Von Oliver Mohr
Karolina ist kein Party-Girl. Lange Disco-Nächte sind nicht so die Sache der
20-Jährigen. Lieber macht es sich die frisch gebackene Abiturientin des
Otto-Hahn-Gymnasiums Bergisch Gladbach-Bensberg zuhause mit einem guten Buch
gemütlich. Klassische Literatur ist ihr großes Hobby: im Moment schmökert sie in
"Der Zauberberg" von Thomas Mann. Erst gerade dem Teenie-Alter entwachsen und
keine Lust auf Party? So jemand muss doch introvertiert, ruhig, zurückhaltend
sein. Doch wer Karolina Strumska kennenlernt, entdeckt auch andere
Charaktereigenschaften. Ihrem Gesprächspartner begegnet sie mit einem
freundlichen Lächeln. Sie ist konzentriert bei der Sache, wirkt aufgeschlossen.
Karolina ist eine selbstbewusste und offene junge Frau. "Man muss sich anderen
Menschen gegenüber öffnen können, sich mit ihnen unterhalten wollen", ist Karolina überzeugt. "Das ist das
Wichtigste. Sonst hätte ich das hier nicht geschafft."
Aufgewachsen in Litauen
Damit meint die 20-Jährige ihren Neustart in Deutschland. Und ihr Abitur: Ein Wort, das Karolina vor fünf Jahren noch nicht einmal richtig schreiben konnte.
Aufgewachsen ist Karolina Strumska in Litauen. Ihr Abitur hat sie dieses Jahr am Otto-Hahn-Gymnasium Bergisch Gladbach gemacht.
Mündliche Beteiligung war besonders wichtig
Die Grundkenntnisse eignete sie sich drei Monate in einem Intensiv-Sprachkurs
an. Danach wurde sie von ihrer Schule unterstützt- ein halbes Jahr lang büffelte
sie einmal pro Woche nachmittags in einem Deutsch-Förderkurs. Dieser wurde in
Zusammenarbeit mit der Regionalen Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und
Jugendlichen aus Zuwandererfamilien durchgeführt. "Da habe ich natürlich sehr
viel gelernt. Noch entscheidender war aber, dass ich mich im Unterricht direkt
mündlich beteiligt habe. Nur wer eine fremde Sprache intensiv spricht, kann sie
richtig lernen", betont Karolina. "Meine Lehrer und meine Mitschüler haben es
mir aber auch leicht gemacht. Sie kamen alle auf mich zu und wollten sich mit
mir unterhalten." Schulleiter Wolfgang Knoch bestätigt: "Karolina ist herzlich
empfangen worden. Wir haben bei uns an der Schule auch ein sehr offenes Klima,
dass es neuen Schülern leichter macht, sich hier schnell wohl zu fühlen." Knoch
legt Wert darauf, dass die Lehrer ihren Teil dazu beitragen. "Wenn jemand zum
Beispiel wegen fehlender Sprachkenntnisse noch recht stockend spricht, muss ich
als Lehrer eine Atmosphäre schaffen, die demjenigen die Scheu nimmt, sich im
Unterricht zu melden", so Knoch. "Außerdem sollte ich als Lehrer signalisieren:
Wenn es Probleme gibt, bin ich jederzeit ansprechbar. Dieses Angebot ist sehr
wichtig. Auch, wenn es kaum in Anspruch genommen wird." Auch Karolina hat diese
Einstellung geholfen, ihr Mut gemacht. Um sich zum Beispiel im Physik-Unterricht
zu trauen, die Frage zu stellen: "Was heißt eigentlich Geschwindigkeit?"
Fachausdrücke machen ihr noch zu schaffen
Mit Fachausdrücken hapert es auch jetzt manchmal noch. Ansonsten spricht
Karolina mittlerweile fast fließend Deutsch. Nur ihr Akzent verrät noch stärker,
dass sie mit einer anderen Sprache aufgewachsen ist. "Karolina hat schon ein
besonderes Talent", ist Schulleiter Wolfgang Knoch überzeugt. "Wir hatten
bereits häufiger Schüler aus dem Ausland, die ohne ein Wort Deutsch zu können zu
uns gekommen sind. Aber dann wie Karolina das Abitur mit einem Schnitt von 2,5
zu bestehen, ist etwas Besonderes", sagt Knoch. Nach so viel Arbeit will sich
Karolina jetzt erst einmal erholen. Gemeinsam mit Schulfreundinnen fliegt sie
für eine Woche nach Rom. "Natürlich will ich mich hauptsächlich ausruhen und mir
die Stadt anschauen. Aber zum Lesen werde ich auch etwas mitnehmen.
Wahrscheinlich naturwissenschaftliche Bücher", erzählt Karolina. Zielstrebig wie
sie ist, will sich die 20-Jährige damit auf ihr Studium vorbereiten. Wenn alles
klappt, wird sie ab dem Wintersemester in Aachen Werkstoffingenieurwesen
studieren. Wer Karolina begegnet ist, hat keinen Zweifel daran, dass das Mädchen
aus Litauen in einigen Jahren als erfolgreiche Ingenieurin in Deutschland
arbeiten wird. Dass sie mit ihrem Sprachtalent eine Ausnahme darstellt, glaubt
Karolina selber nicht. "Wenn man wirklich will, kann man das lernen."
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