet die Kluterthöhle & Freizeit Verwaltungs- und Betriebs-GmbH & Co. KG verschiedene Arten von Führungen an. Neben den Erlebnisführungen für Personen ab acht Jahren, bei denen rund eineinhalb km bewältigt werden, gibt es Normal- und Kinderführungen. Auch Betriebsführungen und extreme Klettertouren stehen auf dem Programm. Außerdem gibt es Touren passend zur Saison, etwa Osterführungen, Führungen zu Haloween und zu St. Martin. Im Unterschied zu den Temperaturen in Gewässern bleibt die Temperatur in der Kluterthöhle das ganze Jahr über konstant bei rund 10 Grad. Ärzte und Physiotherapeuten des Therapiezentrums Kluterthöhle nutzen die Heilkraft der Erde, der Steine und unterirdischer Seen.

Die Natur ist indes nicht nur Therapeut. Sie ist auch Erzieher. Das wusste schon der Philosoph Jean-Jacques Rousseau. Und das erkannte auch der deutsche Reformpädagoge Kurt Hahn, der von 1886 bis 1974 lebte. Dem Mangel menschlicher Anteilnahme setzte er die „Erlebnistherapie“ entgegen. Hahn begründete in den 1930er Jahren die internationale Bewegung der „Kurzschulen“ – die Geburtsstunde der Erlebnispädagogik. Kurzschulen, beispielsweise Schloss Salem, sollten den ganzen Menschen erziehen. Während mehrwöchiger Kurse in den Bergen, Seen und Meeren gab er Schülern aus sozial unterschiedlichen Schichten die Gelegenheit, sich bei Bergtouren und Floßfahrten zu bewähren und Dienst am Nächsten zu leisten. Höhlenführerin Linda Wertz greift diese Ideen in ihrer Facharbeit für den Leistungskurs Pädagogik am Reichenbach-Gymnasium Ennepetal auf. Bei einer Höhlenwanderung erfahre der Einzelne sich selber in riskanten Situationen – in körperlicher und geistiger Hinsicht. Die Höhlengänge böten keine Möglichkeiten des Rückzugs, so dass die Fassaden der Persönlichkeiten rasch bröckelten.

Foto: Der Gruppenzusammenhalt wird in der Höhle gestärkt Der Gruppenzusammenhalt wird in der Höhle gestärkt

Ort der Konfrontation mit sich selbst

Kurzum: Die Höhle ist ein Ort der Selbsterkenntnis und ein Ort der Erfahrung von Gemeinschaft. Einmal sollte Linda eine Gruppe mit benachteiligten Jugendlichen im Alter von 15 bis 18 Jahren bei einer Erlebnistour in der Höhle begleiten. Sie wusste am Höhleneingang noch nicht, dass einige junge Männer vorbestraft waren. Sie erfuhr nur, dass diese Gruppe schwierig werden könnte. „Ich sah die Halbstarken und die fingen auch gleich an, hinter mir her zu pfeifen und anzügliche Bemerkungen zu machen“, sagt Wertz. Das „Blondchen“ indes, so sollte sie herabgesetzt werden, erklärte den zumeist männlichen Jugendlichen die Regeln: Kein Essen, kein Trinken, kein Rauchen. Die Höhlentour könnte auch jederzeit abgebrochen werden. Schon bei der ersten Enge, dem „Einstiegsloch“, verbreitete sich zunehmend Stille. Die Jugendlichen zeigten sich verunsichert. Die Verhaltensweisen vieler Gruppenmitglieder im Laufe der nächsten anderthalb Stunden haben sie selbst überrascht, so Wertz. Die Jugendlichen reagierten auf die fremde Umgebung mit Zurückhaltung. Erst wurden sie kleinlauter, dann zusehends rücksichtsvoller und hilfsbereiter. So gaben sie anderen Teilnehmern ohne Aufforderung Hilfestellungen und bemühten sich darum, dass die Gruppe nicht auseinander fiel. Auch ihr, der Höhlenführerin gegenüber, legten sie plötzlich eine kameradschaftliche, ja respektvolle Art an den Tag. „Am Ende war die Tour netter als so mancher Kindergeburtstag“, erinnert sich Linda Wertz.

Foto: Die Höhlenführerin erwartet die Gruppe am Höhleneingang Die Höhlenführerin erwartet die Gruppe am Höhleneingang

Geschafft! Anderthalb Stunden später sieht die Gruppe des KTTO wieder Tageslicht am vergitterten Höhleneingang. Die meisten Turner sind von oben bis unten mit brauner Erde besudelt. Die Zeit ist nur so dahingeflogen. „Viele Kinder haben mir gesagt, dass ihre Angst vor der Dunkelheit geringer geworden ist, weil die Gruppe zusammengeblieben ist“, sagt Mirco. Draußen riecht es nach Abgasen der befahrenen Straße unterhalb der Kluterthöhle. Wie gut die Luft in der Höhle zu atmen war, wird dem zehnjährigen Noah erst im Nachhinein deutlich. Die Heiterkeit des Sonnenlichts greift auf den Turnverein über. Die Mitglieder stellen sich im Kreis beisammen und sprechen über die Erlebnisse. Die Erinnerungen an das Höhlenabenteuer arbeiten weiter in den Jugendlichen. In der Dunkelheit der Erde wachsen nicht nur Wurzeln, sondern auch Menschen. 

Weitere Informationen finden Sie im Internet unter:

Kluterthöhle

Kunstturnteam Oberhausen (KTTO)

Landesverband für Höhlen- und Karstforschung Nordrhein-Westfalen e.V.

Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher e.V.

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