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Mädchen für Technik begeistern

von Arnd Zickgraf

Foto: Nikita legt zum ersten mal Stromleitungen und lässt kleine Lampen glühen. Foto: Arnd Zickgraf Nikita legt zum ersten mal Stromleitungen und lässt kleine Lampen glühen. Foto: Arnd Zickgraf

In der Anfangsphase des Technikunterrichts in der Wilhelm-Busch-Realschule in Köln werden Mädchen und Jungen getrennt. Haben die Mädchen mehr Sicherheit zum Beispiel im Umgang mit Robotern erlangt, kommen sie wieder zusammen. Diese Vorgehensweise ist teil des Projekts „Mädchen wählen Technik“, das darauf zielt, Schülerinnen für Naturwissenschaften und Technik sowie für Berufe, die als frauenuntypisch gelten zu begeistern.

Zuhause hat Nitika noch nie eine Glühbirne in die Fassung schrauben dürfen. Im Technikunterricht gleich sieben. Die 15-jährige Schülerin der Wilhelm-Busch-Realschule im rechtsrheinischen Kölner Stadtteil Porz-Zündorf sitzt vor einem Holzbrett, auf dem sie die Skizze ihrer Wohnung gezeichnet hat, so wie sie später einmal aussehen könnte: mit Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer, Diele, Küche und Bad. In jedem Zimmer des Schaltplans hat sie eine oder zwei winzige Glühbirnen montiert, Kabel verlegt und Schalter angelötet. Zu Beginn der Stunde sei es ihr noch etwas schwer gefallen, die roten und schwarzen Kabel − Pluspol und Minuspol – zu verbinden, bis möglichst alle Glühbirnchen mit Strom versorgt sind. Dann ist es so weit. Endlich kann sie Licht in den Zimmern anknipsen. „Es ist ein gutes Gefühl, wenn die Lampen funktionieren“, sagt Nitika.

Im Nebenraum sitzen die Jungen und versuchen sich ebenfalls an der Beleuchtung ihrer Traumwohnungen. So auch Can. Als der Fünfzehnjährige mit der Verbindung seiner Glühbirnen nicht weiterkommt, geht er zu den Mädchen rüber und lässt sich den Weg schnell zeigen. „Mir hat es Spaß gemacht, dass jeder seine eigene Wohnung gestalten durfte“, sagt Can.

Beim Einstieg: Mädchen und Jungen trennen

Foto: Anneliese Schröder, Schulleiterin der Wilhelm-Busch-Real(Foto: Arnd Zickgraf) Anneliese Schröder, Schulleiterin der Wilhelm-Busch-Real(Foto: Arnd Zickgraf)

„Beim Informatik- und Technikunterricht ist es wichtig, einen Aufhänger zu finden, der aus der Mädchenwelt kommt, um auch Mädchen für diesen Unterricht zu begeistern“, sagt Anneliese Schröder, Schulleiterin der Wilhelm-Busch-Realschule. Auch die Lehrerin für Mathematik und Physik, Ulrike Baschlau-Kolle, will Technik nicht losgelöst von der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler wissen. Deshalb wandelte sie zum Beispiel die neutrale Unterrichtsaufgabe „Elektrische Schaltungen“ ab. Und zwar in der Weise, dass Mädchen und Jungen sie mit ihrer Vorstellungswelt verknüpfen konnten. Es sei motivierend, wenn Mädchen ihre eigene Wohnung gestalteten, so die Lehrerin. „Anfangs trennen wir Schülerinnen und Schüler, um Hemmungen bei den Mädchen gegenüber der Technik abzubauen“, sagt sie. Zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die Mädchen keine Angst mehr hätten, bloßgestellt zu werden, würden die Gruppen wieder zusammengeführt. Die Stärken der Mädchen am elektrischen Schaltplan seien unübersehbar. Die Mädchen löteten sauberer, so die Lehrerin, und hätten von daher weniger technische Probleme als Jungen. Gerade in der Elektrotechnik, wo es auf Feinheiten ankomme, sei diese Arbeitshaltung vorteilhaft. Viele Schülerinnen, die sich vorher nicht für Technik interessiert hätten, erlebten nun, dass sie Fähigkeiten in diesem Bereich besitzen. Die Folge: das Interesse für Technik und Informatik steigt.

Foto: Techniklehrerin Ulrike Baschlau-Kolle. (Foto: Arnd Zickgraf) Techniklehrerin Ulrike Baschlau-Kolle. (Foto: Arnd Zickgraf)

Mit einem pädagogischen Trick führt die Realschule ihre Mädchen auf ein technisches Gefilde, das sonst eher als Jungendomäne gilt: die Robotik. Im Informatikunterricht bauen und programmieren die Schüler und Schülerinnen Roboter entsprechend ihrer jeweiligen Arbeitsanweisungen. Den Jungen gibt Baschlau-Kolle den Auftrag: „Konstruiert und programmiert Roboter, die sich wie ferngesteuerte Autos vorwärts und rückwärts, links und rechts bewegen können.“ Bei den Mädchen sollen die Roboter in einer anderen Aufgabenstellung die gleichen Bewegungsmuster ausführen. „Konstruiert einen Tanzroboter und schreibt ein Programm für folgende Choreographie …“

Unterschiedliche Vorstellungen der Geschlechter berücksichtigen

„Die Roboter führen dasselbe aus, doch mit unterschiedlichen Vorstellungen der Mädchen und Jungen besetzt“, sagt Schulleiterin Schröder. Beide Gruppen seien so gleichermaßen motiviert, die Aufgaben zu lösen. Je nach Geschlecht bekämen die Jugendlichen für ihre Aufgabe einen anderen Rahmen. Aber die Programmierarbeiten beider Gruppen seien im Grunde identisch. Die Arbeitsanweisungen für Mädchen würden präzise ausformuliert. Sie müssten lösbar sein, denn bei Misserfolgen könnten sie den Mut verlieren. „Jungen mögen lieber globale Anweisungen und wollen sofort loslegen, ohne vorher viel lesen zu müssen“, erläutert die Schulleiterin.

Foto: Viele Schülerinnen, die sich vorher nicht für Technik interessierten, erleben nun, dass sie Fähigkeiten in diesem Bereich besitzen. (Foto: Arnd Zickgraf)(Foto: Arnd Zickgraf) Viele Schülerinnen, die sich vorher nicht für Technik interessierten, erleben nun, dass sie Fähigkeiten in diesem Bereich besitzen. (Foto: Arnd Zickgraf)(Foto: Arnd Zickgraf)

Begabte Mädchen ermuntert die Realschule an Technik-Wettbewerben teilzunehmen. Zum Beispiel am Zdi-Roboterwettbewerb der Initiative „Zukunft durch Innovation.NRW“ für Schülerteams. Die Mädchengruppe der Realschule unter der Leitung von Thorsten Bottin stellte sich in der Disziplin „Robot Performance“ für zehn bis sechzehnjährige Mädchen. Die Aufgabe: eine Tanzchoreografie zu entwickeln und diese vor dem Publikum zu präsentieren; dann das Computerprogramm schreiben, testen und den Robotern vor den Augen aller „Beine“ machen. Tanja gehört zu den Schülerinnen, denen Techniklehrerin Baschlau-Kolle einiges zutraut: „Wir haben vier bis fünf Mädchen, die das Zeug hätten, einen technischen Beruf zu erlernen und auszuüben – auch in einer männerdominierten Umgebung“, so die Lehrerin.

Technikcamp: Impulse für die Berufswahl

Doch als bei Tanja und ihrer Gruppe in der zweiten Runde des Wettbewerbs Schwierigkeiten beim Programmieren auftauchten, wollte sie das Handtuch werfen. „Wir mussten jetzt erst einmal Aufbauarbeit leisten“, sagt Ulrike Baschlau-Kolle. Die Mädchengruppe fasste wieder Mut und belegte schließlich in der Wettbewerbsrunde des Regierungsbezirks Köln den zweiten Platz. Sie kam sogar weiter als konkurrierende Gymnasiastinnen. Mit gestärktem Selbstbewusstsein meldeten sich Tanja und eine weitere Schülerin im Herbst 2010 zum MINT-Feriencamp am Science College Overbach in Jülich Barmen an. Insgesamt vertieften knapp 20 Mädchen der achten und neunten Jahrgangsstufen unterschiedlicher Schulformen bei der Lern- und Freizeitveranstaltung so ihre Programmier und -Technikkenntnisse.

 

Die meisten Schulabgängerinnen entscheiden sich trotz guter schulischer Leistungen für eine Ausbildung in einem frauentypischen Beruf oder für ein sprach- oder kulturwissenschaftliches Studium. Vielfach fehlt es Mädchen und jungen Frauen an weiblichen Vorbildern in MINT-Fächern. Vom Schuljahr 2010/2011 richtet sich das Projekt „Mädchen wählen Technik“ der Stiftung Partner für Schule NRW mit seinem Angebot an sämtliche Landesschulen. Angesprochen sind Schülerinnen aller Jahrgänge, interessierte Lehrerinnen und Lehrer sowie außerschulische Partner. Das Projekt will Mädchen und junge Frauen von der Grundschulzeit an mit naturwissenschaftlichen und technischen Phänomenen in Berührung bringen, sie ermutigen, tradierte Rollenbilder in Frage zu stellen und moderne Arbeits- und Forschungsfelder in ihre Berufs- und Lebensplanung einzubeziehen, die gute Einkommensmöglichkeiten bieten. Unterstützt werden teilnehmende Schulen etwa durch praxisorientierte Workshops für Lehrerinnen und Lehrer, 500 Euro zum Beispiel für Unterrichtsmaterial (etwa elektrische Schaltpläne) sowie Feriencamps. Die Kölner Wilhelm-Busch-Realschule nimmt am Projekt teil, weil geschlechtersensible individuelle Förderung Teil ihres Schulprogramms ist und auch gut zu den anderen schulischen Schwerpunkten MINT- Förderung, Berufsorientierung, Umweltschutz und Europaschule passt.

 

Nach Feriencamp und Technikunterricht bringen manche Realschülerinnen das Rüstzeug mit, etwa an eine Laufbahn als Ingenieurin oder als Informatikerin zu denken. Während Nitika sich noch immer nicht vorstellen kann, später in einem technischen Beruf zu arbeiten − sie will Kinderärztin werden – ist für Tanja der Beruf der Fachinformatikerin nun eine reale Perspektive. Sie weiß, dass ihr das Durchhaltevermögen auch im Beruf als Informatikerin helfen könnte. „Jetzt ist Tanja bei der Berufsfindung einen Schritt weiter – auch der Wettbewerb hat sie dahin gebracht“, sagt Schulleiterin Schröder. Auf eine Aufgabe im Technikunterricht sind die Realschülerinnen „ganz heiß“, so Baschlau Kolle: die Konstruktion von Bewegungsmeldern. Die sollen die Mädchen warnen, wenn die Eltern vor den Kinderzimmern aufkreuzen.

Weitere Informationen im Internet:

Mädchen wählen Technik – ein Projekt der Stiftung Partner für Schule NRW

Zukunft durch Innovation.NRW (Zdi)

Wilhem-Busch-Realschule Köln

 

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