Von Marc Raschke
Ein Vater macht Ernst. Als Andreas Lorenz aus Warstein Ende 2007 von seiner Tochter erfährt, dass sich in ihrer Schule fünf Kinder einen PC im Unterricht teilen müssen, hat er eine Idee. Denn er ist nicht nur Vater, sondern auch Einkäufer in der EDV-Branche und kennt damit die andere Seite: Unternehmen, die in der Regel schon nach zwei bis drei Jahren ihre Rechner aussortieren und gegen neue Modelle tauschen. Lorenz weiß, dass das Unternehmen nicht etwa aus reiner Verschwendung tun, sondern weil sie dazu gezwungen werden. Der Wettbewerb ist hart und der Computermarkt sehr schnelllebig. Was gestern noch als Innovation gefeiert wurde, kann ein paar Wochen später bereits als „alter Hut“ zum Ladenhüter werden. Zu rasch entwickeln sich die Modelle weiter. Systeme werden ständig effizienter und leistungsfähiger.
„Das läuft im Prinzip wie bei ebay, nur eben umsonst“
Diesen Trend macht sich Lorenz zu Nutze, als er Anfang 2008 die Initiative „PCs for Kids“ ins Leben ruft. Der Zweck dahinter ist so einfach wie genial: „PCs for Kids“ vermittelt zwischen Unternehmen, die ihre PCs, Monitore und Drucker abgeben wollen, und Schulen, für die drei Jahre alte PCs noch hervorragend geeignet sind. Das Tolle daran ist, dass die Vermittlung völlig kostenlos geschieht. Inzwischen gibt es sogar eine entsprechende Internetplattform, auf der sich Anbieter und Suchende deutschlandweit finden können. Und wenn das Online-Portal aktuell meist nur wenige Angebote aufweist, so ist dies lediglich ein Zeichen für die immense Nachfrage. Denn im Schnitt wird derzeit ein angebotener PC binnen 10 Minuten von irgendeiner Schule in Deutschland abgerufen. „Das läuft also im Prinzip so ähnlich wie bei ebay, nur eben für alle Beteiligten umsonst“, erklärt Lorenz. Und gerade das mache viele doch skeptisch. „Wir werden oft danach gefragt, wo denn nun der Haken an der Geschichte ist. Kostenlose PCs? Wo gibt‘s denn heute noch sowas“, sagt Lorenz – und ergänzt selbst, dass es keinen Haken gibt. Neudeutsch spricht man in solchen Fällen gern von einer Win-Win-Situation: Die Unternehmen sparen sich die Kosten, die sie für die Entsorgung ihrer ausgemusterten Geräte sonst hätten tragen müssen. Und Schulen, die über keine großen Budgets verfügen, werden mit modernen PCs ausgestattet. Inzwischen haben so bereits über 1000 Rechner ihren Weg in die Schulen gefunden. Den öffentlichen Kassen sind damit bis heute über 500.000 Euro erspart geblieben; so viel hätte es gekostet, diese PCs regulär anzuschaffen.
Andreas Lorenz ist der Gründer der Initiative "PCs for Kids"
Per „Umkreissuche“ können sich Anbieter und Schulen finden
Damit der Fachhandel vor Ort sich nicht überrumpelt fühlt, wurde er von „PCs for Kids“ kurzerhand mit ins Boot geholt, auch wenn Lorenz davon überzeugt ist, dass die Initiative dem Handel grundsätzlich keine Kunden wegnehme. „Die Schulen, die wir ansprechen, hätten eh kein Geld für Neuanschaffungen gehabt, ansonsten bräuchten sie uns erst gar nicht“, so Lorenz. Immerhin könne der Fachhändler nun vor Ort an Installation, Wartung und Reparatur gutes Geld verdienen, denn dieses Geld, so Lorenz, könne eine Schule vergleichsweise schneller aufbringen. Auch die Versandkosten für den Transport der von einem Unternehmen überlassenen Geräte kann eine Schule durchaus übernehmen. „Wenn Unternehmen und Schule nicht allzu weit auseinander liegen, dann holen die Schulen sich oft die Geräte sogar selbst ab“, sagt Lorenz. Eine „Umkreissuche“ auf der Homepage der Initiative ist dabei besonders behilflich: Hier können Schulen unter Angabe von Postleitzahl und maximaler Kilometerzahl einen Radius wählen, in dem sie rund um ihren Ort suchen wollen.
Anmeldung mit Identifikationsnummer soll vor Missbrauch schützen
Um zu verhindern, dass schwarze Schafe den guten Zweck von „PCs for Kids“ ausnutzen, müssen sich interessierte Schulen auf der Webseite der Initiative anmelden und dabei u.a. einen Ansprechpartner an der Schule sowie die Schul-Identifikationsnummer nennen. Damit soll ausgeschlossen werden, dass sich zum Beispiel Privatleute mit PCs eindecken oder diese weiterverkaufen. Im Gegenzug verpflichten sich die Unternehmen, die ausrangierte PCs über die Initiative Schulen anbieten, dass die Geräte funktionstüchtig sind. „Wir wollen ja schließlich nicht, dass die Unternehmen ihren Elektroschrott über uns entsorgen“, sagt Lorenz. Eine Auslieferung erfolgt dann ausschließlich an die von der Initiative überprüften Schuladressen und nicht an Privatadressen.
„Das alles ist für uns ein Zeichen, dass wir das Richtige tun“
Die Initiative ist inzwischen derart erfolgreich, dass sie bereits mehrmals ausgezeichnet wurde, darunter bereits im Gründungsjahr 2008 im Rahmen der Initiative „start social“ unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel als eine der bundesweit 25 besten Sozial-Initiativen und 2009 als offizieller Repräsentant Deutschlands als das "Land der Ideen" unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler. „Auszeichnungen von derlei hohen Rängen sind für uns ein Zeichen, dass wir das Richtige tun“, sagt Lorenz. Und so viel Ehre schafft Aufmerksamkeit: Logitech, der weltweit größte Hersteller von Computermäusen, verteilt Ende des Jahres zum dritten Mal neue Mäuse, Tastaturen, Lautsprecher und Webcams aus der vorangegangenen Saison kostenlos über „PCs for Kids“ an Schulen. Auch der Computer-Riese Microsoft meldete sich bei Lorenz. Denn ein Problem hatte die Initiative natürlich: Jeder Computer, der an einer Schule angeschaltet wird, braucht ein offizielles Betriebssystem. Gemeinsam mit Microsoft kann „PCs for Kids“ den Schulen die Möglichkeit bieten, kostenlos die notwendige Software für die vermittelten gebrauchten PCs zu erhalten. Dies ist aber abhängig davon, ob „PCs for Kids“ die dringend benötigten Vollzeitstellen schaffen kann.
Die neuen PCs im Einsatz
Initiative überlegt, künftig Fördermittel zu beantragen
Der gemeinnützige Verein „independence e.V.“, den Lorenz gegründet hat und der juristisch hinter der Initiative „PCs for Kids“ steht, überlegt nun nämlich, die Initiative weiter auszubauen. „Wir erleben nicht selten, dass viele Unternehmen sich bei uns melden und sagen: Na, dann kommt doch mal vorbei und erklärt uns Euer Konzept“, sagt Lorenz. Außendienst für „PCs for Kids“ und intensive Beratung könne jedoch keiner der elf Vereinsmitglieder mal eben so übernehmen, da sie alle nur nach Feierabend ehrenamtlich arbeiten. Allein deshalb will der Verein nun prüfen, inwiefern es möglich ist, Fördermittel für Vollzeitstellen zu bekommen. „Angestrebt sind Fördergelder in Höhe von 30.000,00 Euro pro Bundesland pro Jahr mit einer Planbarkeit von drei oder fünf Jahren Zusicherung. Gehen wir davon aus, dass heute ein PC mit Bildschirm und Software rund 600 Euro in der Anschaffung kostet, so sind die 30.000 Euro gerade einmal 50 dieser PCs, die das Bundesland hierfür anschaffen könnte“, rechnet Lorenz vor. Schon jetzt habe die Initiative ehrenamtlich aber bereits über 1000 Computer vermitteln können. Lorenz: „Das Potenzial durch Vollzeitbeschäftigte sollte einleuchtend sein.“ Doch egal, wie das ausgehen wird, eines ist für Andreas Lorenz jetzt schon klar: „Daran, dass die Vermittlung zwischen Unternehmen und Schule kostenlos bleibt, wird sich auch künftig nichts ändern. Das ist schließlich unser eindeutiges Alleinstellungsmerkmal und der Kern unseres Erfolgs.“
Weitere Informationen zu der Initiative finden Sie hier
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