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Schulangst bewältigen – wichtige Fragen, hilfreiche Tipps

Schulangst hat viele Gesichter – und die Gründe dafür sind nicht immer in der Schule zu suchen. Wie unterscheiden sich Schulangst und Schulphobie? Was können Lehrer gemeinsam mit Eltern dagegen unternehmen? Antworten gibt Wolfgang Oelsner, ehemaliger Leiter der Klinikschule der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Kölner Uni-Klinik.

Von Natascha Plankermann

Was ist Schulangst?

Schulangst ist in der Psychiatrie ein fester Ausdruck für die Angst vor der Schule. Insgesamt empfiehlt sich allerdings der Ausdruck Schulabsentismus.

Wie lassen sich die verschiedenen Formen von Schulangst unterscheiden?

Der erste Schritt ist die Diagnostik. Beim schulpsychologischen Dienst gibt es Tests, in denen es etwa um die Wahrnehmungsgeschwindigkeit oder um ganzheitliches Erfassen geht. Eine individuelle Diagnostik kann Angstauslöser erfassen, familiendiagnostische Fragen bilden dabei einen Schwerpunkt. Sie klären, wie eng die Beziehungsmuster ausgeprägt sind. Solche Diagnosen helfen, zu erkennen, woher die Angst kommt.

Welche frühen Symptome helfen, Schulängsten vorzubeugen?

Wenn ein Schüler bei bestimmten Themen – wenn es etwa um das erste Übernachten in der Gruppe während des Klassenausflugs geht – die Stimmung wechselt und heftige Widerstände zeigt oder gar Bauchschmerzen bekommt, dann kann das ein Anzeichen für eine Schulphobie sein. Vorsichtig sollte man auch sein, wenn ein Schüler unpassend freundlich auftritt. Sobald Eltern oder Lehrer alle Ausreden bedingungslos akzeptieren, geraten sie in eine erpressbare Situation. Deshalb sollte man auch mal anzweifeln, ob es beispielsweise wirklich nötig ist, nicht beim Sport mitzumachen.

Was tun, wenn ein ängstlicher Schüler neu in die Klasse kommt?

Man sollte versuchen, psychologisch zu sehen, aber pädagogisch zu handeln. Das heißt: Ich erkenne, was dieser Schüler besonders gut kann und dirigiere hinter den Kulissen. Macht er etwa schöne Fotos, vermittle ich ihn in die Schülerzeitungsredaktion. Über das Interesse am Fach überwindet er so seine persönliche Enge, und er kommt über ein bestimmtes Medium – in diesem Fall die Fotografie – in eine Gruppe hinein. Bewegungsängstlichen Kindern können durch spielerische Aktionen ihre Schwierigkeiten – auch mit der Nähe zu anderen – genommen werden. 

Foto: Wolfgang Oelsner, ehemaliger Leiter der Klinikschule der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Kölner Uni-Klink (Foto: Natascha Plankermann) Wolfgang Oelsner, ehemaliger Leiter der Klinikschule der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Kölner Uni-Klink (Foto: Natascha Plankermann)

Gibt es spezielle Ängste, mit denen vor allem ausländische Schüler kämpfen?

In Familien von Schülern mit Migrationshintergrund soll oder will oft die junge Generation die Älteren rehabilitieren. Wenn sich die Eltern nicht anerkannt fühlen, dann sollen die Kinder zeigen, was in der Familie steckt. Kinder können diesen „Auftrag“ auch übernehmen, ohne dass er ausgesprochen werden muss. Die Gefahr, eine Versagensangst zu entwickeln, ist dann groß. Die zweite Möglichkeit ist, dass Kinder ausländischer Eltern zwischen zwei Kulturen pendeln, weil zu Hause die in der Schule herrschende Kultur nicht akzeptiert wird. So kommen sie in einen Treuekonflikt, der dazu führen kann, dass sie nur zu einer Veranstaltung gehen – also zu Hause bleiben. Kommen noch körperliche Beschwerden hinzu, ist das Verhalten entschuldigt und der Konflikt erscheint vorerst trügerisch gelöst.

Wie kann die Schule mit den Eltern zusammenarbeiten, um den Kindern zu helfen?

Hier gibt es mehrere Möglichkeiten. Bei Schulschwänzern ist in der Regel von einer Beratung der Eltern wenig zu erwarten, wenn die Ursache für das Schwänzen im häuslichen Milieu zu suchen ist. Bei Kindern, die unter Schulangst leiden, ist es möglich, gemeinsam mit den Eltern zu überlegen:

Kann die Schule bei Freundschaften und Hobbys vermittelnd helfen?

Wenn die Eltern selbst ängstlich sein sollten, können sie mehr ins Schulleben eingebunden werden, indem sie Aufgaben der Mitwirkung, beispielsweise Begleitdienste bei Fahrten, Arbeitsgruppen-Betreuung und Ähnliches, übernehmen. Bei einer Klassenkonferenz mit den Eltern und den beteiligten Fachlehrern können Fragen geklärt werden wie: Wo und wie kann für den Schüler am ehesten ein Erfolg oder eine Ermutigung erreicht werden? Gibt es ausbaufähige Vertrauensverhältnisse? Eltern können ermutigt werden, externe Testdiagnostik in Anspruch zu nehmen, also einen Kinderarzt oder einen Psychotherapeuten mit dem Kind zu besuchen. Hierfür sollte man ihnen gegebenenfalls Adressen vermitteln. Bei Schulphobikern zeigen die Eltern erfahrungsgemäß anfänglich oft Widerstand gegen Maßnahmen wie etwa eine stationäre Behandlung, weil sie selbst Angst vor einer Trennung von ihrem Kind haben. Allerdings kann gerade den überbehütenden Eltern eine solche Distanz gut tun, damit sie ihrem Kind zutrauen, dass es mit dem zuweilen rauen Umgangston anderer Bezugssysteme, etwa dem der Schulklasse, zurechtkommt. Auf jeden Fall hilft es, die Beteiligten – sprich Kinder und Eltern – an einen Tisch zu holen, gemeinsam zu beraten und es auf keinem Fall beim Dulden der Situation zu belassen. Sollten narzisstische Geltungsansprüchen des Kindes mit der Schulphobie einhergehen, ist langfristig eine tiefenpsychologische Behandlung hilfreich.

Foto: Mit Schulangst kann der Schulalltag zur Qual werden. (Foto: Philippe Minisini / fotolia.com) Mit Schulangst kann der Schulalltag zur Qual werden. (Foto: Philippe Minisini / fotolia.com)

Wann sollte einen Psychotherapeut zu Rate gezogen werden?

Viele Probleme lassen sich am besten in Kooperation lösen. Lehrern hilft es, durch die therapeutische Brille zu verstehen und dennoch ganz Didaktiker zu bleiben. Der Therapeut hingegen muss wissen, was in der Schule läuft. Es ist wichtig, Pädagogik und Psychotherapie und gegebenenfalls auch Medizin zu vernetzen und nicht zu wetteifern, wer die bessere Lösung findet. Dennoch gibt es schwere Fälle, etwa unter den Schulphobikern, bei denen nach einem viertel Jahr ambulanter Therapie nur ein stationärer Aufenthalt hilft. Dabei muss man notfalls die Unterstützung des Jugendamts in Anspruch nehmen.

Gibt es eine Schule ohne Angst?

Nein, die sollte es auch nicht geben. Allerdings haben Kinder einen Anspruch darauf, in der Schule nur dosiert mit Angst konfrontiert zu werden. So können sie üben, Alltagsängste zu bewältigen. Sie wachsen durch die Erfahrung, dass sie mit Sorgen, Prüfsituationen, auch Enttäuschungen und unschönen Erlebnissen durch Klugheit, Kraft oder Geschicklichkeit fertig werden können. Im übertragenen Sinne geht es nicht darum, Berge zu versetzen, sondern Kindern zu helfen, diese zu überbrücken. So können sie manchmal auch erkennen, dass es nur Hügel waren, vor denen sie sich so geängstigt haben.

Wolfgang Oelsner über die drei Arten des Schulabsentismus

• Schulschwänzen

Anzeichen
Kinder, die nicht zur Schule gehen wollen, beziehungsweise nicht motiviert sind, am Unterricht teilzunehmen. Sie kommen häufig aus sozial schwierigen Verhältnissen, in denen auf Schulbildung nicht viel Wert gelegt wird. Das kann die Schule tun Bei hartnäckigen Schulschwänzern stoßen Lehrende meist an die Grenzen ihrer didaktischen und pädagogischen Möglichkeiten. Schulpsychologische Dienste und Jugendämter können ambulante Hilfe anbieten, die Schüler in Einzelfallhilfe betreuen. Wenn diese Unterstützung nicht angenommen wird, sollten Sonderprojekte außerhalb der „klassischen“ Schule genutzt werden – Maßnahmen, die extra für Schulmüde angeboten werden (siehe beispielsweise das „Rather Modell“ in Düsseldorf, www.rather-modell.de). Insgesamt gilt: Null Toleranz gegenüber der Regelverletzung und unorthodoxe Hilfsangebote zur Motivation anbieten.

•Schulangst

Anzeichen
Kinder, die gern zur Schule gehen würden, sich jedoch nicht trauen. Die Gründe hierfür sind in der Schule zu suchen:
1. Angst vor der Überforderung. Diese Kinder spielen im übertragenen Sinne in der Bundesliga, besitzen aber nur das Rüstzeug für die Regionalliga. Manche von ihnen haben Teilstärken wie ein gutes Kurzzeitgedächtnis, versagen dann aber beim räumlichen Sehen. Der Ehrgeiz der Eltern führt bei diesen Schülern oft zu einer überhöhten Erwartungshaltung: Ich bin doch ein Zweierkandidat, warum habe ich eine Vier? In der Folge werden sie noch fleißiger und verbissener, bis der Körper die Krankheit als ein Symptom produziert.
2. Angst vor Gewalt, Mobbing oder Ausgrenzung an der Schule – zum Beispiel, weil ein Kind nicht die angesagte Marken-Mode trägt.

Das kann die Schule tun
Zu 1. Wenn der Lehrende vermutet, dass das Kind Angst vor Leistungsüberforderung hat, ist eine Diagnostik wichtig, bei der nicht der IQ-Wert im Mittelpunkt steht, sondern das erstellte Leistungsprofil. Wichtige Fragen lauten zum Beispiel: Gibt es – versteckte – Teilleistungsschwächen? Wurden Teilstärken verallgemeinert und überschätzt? Wenn die individuellen Stärken und Schwächen feststehen, kann der Lehrplan entsprechend angepasst werden. Bei der Wiedereingliederung der Schüler ist eine verhaltenstherapeutische Begleitung hilfreich.
Zu 2.: Wenn Schüler Angst vor gewalttätigen Mitschülern, die sie mobben, oder vor zynischen Lehrern entwickeln, empfiehlt sich eine soziale Analyse des Schul- oder Klassenklimas. Fragen, die in diesem Zusammenhang gestellt werden, können lauten: Ist unser Schulklima elitär, lieblos, freudlos oder konturenlos? Haben nur einige wenige das Sagen? Gibt es Anzeichen von Mobbing, Mode-Ranking unter den Schülern oder „Pausenhof-Gangs“? Lehrende müssen sich selbstkritisch fragen: Bin ich zu hart? Kommen meine Witze falsch an? Gibt es unterschiedliche Führungsstile, auch konkurrierende Einflüsse unter den Lehrenden? In solchen Situationen können Klassengespräche, individuelle Integrationsangebote, Streitschlichter- und Mediationsprogramme helfen. Außerdem ist es ratsam, dass die Eltern der betreffenden Schüler Kontakt zur Klassen- und Schulleitung aufnehmen, da möglicherweise ein Wechsel in Parallelklassen und notfalls auch ein Schulwechsel ratsam ist.

• Schulphobie

Anzeichen
Schulphobiker haben zu Hause eine Bedeutung, die ihnen in der Klasse fehlt. Entweder sind sie der Lebensinhalt ihrer Eltern, die sie managen und zu allen möglichen Therapien schicken, oder die Kinder selbst übernehmen zu Hause viel Verantwortung, indem sie beispielsweise die Geschwister oder den Vater versorgen. Sie kommen im Schulmilieu nicht zurecht. Dort gehorcht ihnen niemand, sie gelten als arrogant und anmaßend. Bei ihnen korreliert die Erfahrung zu Hause mit einem nicht erfüllten Geltungsanspruch in der Schule.

Das kann die Schule tun
Um eine Überforderungsangst auszuschließen, sollte bei den entsprechenden Schülern eine Leistungsdiagnostik in die Wege geleitet werden – ebenso eine soziale Analyse, um festzustellen, dass weder Mobbing noch Hänseleien oder Gewalt primäre Angstauslöser sind. Haben die Schüler Freunde in den Reihen der Klasse? Tauchen die Ängste generell auf – oder nur bei einigen Lehrenden zu bestimmten Zeiten? Über den Schularzt kann der Kontakt zum Hausarzt gesucht werden, wenn monatelang Krankschreibungen wegen „Beschwerden“ eingereicht werden. Ähnliches gilt für den Fall, dass eine ambulante Psychotherapie nicht nach etwa drei Monaten dazu führt, dass das Kind wieder die Schule besucht. In dieser Situation hilft möglicherweise eine stationäre Behandlung dabei, die gestörte Beziehungsdynamik aufzuarbeiten. Wenn der Schüler in dieser Zeit eine Klinikschule besucht, wird die Schullaufbahn nicht unterbrochen.

• Schulangst und –phobie als Mischform

Es gibt Mischformen von Schulangst und –phobie, die sich besonders dann schwer bewältigen lassen, wenn die Schüler sich einerseits überfordert fühlen, und andererseits mit narzisstischen Geltungsansprüchen und „Bedeutungssucht“ kämpfen. In der Regel hilft pädagogisches Eingreifen dann nicht weiter, es sollten Beratungshilfen der Schulen für Kranke in Anspruch genommen werden (siehe: Hilfreiche Adressen und Links).

 

Hilfreiche Links und Adressen

Für alle Formen des Schulabsentismus bieten die örtlichen Jugendberater und der Schulpsychologische Dienst Beratungshilfen an. Darüber hinaus gibt es bei den Schulen für Kranke – etwa in Köln oder in Essen – Schulsprechstunden zu diesem Thema.

Adressen:

Pädagogisch-jugendpsychiatrische Ambulanz
der Johann-Christoph-Winters-Schule
Schule für Kranke in der Universitätsklinik
Lindenburger Allee 38
50931 Köln
Tel.: 0221-403050
154143@schule.nrw.de

Ruhrlandschule Essen
Holsterhauser Str. 151
45147 Essen
Tel.: 0201-705023
ruhrlandschule.info@schule.essen.de #

Psychotherapieangebot für Kinder mit Angststörungen:

Die Klinische Kinder- und Jugendpsychologie der Ruhr-Universität macht eine Studie zu Kindern mit Angststörungen und bietet in diesem Zusammenhang psychotherapeutische Hilfe an. Weitere Informationen gibt es unter www.kidsstudien.de.

Literatur:

Schulangst. Ein Ratgeber für Eltern und Lehrer, hrsg. von Wolfgang Oelsner und Gerd Lehmkuhl, Walter-Verlag 2002, 159 Seiten, 14,90 Euro (z.T. nur antiquarisch erhältlich)

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