Von Frauke König
Lehrerin mit Müttern (Foto: Christof Wolff)
In der Mitte des Klassenzimmers steht ein bunt gedeckter Tisch: Malbücher, Spiele, Kuscheltiere, ein kleiner Kaufmannsladen. Nichts Ungewöhnliches für eine Grundschule. Nun aber sitzen davor keine Kinder, sondern zwei türkischstämmige Mütter. Ihnen gegenüber hat Lehrerin Heidrun Selge Platz genommen. Ort der Handlung ist die Dortmunder Grundschule Kleine Kielstraße. Heidrun Selge berät die Frauen, wie sie ihre Kinder im Alltag gezielt unterstützen können. Grundlage ist ein obligatorischer Test, mit dem die Schule schon im Jahr vor der Einschulung den Entwicklungsstand ihrer künftigen i-Dötzchen ermittelt. Haben die Kinder noch Schwierigkeiten mit der Vorstellung von Mengen? Dann kann es beispielsweise hilfreich sein, die Kleinen immer wieder beim Tischdecken oder beim Einkaufen einzubeziehen. Hapert es noch an der Feinmotorik? Dann bitte die Kinder öfter mit Schere und Stift umgehen lassen. Geringer Aufwand, beachtliche Wirkung: Der Schulstart beginnt an der Kleinen Kielstraße nicht beim Punkt null.
Auch bildungsferne Eltern ins Boot holen
Es ist fast eine Binsenweisheit: Die bestmögliche Förderung bekommt ein Kind, wenn Eltern aktiv eingebunden werden und Elternhaus und Schule eng zusammenwirken. Was sich leicht anhört, gestaltet sich in der Praxis aber nicht selten schwierig. Während sich Lehrer an einigen Schulen vor dem Übereifer mancher Eltern kaum retten können, kämpfen Schulen in sozialen Brennpunkten oftmals um eine Minimalbeteiligung. Wie Bildungsforscher in einem Projekt namens „Bielefelder Evaluation von Elternedukationsprogrammen“ (BEEP) unter der Leitung von Prof. Klaus Hurrelmann gezeigt haben, ist aber gerade die Schule ein geeigneter Raum, um auch bildungsferne und häufig schwer erreichbare Eltern ins Boot zu holen. Denn zum einen bewegen sich Eltern ohnehin in diesem Feld, und zum anderen kann im Kontext der Schule das Potenzial der Beziehungen von Eltern untereinander und das zwischen Lehrern und Eltern genutzt werden, um Vertrauen aufzubauen und die gemeinsame Arbeit zu stärken.
Das hat auch die Grundschule Kleine Kielstraße erkannt. Rund um das Schulgelände ragen triste Hochhäuser wie Betonriesen aus dem Boden. Von den rund 400 Schülern haben knapp 83 Prozent eine Zuwanderungsgeschichte, zehn Prozent der Elternschaft sind Analphabeten in der eigenen Muttersprache, zahlreiche Familien bestreiten ihr Leben von Hartz IV. Ein Lernumfeld, wie es schwieriger kaum sein könnte. Dennoch ist die Schule 2006 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet worden – nicht zuletzt aufgrund ihrer hervorragenden Elternarbeit. „Die Schule ist der Ort, an dem wir alle Eltern erreichen, und alle Eltern haben Interesse an einer guten Schullaufbahn ihrer Kinder“, sagt Konrektorin Brigitte Thiel. Dieses gemeinsame Anliegen macht sich die Grundschule zunutze. Oft wüssten Eltern allerdings nicht, wie sie sich einbringen könnten und hätten aufgrund eigener negativer Erlebnisse Angst vor der Schule, berichtet Thiel.
Vertrauen zählt
Ein Befund, den die Bielefelder Elternstudie bestätigt. Hinter der Zurückhaltung seitens benachteiligter, schwer erreichbarer Eltern in Sachen Schule steckt laut BEEP häufig nicht Desinteresse, sondern mangelndes Vertrauen. Denn die Lehrerschaft stammt nicht aus dem nahen Umfeld, in dem sich diese Eltern hauptsächlich bewegen. Eine Erkenntnis, die helfen kann, Spannungen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Die Praktiker von der Kleinen Kielstraße wissen um die Scheu ihrer Klientel. Sie versuchen deshalb schon vor der Einschulung, Hemmungen auf Elternseite abzubauen. Die Eltern bekommen für ihre Kinder Empfehlungen, die in einem Förderbrief zusammengefasst sind, zusätzlich in einem persönlichen Gespräch erläutert. Die Väter und Mütter werden zu einem „Elterngesprächskreis“ eingeladen, der Themen wie „Sprachförderung zuhause“ und „Medienkonsum“ fokussiert. Raum für Austausch und zwanglose Kommunikation – auch der Eltern untereinander –, bietet das täglich geöffnete Elterncafé der Schule. Hier steht gerade ein Deutschkurs auf dem Programm. Ein gutes Dutzend Frauen unterschiedlicher Nationalität sitzt um einen großen Tisch, während ihre Vorschulkinder im Nebenzimmer spielen. Vor den Müttern liegen Bücher und Arbeitspapiere. Das umfangreiche Beratungs- und Qualifizierungsangebot (für das das Kollegium mit außerschulischen Partnern zusammenarbeitet und so manchen Fördertopf auftut) macht eines deutlich, wie Lehrer Jan von der Gathen betont: „Unsere Schule ist nicht nur für die Kinder da, sondern auch für deren Eltern.“ Eine Botschaft, die ankommt. Von der Gathen: „Die Eltern denken in dieselbe Richtung wie die Schule.“ Wie ihre Schule.
Das greift bei den meisten Eltern, aber nicht bei allen. Manche müssen in die Pflicht genommen werden. Die Lehrer der Kleinen Kielstraße setzen dabei auf klare Regeln und Absprachen. So ist die Teilnahme an Elternsprechtagen und -abenden verpflichtend. Erscheinen Eltern nicht, wird spätestens am nächsten Tag nachgehakt. Nachholtermine machen Druck. In schwierigen Fällen ungemütlich und hartnäckig zu sein, zahle sich aber aus. Gerade am Anfang einer Schullaufbahn, wie Konrektorin Thiel erklärt: „Wir investieren viel in den Start, das macht uns später das Leben wesentlich leichter.“
Dass das Verhältnis zwischen Lehrern und Eltern grundsätzlich nicht unproblematisch ist, sagt Prof. Hurrelmann: „Es ist eine deutliche Distanzierung zwischen den beiden Gruppen zu beobachten.“ Der Bildungsforscher erklärt das schwierige Verhältnis auch mit den veränderten Rollen, die Lehrer und Eltern in den letzten Jahren einnehmen mussten – angesichts zunehmender Vorschul- und Nachmittagsangebote: „Die Schule ist bedeutsamer geworden für die Entwicklung und die Persönlichkeit der Kinder. Sie hat den Eltern und der Familie Zeit und Einfluss genommen.“ Eltern müssten Erziehung verstärkt mit Pädagogen teilen. Elternhaus und Schule sollten sich in einer Art „Erziehungspartnerschaft“ besser abstimmen, rät der Experte. „Dazu gehört, dass Eltern sich dieser Arbeitsteilung bewusst sind, aber auch versuchen, Einfluss zu nehmen. Umgekehrt ist es genauso wichtig, dass die Lehrkräfte lernen, auf Eltern einzugehen, sie einzubeziehen und ihre Arbeit transparent zu machen“, erklärt Hurrelmann.
Eltern schätzen Lehrer, die sie kennen
Leider gelingt das nicht in allen Fällen. Wie eine Allensbach-Umfrage für die Vodafone-Stiftung im Zusammenhang mit dem Deutschen Lehrerpreis ergeben hat, sind drei Viertel der Eltern von Schulkindern der Meinung, die Überforderung von Pädagogen mit ihren Klassen sei ursächlich für schlechte Schülerleistungen. 72 Prozent der Eltern meinen darüber hinaus, dass es vielen Lehrern nicht gelingt, den Unterrichtsstoff angemessen zu vermitteln. Dass viele Lehrer sich zu wenig engagieren, glauben zudem 52 Prozent der Eltern. Geht es aber nicht um Lehrkräfte im Allgemeinen, sondern speziell um den Lehrer oder die Lehrerin der eigenen Kinder, wird der Eindruck deutlich besser. Während ein Großteil der Eltern sagt, der Klassenlehrer oder die Klassenlehrerin des eigenen Kindes sei um gerechte Noten bemüht (53 Prozent), gestalte den Unterricht möglichst interessant (44 Prozent) und liebe den Beruf (42 Prozent), schreibt nur eine Minderheit der Eltern dies der Lehrerschaft im Allgemeinen zu (29 Prozent, 16 Prozent und 12 Prozent). Die Lehre aus den Daten liegt auf der Hand: Der persönliche Kontakt sorgt für ein besseres Klima.
Allerdings ist die Kommunikation zwischen Elternhaus und Schule häufig schon deshalb schwierig, weil der Anlass dazu nicht der günstigste ist. Oftmals finden Gespräche nur statt, wenn’s Probleme gibt. Eltern werden in die Schule bestellt, fühlen sich schnell an die eigene Schulzeit erinnert und nehmen ihre alte Schülerrolle ein. Die Folge: Lehrer und Eltern begegnen sich nicht als gleichwertige Partner.
Wenn Lehrer und Eltern zusammenarbeiten profitieren die Kinder. (Foto: Christof Wolff))
Diese Erfahrungen hat auch die Lise-Meitner- Realschule in Monheim gemacht. Zumal einige Lehrer laut Schulleiter Norbert Erven dazu tendieren, Eltern mit deren Kindern gleichzusetzen – nach dem Motto „der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“. Sie würden dann Eltern mitunter eher erziehen als beraten wollen. Dass Elternarbeit dringend einer Veränderung bedarf, weiß auch Englisch- und Biologielehrerin Gisela Peters: „Ich erlebe Mütter und Väter, aber auch Schüler in Gesprächen oft unvorbereitet, sie fühlen sich nicht auf einer Augenhöhe und hören deshalb häufig einfach nur zu.“ Um das Klima zwischen Lehrern und Eltern zu verbessern, hat das Kollegium einen „Kommunikationstag“ mit 30 Eltern veranstaltet. „So sind Eltern und Lehrer mal über den Alltag ins Gespräch gekommen, ohne einen bestimmten Schüler im Blick zu haben“, erklärt Schulleiter Erven. Im Mittelpunkt stand, sich die unterschiedlichen Rollen klarzumachen.
Mehr Nutzen als Mühe
Ein Arbeitskreis aus Eltern und Lehrern entwickelt momentan einen Leitfaden, wie Elterngespräche gewinnbringender gestaltet werden können. Es geht darum, dass sich beide Seiten vorbereiten, ihre Standpunkte vorbringen und die Gesprächszeit effektiv und zu gleichen Anteilen nutzen. Lehrerin Peters ist es wichtig, dass folgende Botschaft bei den Eltern ankommt: „Es gibt nicht für jedes Problem mit Schülern eine vom Lehrer vorgegebene Lösung, aber gemeinsam können Wege erarbeitet werden, um die Situation zu verbessern.“ Dem pflichtet auch Schulleiter Erven bei: „Wir wollen die Eltern mehr einbinden, mehr Verständnis erzielen für unsere Arbeit und unsere Entscheidungen.“
Umfragen zeigen, dass sich Eltern tatsächlich mehr Einfluss wünschen. Dass es mehr Nutzen als Mühe bringt, Eltern aktiv einzubeziehen und die schulische Arbeit für sie transparent zu machen, ist eine Erkenntnis, die in der Praxis wachsen muss.
Das hat auch das Kollegium am Carl-Duisberg- Gymnasium in Wuppertal festgestellt. Heute weiß Unterstufenkoordinatorin Christel Vogt die Offenheit zu schätzen, mit der ihre Schule den Eltern begegnet. „Das war ein Lernprozess.“, bekennt sie. Am Anfang seien die Kolleginnen und Kollegen skeptisch gewesen. „Wir haben aber dann schnell festgestellt, dass es viel einfacher ist, mit den Eltern vertrauensvoll zusammenzuarbeiten, als eine Konfrontation aufzubauen.“ Nun geht die Zusammenarbeit deutlich über die gesetzlichen Mitwirkungsmöglichkeiten der Eltern in Klassen-, Schulpflegschaften und Konferenzen hinaus. Ob in Arbeitsgemeinschaften, die sich um alters- und jahrgangsspezifische Probleme kümmern, oder in einer Kommission zum Schulprogramm – überall sprechen Eltern mit. Und das hat einen entscheidenden Vorteil. „Wir können durch diese gemeinsame Arbeit Bedürfnisse oder Wünsche viel früher erspüren. Wir wissen viel schneller, was ein Thema sein könnte, um es dann auch gemeinsam zu lösen“, erläutert Schulleiterin Silvia Schwarz.
Lehrer müssen Grenzen setzen
Aber wie weit kann man die Schule für Eltern öffnen, ohne dass der Lehrer seine Souveränität verliert? Wo liegen Grenzen? „Am Ende muss jede Schule die Autonomie haben, selbst Umgangsstil, Regeln und Arbeitsformen zu bestimmen und darf sich nicht durch individuelle Einflüsse von Eltern irritieren oder steuern lassen“, sagt Jugendforscher Hurrelmann. Die Partizipation und Beteiligung der Eltern müsse über Gremien wie die Schulkonferenz oder einen Elternbeirat gefiltert werden. Er plädiert gleichwohl dafür, dass Schulen ihre wachsende Eigenständigkeit nutzen, um als pädagogische Dienstleister auf die Wünsche der Nachfrager einzugehen. Dies ermöglicht eine deutlich bessere Abstimmung zwischen den Erziehungsvorstellungen der Lehrer und Eltern, weil beide Seiten spüren, dass sie Einflussmöglichkeiten haben. „Die Schule muss auf die Eltern Rücksicht nehmen, sonst verliert sie ihre Klientel und die Eltern müssen ein Interesse daran haben, dass die Schulen ein starkes Programm haben, sonst verlieren ihre Kinder die Entwicklungsmöglichkeiten“, erklärt Hurrelmann.
Die Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule ist kein Selbstläufer, sondern erfordert von allen Beteiligten Engagement und Ausdauer. Die Liste für den Kuchenverkauf auf dem Schulfest ist noch relativ schnell gefüllt. Kritisch wird es, wenn dauerhaft Mitstreiter gesucht werden. In vielen Fällen sind das wenige, dafür aber sehr aktive Eltern, und die gilt es zu pflegen und zu halten – teilweise auch über die Schulzeit der eigenen Kinder hinaus.
An der Hauptschule Zum Diek in Haan gehören diejenigen Eltern, deren Kinder die Schule bereits verlassen haben, zu den engagiertesten. Einige Eltern wirken seit über 25 Jahren unermüdlich mit und bringen ihre Arbeitskraft und ihre Ideen in der Schule ein. Auch der gesamte Vorstand des Schulvereins besteht aus „Ehemaligen“, was den Vorteil hat, dass alle eingearbeitet sind, wie Schulleiter Markus Helf erklärt. „Es kommen neue Eltern – allerdings spärlich – hinzu, die bereit sind im Vorstand oder im erweiterten Kreis mitzuarbeiten. Aber es ist heute so, dass man froh sein muss, jemanden für ein Amt zu gewinnen. Wichtig ist, ihn zu pflegen, damit er bei der Stange bleibt.“ Sätze, die weniger resigniert klingen als realistisch.
Dass hinter der Zurückhaltung von Elternseite nicht Desinteresse stecken muss, sondern mitunter auch ein leicht aus der Welt zu schaffendes Missverständnis, hat das Kollegium der Dortmunder Grundschule Kleine Kielstraße unlängst erfahren: Eine neue türkisch-stämmige Kollegin klärte die Lehrer über das Verständnis von Schule unter vielen ihrer Landsleute auf. Wenn muslimische Eltern, so berichtete sie, ihr Kind der Schule übergeben, sei das häufig ein Zeichen des Vertrauens. Sich nicht einzumischen, sei für viele eine Frage des Respekts. Mit diesem Wissen ist es für das Kollegium nun leichter, die Eltern anzusprechen – um die Kinder für die Schule zu gewinnen.
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Aus: Forum Schule 2/2009
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