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Das einzelne Kind im Blick

Von Frauke König und Marc Raschke

Lehrer werden künftig stärker auf die Bedürfnisse der einzelnen Schüler eingehen müssen. Individuelle Förderung gilt als der Schlüssel zum pädagogischen Erfolg.



Foto: Die Lehrer 2020 (Foto: Alex Büttner) Die Lehrer 2020 (Foto: Alex Büttner)

Wenn es um den Unterricht der Zukunft geht, sind sich die sechs Lehramtsstudenten, die in einem Hörsaal der Technischen Universität Dortmund sitzen, einig: Das Arbeiten in kleinen Gruppen löst den Frontalunterricht weitgehend ab, leistungsstarke Kinder unterstützen schwächere und praktische Beispiele sorgen dafür, dass der Unterrichtsstoff für die Kinder greifbar ist. Nicht nur fachlich kompetent soll der Pädagoge der Zukunft sein, sondern eine Bezugsperson für seine Schüler darstellen. Martin Kreuzer will durch neue Medien Abwechslung in den Schulalltag bringen, sein Kommilitone Sven Monien plädiert für neue Methoden wie differenzierte Lernaufgaben und wünscht sich, das Lerntempo und die Gestaltung von Themen dem einzelnen Schüler entsprechend anzupassen. Auf die Bedürfnisse der einzelnen Kinder einzugehen und deren Verschiedenheit anzunehmen – das hat sich Janina Igelbusch vorgenommen. Die Lehrer von morgen wollen vor allem eines: individuell fördern.

Tatsächlich wird sich der Unterricht künftig stärker auf die Bedürfnisse der einzelnen Schüler einstellen müssen – nicht nur, weil das Recht eines jeden Schülers auf individuelle Förderung im nordrhein- westfälischen Schulgesetz seit 2006 verankert ist. Individuelle Förderung gilt als der Schlüssel zum pädagogischen Erfolg. „Die Erkenntnisse der Lernpsychologie, der Neurobiologie und der Unterrichtsforschung sowie die Erfahrung aus den PISA-Siegerländern – alles spricht dafür, dass individuelle Förderung notwendig ist“, sagt Claudia Solzbacher. Die Professorin für Schulpädagogik an der Universität Osnabrück forscht zum Thema. Im Mittelpunkt stehe eigenverantwortliches, selbstgesteuertes Lernen der Schüler, angestoßen durch vielfältiges Lernmaterial in einer vorbereiteten Lernumgebung. Zentral sei auch ein neuer Blickwinkel des Lehrers: weg von den Defiziten, hin zu den Potenzialen der Kinder. Die Notwendigkeit, individuell zu fördern, sehen einer Umfrage Solzbachers zufolge nahezu alle Lehrer – oft noch hapert es allerdings an der Umsetzung. Gleichwohl liegt Nordrhein-Westfalen der Bildungsforscherin zufolge an der Spitze der Bewegung in Deutschland: Mittlerweile 351 Schulen tragen das „Gütesiegel Individuelle Förderung“, das vom Land für eine richtungweisende Unterrichtspraxis verliehen und von der Unfallkasse NRW unterstützt wird. Fast 900 Grundschulen haben ein „Lernstudio“ eingerichtet, in dem sie individuell fördern.

„Das Kind entscheidet selbst, was sich im Hirn verankert“

Wie individuelle Förderung in der Praxis aussehen kann, macht die Wartburg-Grundschule in Münster vor. Hildegard Weber sitzt schon eine ganze Weile hinten in der Klasse auf einem kleinen Stuhl. Sie führt von hier Regie – agieren müssen die Schüler. Ein Junge steht vorne, schiebt die Tafel rauf und geht den Tagesplan durch. Ein Mädchen hilft. Wer aufzeigt, wird von den beiden drangenommen. Selbst Hildegard Weber, die sie alle hier beim Vornamen nennen, muss aufzeigen, wenn sie etwas sagen will. Niemand kichert, weil keiner es anders kennt. Als der Tagesplan besprochen ist und sich der Junge den Kreidestaub von den Händen schlägt, raunt ihm ein Klassenkamerad von einem der Gruppentische zu: „Du musst noch fragen: Habt Ihr noch Tipps für mich?“ Wer vorne steht und den Unterricht moderiert hat, darf sich Lob abholen, aber auch Vorschläge, wie er seinen „Job“ an der Tafel künftig noch besser machen könnte. „Uns ist es wichtig, dass die Kinder von Beginn an die Verantwortung für ihr eigenes Lernen übernehmen“, erklärt Schulleiterin Gisela Gravelaar. „Das Kind entscheidet schließlich selbst, was es im Gehirn verankert.“ Die Wartburg-Grundschule bietet ihren 425 Kindern offene Unterrichtsformen, flexible Pausenzeiten und eine individuelle, ganzheitliche Lernförderung. 2008 bekam sie dafür den Deutschen Schulpreis und das „Gütesiegel Individuelle Förderung“.

Mitunter sind es verblüffend einfache Ideen, mit denen Schüler individuell gefördert werden können. So hat die Schule beispielsweise eine „Lernlandkarte“ eingeführt: ein weißes DIN-A-3-Blatt, auf dem jedes Kind seine Lernziele festhält. Konkret sind das Zettel mit Sätzen wie „Ich kann auf Fragen anderer antworten“ oder „Ich erkenne Wörter mit -en“. Die sechsjährige Frida hat ihre Herausforderungen auf die linke Seite geklebt. Daneben hat sie sich in einem Schwimmbecken gemalt. Warum? „Na, bei den Aufgaben schwimme ich halt noch“, meint Frida knapp. Die bereits überwundenen Hürden stehen bei ihr rechts. Wenn sie meint, ein Ziel erreicht zu haben, geht sie zu Hildegard Weber und muss einen Beleg dafür erbringen, zum Beispiel, in dem sie in einem Text alle Wörter mit -en unterstreicht. „Die Lernlandkarten haben unseren Unterricht verändert“, sagt Gravelaar. Im Gegensatz zu Wochenarbeitsplänen, die weitestgehend von Lehrern entwickelt und damit vorgegeben werden, kann ein Kind mit einer Lernlandkarte selbst entscheiden, wie es sich im Dschungel der zu bewältigenden Aufgaben fortbewegt. Die Lehrerin als „Lernbegleiterin“ berät das Kind.

Wer eine Fünf bekommt, kann ins "Lernbüro" gehen

Wie gelingt individuelle Förderung? Welche Faktoren sind entscheidend? Neben strukturellen Rahmenbedingungen hält Bildungsforscherin Solzbacher vor allem eine starke, begeisterungsfähige Schulleitung, eine ausgefeilte Konferenzkultur und Fortbildungen für bedeutend. In der Stärkung der Diagnosekompetenz sieht Solzbacher einen Schritt in die richtige Richtung: „Viele Instrumente der individuellen Förderung, wie Portfolio und Lerntagebücher, sind Diagnoseinstrumente. Wenn diese besser bekannt wären und die Lehrkräfte sie besser und professioneller einsetzen könnten, dann wäre schon viel getan.“ Diesen Fortbildungsbedarf sehen auch viele Lehrer. Darüber hinaus appelliert die Professorin, sich nicht nur auf die kognitiven Merkmale der Kinder zu konzentrieren: „Bildung ist Persönlichkeitsentwicklung“ – und dazu gehören auch emotionale und soziale Gesichtspunkte. Die Persönlichkeit der Kinder in den Mittelpunkt zu stellen, ist auch den Lehrern der Erich Kästner-Realschule in Gladbeck ein zentrales Anliegen. Ihr Motto: Die Kinder werden nicht auf-, sondern angenommen – mit ihren Stärken und Schwächen. Konkret heißt das: Hat ein Schüler Schwierigkeiten mit der Prozentrechnung oder eine Fünf in der Englischarbeit, kann ihm im „Lernbüro“ geholfen werden. Der Schüler füllt eine Förderkarte aus und gibt an, worin genau er von einem Lehrer oder Lernpaten, einem älteren Schüler also, unterstützt werden möchte. Die Karte wirft er in den Briefkasten des Büros und kommt dann dorthin zu einem Beratungsgespräch. Hapert es bei Kleinigkeiten, reichen meist wenige Termine. „Wenn ein Schüler Schwierigkeiten in der Rechtschreibung hat, braucht er längerfristig ein Unterstützungsangebot“, erklärt Ramona Tölle-Holländer, Leiterin des „Lernbüros“. Dann wird der Schüler mit einem Laufzettel zu einem der „Lernblöcke“ verwiesen. Das sind kleine Gruppen, die dreimal wöchentlich während der freien Mittagszeit stattfinden. In Zusammenarbeit mit Lernpaten fördern Lehrer die einzelnen Kinder anhand ihres Lernzettels.

Foto: Die Wartburgschule gewann den Deutschen Schulpreis für ihr Konzept (Foto: Deutscher Schulpreis/Theodor Barth) Die Wartburgschule gewann den Deutschen Schulpreis für ihr Konzept (Foto: Deutscher Schulpreis/Theodor Barth)

Individuell gefördert wird auch während des Regelunterrichts : Dort dürfen sich die Schüler von unterschiedlichen Aufgaben diejenige aussuchen, die sie für ihren Lernerfolg am besten halten. „Unser großes Ziel ist der Schüler, der seine Ziele benennen kann, der weiß, auf welchem Lernweg er am besten lernt und der seine Stärken und Schwächen kennt. Wenn der Schüler das artikulieren kann, indem er von uns in seiner Persönlichkeit gestärkt wird, dann sind wir schon sehr weit“, erklärt Tölle-Holländer.

Ende des Dreivierteltaktes

Für Kinder aus Einwandererfamilien hat die Schule zwei Wochenstunden Förderunterricht Deutsch eingerichtet. Um die Leistung der Mädchen in Chemie und Physik zu stärken, lernen diese in der achten und neunten Klasse getrennt von den Jungen. Für die Jüngsten sind drei zusätzliche Förderstunden im Angebot, die jeweils mit zwei Lehrern besetzt sind. Stetig arbeitet die Schule daran, ihre Förderung zu verbessern und auszubauen: Der Unterricht wird bald vom 45- auf einen 65- Minuten-Takt umgestellt, um eigenständiges Lernen zeitlich besser integrieren zu können.

Wie lässt sich individuelle Förderung in einem personellen und finanziellen Rahmen realisieren, der dem anderer Schulen entspricht? „Das ist nicht leicht“, räumt Lehrerin Linda Allwermann ein. „Je kleiner die Lerngruppe ist, desto besser kann ich natürlich individuell fördern. Aber Möglichkeiten gibt es auch in großen Lerngruppen.“ Dass die Haltung des Kollegiums bei der individuellen Förderung mitentscheidend ist, bestätigt auch Kollegin Tölle-Holländer: „Bei uns gilt der Grundsatz: ‚Yes, we can‘ und nicht ‚No, we can’t‘. “ Der oft schwierige soziale Hintergrund der Kinder und große Klassen sind eine Herausforderung. Aber gerade deshalb setzt die Schule konsequent auf individuelle Förderung. Dass sich das Engagement lohnt, belegt eine Sitzenbleiberquote von nur noch 0, 87 Prozent, das „Gütesiegel Individuelle Förderung“ sowie die hervorragenden Ergebnisse der Qualitätsanalyse des Schulministeriums. Motivierend ist auch, dass die Schule Ende Januar als eine von zwanzig Schulen bundesweit von der Jury des Deutschen Schulpreises besucht wurde.

Im Ganztag klappt’s besser

Neben einem kooperierenden Kollegium und einer engagierten Schulleitung ist der Ganztag für die beiden Pädagoginnen grundlegend, um gezielt fördern zu können. So kann ein erheblicher Teil der Stunden mit zwei Lehrern besetzt werden, die Klassen lassen sich in kleinere Gruppen teilen und zeitgleich können differenzierende Angebote gemacht werden, erklärt Lehrerin Allwermann. Weiteres Plus des Ganztages: Die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern wird gestärkt. In der wöchentlichen „Tutorstunde“ haben Schüler Gelegenheit, mit ihren Klassenlehrern über Probleme in der Schule oder zuhause zu sprechen. Zeit für die Lehrer, die Anliegen der Kinder ernst zu nehmen, sie in ihrer Entwicklung zu unterstützen und den einzelnen Schüler in den Blick zu nehmen.

Eine solche individuelle Betreuung haben die sechs Lehramtsstudenten an der Universität Dortmund in ihrer eigenen Schulzeit kaum erlebt. „Ich hatte mal einen Lehrer, der einem Schüler, der schon zwei Jahre nicht mehr in der Klasse war, noch eine mündliche Quartalsnote gegeben und diese laut vor der Klasse vorgelesen hat“, erzählt Student Martin Kreuzer. Er sagt mit Nachdruck: „So möchte ich auf keinen Fall werden! Als Lehrer sollte man individueller nach den Schülern schauen und sich Zeit nehmen, sich zu jedem Schüler Gedanken zu machen.“

Aus: Forum Schule 1/2010

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