von Ursula Zipperer
"Lehrer müssen Grenzen zeigen, bevor Mobbing für Kinder zur persönlichen Erfolgsstory wird."
„Rund 500.000 Schülerinnen und Schüler in Deutschland werden pro Jahr regelmäßig von Gleichaltrigen gemobbt“, sagt die Privatdozentin und Psychologin Dr. Mechthild Schäfer. Sie lehrt Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 15 Jahren forscht sie in ihrem Spezialgebiet Mobbing unter Kindern und Jugendlichen. Wie Lehrer Schikane am besten verhindern, erklärt sie im Interview.
Frau Schäfer, Sie nennen Kinder, die andere Kinder mobben, kleine Macchiavellisten – frei nach Macchiavelli, dem Prototyp eines rigiden Machtpolitikers. Drangsalieren Kinder einander aus Machtstreben?
Nicht nur. Zum einen probieren Kinder einfach alles aus. Das ist ein immanentes Lernprogramm, mit dem sie ihre Entwicklung vorantreiben. In der Regel probieren Kinder so lange aus, bis ihnen jemand eine Grenze aufzeigt. Zum andern gibt es in jeder Gesellschaft einen gewissen Prozentsatz an Individuen, die nach Macht streben. Das ist wie im Tierreich und durchaus evolutionsbiologisch begründet. Kinder merken einfach, dass es cool ist, das Sagen zu haben, oder – wie mein kleiner Sohn in der dritten Klasse immer sagte – „der Bestimmer“ zu sein. Deshalb versuchen sie das mit allen Mitteln. Lehrer und Schulklasse müssen ihnen dann die Grenze zeigen. Sie müssen sagen: „Bis hierhin und nicht weiter.“ Andernfalls wird Mobbing für Kinder zur persönlichen Erfolgsstory.
Wie sind in einer Klasse die Rollen von Opfern, Tätern und Mitläufern verteilt?
Interessanterweise finden wir in der Forschung eine relative Gleichverteilung in allen Klassen, im Prinzip sogar über die Altersstufen hinweg. Pi mal Daumen schlagen sich 30 Prozent dem Aggressiv-Lager zu – den Mobbern, ihren Assistenten und den Verstärkern, die daneben stehen und klatschen oder lächeln, wenn jemand attackiert wird. 20 bis 30 Prozent der Kinder verteidigen die Opfer, indem sie trösten, helfen und dem Lehrer Bescheid sagen, wenn es einem Mitschüler schlecht geht. Weitere 20 bis 30 Prozent stehen zwar direkt daneben, unternehmen aber nichts – diese Gruppe rückt im Augenblick für Interventionen ins Zentrum der Forschung. Etwa 10 Prozent sind Opfer. Aber Mobbing ist immer ein Gruppenprozess, die Anerkennung der Gruppe bestimmt den Erfolg der Täter.
Wie verhindert ein Lehrer Mobbing am besten?
Die Aktion mit der allerhöchsten Erfolgsgarantie ist nach wie vor, dass Lehrer dafür sorgen, dass Mobbing gar nicht erst entsteht. Es ist eine etwas naive Vorstellung zu denken: „Die Kinder kommen schon miteinander klar.“ Warum sollten sie? 25 Erwachsene, die man zusammen in einen Raum steckt, müssten sich auch kennenlernen, müssten bestimmte Regeln aufstellen, Vertrautheiten entwickeln, realisieren, dass man mit bestimmten Leuten vielleicht nicht so gut klar kommt, sie aber trotzdem achtet oder zumindest nicht schikaniert. All das müssen Kindern trainieren. Besonders kritisch bei der Gruppenbildung sind die erste und die fünfte Klasse, wenn die Kinder neu zusammengeworfen werden. Wir haben im vergangenen Schuljahr in der fünften Jahrgangsstufe eines Gymnasium untersucht, wie sich die Kinder vernetzen. Mit relativer Sicherheit können wir sagen, dass die Vernetzung zu Weihnachten weitgehend abgeschlossen ist. Die ersten Monate eines Schuljahres sind also außerordentlich wichtig, um sicherzustellen, dass sich möglichst viele Kinder in einer Klasse möglichst gut kennen. Lehrer sollten Schüler in unterschiedlichen Konstellationen zusammenarbeiten lassen, dafür sorgen, dass sie sich jenseits der Arbeitskontexte kennenlernen oder Arbeitskontexte so schalten, dass diese auch eine soziale Komponente haben. Wer sich räumlich nahe ist, lernt sich kennen, kommt sich auch sozial näher und versteht sich besser. Die meisten Grundschulen setzen das ganz wunderbar um, in der weiterführende Schule wird es eher vernachlässigt, weil sich die Lehrer stärker auf ihre Fachlehrerrolle beziehen.
"Aggression reduziert sich nur dann, wenn man klar etwas dagegen tut, wenn man die Erfolgserwartung enttäuscht, dass man mit Aggression zum Ziel kommt." (Foto: Christopher Pattberg/ iStockphoto.de)
Laden Sie den Lehrern da nicht zu viel Verantwortung auf?
Nein. Wenn Sie in die Lehrergesetze reinschauen, stehen dort Erziehungsauftrag und Ausbildungsauftrag gleichwertig nebeneinander. Lehrer sind qua Aufgabe und qua Position dafür verantwortlich, was im Klassenzimmer passiert und dass Kinder so miteinander umgehen, dass sich das mit sozialem Ethos verträgt. Wenn der Lehrer die Rolle des Alpha-Tiers in der Klasse nicht einnimmt oder aufgibt, kann er relativ sicher sein, dass Schüler versuchen, diese dominante Position zu übernehmen. Ganz viele Lehrer wissen das und verhalten sich richtig. Es gibt aber leider genug Lehrer, die es versäumen.
Wenn es doch zu Mobbing kommt, was kann ein Lehrer dann tun?
Am erfolgreichsten sind die Interventionsansätze, die auf einem „Whole School Approach“ basieren. Wenn die ganze Schule sagt: Wir wissen, dass Mobbing ein Thema ist, wir müssen darauf vorbereitet sein, und wenn es vorkommt, dann haben wir einen Plan: Klassenkonferenz, Schulleiter informieren, mit den anderen Lehrern der Klasse sprechen, damit die sich fragen: „Passiert das in meinem Unterricht auch? Wer zählt zu den Aggressiven in der Klasse, wen können wir aktivieren, um solche Vorfälle zu verhindern? Lasst uns mal drauf achten, treffen wir uns in drei Tagen wieder.“ Dann müssen sich die Lehrer so lange aktiv sein, bis es eine Verbesserung gegeben hat. Wir wissen aus der Forschung, dass Aggression sich nur dann reduziert, wenn man klar etwas dagegen tut, wenn man die Erfolgserwartung enttäuscht, dass man mit Aggression zum Ziel kommt. Interessant ist, sogar wenn man nichts gegen Aggression tut, erhöht sich ihre Häufigkeit, weil das immer noch als Erfolg gewertet wird. Am allerschlimmsten ist es, wenn einige etwas tun, andere nicht. Wenn in der Schule also der Mathelehrer in seinem Unterricht einen sehr klaren Blick hat und Aggressionen mit klaren Ansagen unterbindet und der Englischlehrer sich denkt „Ich seh hier nichts“. Dann weiß der Mobber natürlich, in welcher Stunde er Rabbatz macht.
Können Lehrer Mobbing durch Eingreifen auch verschlimmern?
Können sie. In jedem Fall schief geht, wenn ein Lehrer sich nach einem Vorfall mit Tätern und Opfern gleichzeitig unterhält. Die Erfahrung zeigt, das wird ein ganz nettes Gespräch, die Täter zeigen sich sehr einsichtig und machen gute Vorschläge. Aber es gibt immer wieder Berichte, dass der Täter dem Opfer wirklich schon im Türausgang wieder gedroht hat: „Dich machen wir fertig!“. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Gespräch zu einer Verschlimmerung führt, ist also außerordentlich groß. Warum sollte man als Täter eine Erfolgsstory aufgeben, nur „weil das blöde Opfer gepetzt hat“! Lehrer sollten außerdem vermeiden, in der Klasse einen speziellen Fall zu diskutieren. Sinnvoller sind generelle Diskussionen über Mobbing, eine soziale Stunde im Monat oder ein Gespräch über soziales Verhalten – und dieses präventiv, also bevor etwas passiert.
Ist es eine Lösung, das Opfer aus der Klasse zu nehmen?
Das ist der schlechteste Weg. Wenn ein Kind mitten im Schuljahr die Klasse wechselt, kommt es in ein soziales Gefüge, was schon gefestigt ist. Sich in eine neue Klasse zu integrieren, ist für ein Kind eine relativ schwierige Aufgabe. Ein Kind, das gemobbt worden ist, hat zudem gerade schlechte Erfahrungen gemacht: Es versteht nicht, warum ihm das passiert ist, es denkt: „Es muss an mir liegen, alle haben mitgemacht, keiner hat mir geholfen, jetzt muss ich auch noch von meiner Schule gehen.“ Wobei letzteres eigentlich administratives Mobbing ist, wenn derjenige gehen muss, der nichts falsch gemacht hat. Mit dieser Erfahrung muss in der neuen Klasse nur jemand „Buh!“ machen, und das Kind denkt, es geht wieder los. Zusätzlich lernen die Täter in der alten Klasse, dass ihre Strategie erfolgreich war und suchen sich sehr wahrscheinlich bald ein neues Opfer. Der Ehrlichkeit halber muss man aber auch sagen, dass der Schulwechsel manchmal der einzig mögliche Weg ist, weil der Kindesschutz vorgeht. Manchmal will ein Kind sonst gar nicht mehr in die Schule.
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