Kaum ein Thema erhitzt die Gemüter wie die Gleichstellung der Geschlechter. Für viele ist sie längst erreicht, andere sehen noch einen weiten Weg bis dahin. Schnee von gestern oder Lawine von morgen? Brauchen Jungen heute mehr Förderung als Mädchen? Wir fragten die Schulministerin nach ihrer Meinung. Sylvia Löhrmann äußert sich unter anderem dazu, wie man Frauen für Schulleitung gewinnen kann und welche Rolle Ansprechpartnerinnen für Gleichstellungsfragen an eigenverantwortlichen Schulen spielen.
Frau Ministerin, Sie waren in den 1990er Jahren schon an den Verhandlungen des Landesgleichstellungsgesetzes maßgeblich beteiligt. Sie selbst stehen für die Gleichstellung der Geschlechter. Wo sehen Sie Handlungsbedarf unter Gleichstellungs- bzw. Genderperspektive?
Schulministerin Sylvia Löhrmann
Ministerin Löhrmann: Wir brauchen geschlechtergerechte Angebote für Mädchen und Jungen im Rahmen individueller Förderung. Wir müssen mehr Lehrerinnen für den Weg in die Schulleitung gewinnen. Und wir sollten Männer davon überzeugen, dass Gleichstellung nicht nur ein Frauenthema ist. Gerade in Schulen ist es fatal, wenn alle Aufgaben, die mit Gleichstellung und geschlechtergerechter Förderung zusammenhängen, an Frauen delegiert werden. Das ist in der Sache falsch und, was den Arbeitsaufwand angeht, gar nicht zu leisten. Geschlechtergerechtigkeit geht jeden etwas an und muss als Querschnittsaufgabe verstanden werden.
Brauchen wir im Augenblick mehr Jungen- als Mädchenförderung?
Ministerin Löhrmann: Die Jungen gelten zurzeit als Bildungsverlierer. Je höherwertig ein Abschluss, desto mehr Mädchen tauchen in der Statistik auf. Man darf aber nicht übersehen, dass sich das Verhältnis an den Universitäten ändert. Bei den Promotionen sind wiederum mehr Männer vertreten. Was dann Karriere, Status und Verdienst betrifft, sind Männer führend. Noch immer verdienen Männer rund ein Viertel mehr als Frauen.
Wir brauchen sowohl Jungen- als auch Mädchenförderung. Nicht selten entziehen sich gerade Jungen dem Unterrichtsgeschehen, sie müssen durch gutes Classroom Management immer wieder integriert und gefordert werden. Sie brauchen außerdem oft besondere Unterstützung in den sprachlichen Fächern.
Dass viele Mädchen in der Schule besser abschneiden, liegt zum Teil daran, dass sie sich eher an schulische Anforderungen anpassen. Aber genau hier wird der Boden bereitet für zuviel Bescheidenheit im Beruf. Mädchen brauchen also Unterstützung, wenn es um mehr Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen geht. Im Übrigen auch bei der Selbsteinschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern.
"Gleichstellung geht nicht nur Frauen an." (Foto: contrastwerkstatt / fotolia)
Im Augenblick fehlt es an Bewerberinnen und Bewerbern für das Schulleitungsamt. Wenn man von Grundschulen absieht, sind nur etwa 30 Prozent aller Schulleitungen in weiblicher Hand, während der Frauenanteil an den Kollegien aller Schulformen inzwischen über 50 Prozent liegt. Sie selbst haben eben darauf hingewiesen, dass sich der Frauenanteil in Schulleitungen erhöhen muss. Wie kann man Frauen gezielt fördern, um sie für die Schulleitung zu interessieren?
Ministerin Löhrmann: Es ist leider immer noch so, dass weniger Lehrerinnen als Lehrer überhaupt die Möglichkeit für sich in Betracht ziehen, eine Schule zu leiten. Und das hängt nur zum Teil mit der Frage zusammen, wie man Beruf und Familie miteinander vereinbaren kann. Mindestens genauso wichtig, vielleicht sogar wichtiger scheint zu sein, dass zu wenige Lehrerinnen mit Selbstbewusstsein und Selbstverständlichkeit überhaupt ein Leitungsamt anstreben. Schulleitung – das ist für viele Frauen immer noch keine realistische Option, kein wirkliches Ziel in der eigenen Lebensplanung. Hier muss sich etwas ändern. Schulleiterinnen und Schulleiter müssen ihre Personalverantwortung deutlich wahrnehmen und insbesondere Frauen mit Leitungskompetenz gezielt ansprechen und ermutigen, den Weg in die Schulleitung zu gehen. Ein erster Schritt ist beispielsweise die Teilnahme an einem Orientierungsseminar für Lehrerinnen mit Interesse an Leitung. Danach hilft die Schulleitungsqualifizierung, Berührungsängste mit dem Thema Leitung zu verringern.
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielt hier – leider noch immer hauptsächlich für die Frauen – natürlich eine große Rolle. Warum sollen es nach wie vor die Frauen sein, die die Doppelbelastung von Familie und Beruf allein tragen? Rechtlich ist Leitung in Teilzeit schon lange möglich. Die geplante Erhöhung der Leitungszeit an Grundschulen verspricht hier auch praktische Erleichterungen. Wir müssen aber noch weitere Lösungen für die Umsetzung in der Praxis entwickeln bzw. ausbauen, die von Männern wie Frauen getragen werden: Leitung in Teamstrukturen, neue Formen der Delegation insbesondere zukünftig an eigenverantwortlichen Schulen, Mut zu weniger Perfektionismus und zu mehr Prioritätensetzung. Das alles schafft Raum und ermöglicht professionelle Leitung, ohne dass einem die Puste dabei ausgehen muss.
Wird Gleichstellungsarbeit in Schulen durch die neue Rolle der Ansprechpartnerinnen an eigenverantwortlichen Schulen einen höheren Stellenwert in der Praxis bekommen?
Ministerin Löhrmann: Ja, das erwarte ich. Schon deshalb, weil die Schulleiterinnen und Schulleiter ein Interesse daran haben, die von ihnen getroffenen, im Rahmen der Eigenverantwortlichkeit übertragenen Personalentscheidungen gerichtlich nicht angreifbar zu machen. Dafür müssen sie die gesetzlich notwendige Beteiligung der Ansprechpartnerinnen sicherstellen. Um ihre Aufgaben erfüllen zu können, hat die Ansprechpartnerin nach dem Landesgleichstellungsgesetz und dem Schulgesetz auch einen Anspruch darauf, im erforderlichen Umfang und im Rahmen der verfügbaren Stellen entlastet zu werden. Auch wenn ich es mir anders wünschen würde, heißt das angesichts der aktuellen Haushaltslage, dass Entlastung nur aus den bereits vorhandenen Möglichkeiten gesucht werden kann. Das kann eine Pflichtstundenentlastung aus den der Schule zur Verfügung stehenden Anrechnungsstunden sein, wie es an einigen, vor allem größeren Schulen auch praktiziert wird. Vor allem an kleineren Schulen mit zeitlich geringerem Beteiligungsaufwand gibt es aber auch Entlastungsmöglichkeiten jenseits einer Stundenreduzierung, wie z.B. die Befreiung von Einsätzen im Vertretungsunterricht, von außerunterrichtlichen Aufgaben, von Pausenaufsichten, möglicherweise auch Unterrichtsvertretung während der Vorstellungsgespräche. Ein Lehrerkollegium, das gute Gleichstellungsarbeit zu schätzen gelernt hat, wird diese Entlastungsformen mittragen. Denn es geht ja nicht nur um Pflichtbeteiligungen bei den übertragenen Personalentscheidungen, es geht auch zum Beispiel um die Unterstützung teilzeitbeschäftigter und alleinerziehender Lehrkräfte oder um gleichstellungsorientierte Fortbildungsplanung.
Und eine geschlechterbewusste Pädagogik, für die die Ansprechpartnerin nicht Alleinverantwortliche, aber Impulsgeberin sein kann, wird immer stärker auch als Qualitätsmerkmal von Schulen erkannt. Nicht umsonst zeigt heute jede namhafte Bildungsstudie auch die Geschlechteraspekte von schulischer Arbeit auf. Eine geschlechtergerechte Schule zu schaffen – das ist ein zu großes Ziel, als dass es auf den Schultern einer einzelnen Lehrkraft lasten darf. Der Weg lohnt sich und macht auch Spaß!
Frau Ministerin, vielen Dank für das Gespräch.
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