Was haben ein Manager und ein Schulleiter gemeinsam? Ziemlich viel, wie Dr. Johannes Sandbrink immer wieder feststellt. Ehrenamtlich bietet der ehemalige Betriebsleiter aus der chemisch-pharmazeutischen Industrie Coaching an für Schulleiter. Ulrich Güth vom Gymnasium Lindlar hat dieses Angebot des SeniorExperten sehr schätzen gelernt.
Von Christina Lüdeke
Schulleiter-Coaching - als Dr. Johannes Sandbrink von dem Projekt der Stiftung "Partner für Schule NRW" zum ersten Mal hörte, war er skeptisch. "Ich hatte vor allem die pädagogischen Aufgaben eines Schulleiters vor Augen", sagt er. "Ich dachte: Was kann ich denen schon bieten?" Ein Trugschluss, wie sich schnell herausstellte. Denn in der sich verändernden Schulwelt muss der Schulleiter immer mehr Management-Fähigkeiten an den Tag legen - bei Personalführung, Budgetierung und Projektplanung zum Beispiel. "Und das passt dann doch genau zu dem, was ich in meinem Berufsleben gemacht habe", meint Sandbrink.
Dr. Johannes Sandbrink und Ulrich Güth kommen regelmäßig zu Gesprächen zusammen. Eine gute Vertrauensbasis ist für ihre Arbeit besonders wichtig.
Ulrich Güth vom Gymnasium Lindlar war dagegen schnell von den Vorteilen des Projektes überzeugt. "Als Schulleiter ist man oft sehr einsam", meint er. Sich Rat einholen, wenn schwierige Entscheidungen anstehen - im Kollegium sei das nur schwer möglich, ein Gespräch mit Rektoren anderer Schulen dagegen unüblich. "Bestimmte Dinge muss man als Schulleiter auch für sich behalten, gerade wenn es um personelle Dinge geht", sagt Güth. "Da fehlt der Austausch ganz." Oder, noch heikler: Wenn der Schulleiter seine eigenen Fähigkeiten verbessern möchte. Kaum jemand aus dem Kollegenkreis wage es, den Rektor offen auf Schwachpunkte hinzuweisen.
Doch Ulrich Güth wollte Verbesserung. Für seine Schule, und für sich selbst. Über die Stiftung Partner für Schule NRW, die das Projekt mit den SeniorExperten federführend betreut, kam der Kontakt zu Dr. Sandbrink zustande. "Erst einmal haben wir geschaut, ob es passt und ob die Chemie zwischen uns stimmt", berichtet Güth. Schnell war beiden klar, dass sie zusammenarbeiten wollten. Erster Ansatzpunkt für die gemeinsame Arbeit war eine Unterstützung im Bereich Projektmanagement. Konkret ging es darum, wie man mit Hilfe des computergestützten Evaluationselementes SEIS die Qualität der Schule insgesamt weiterentwickeln könnte. Für das Gymnasium ein aufwändiges Unterfangen, bei dem die Schule Unterstützung gut gebrauchen konnte. Sandbrink arbeitete in der SEIS-Koordinationsgruppe mit, hatte so auch viel Kontakt zu den Lehrern und nicht nur zur Schulleitung. "Im Kollegium wurde ich von Anfang an mit offenen Armen aufgenommen", erzählt der Manager im Ruhestand.
Schulleiter Ulrich Güth vom Gymnasium Lindlar schätzt die Unterstützung durch den Coach sehr.
Aus der umfangreichen Befragung, die SEIS vorsieht, ergaben sich verschiedene Handlungsfelder, an denen die Schule Verbesserungen vornehmen konnte. Zum Beispiel die Elternarbeit stärker ins Schulprogramm einzubinden, oder bei der SV-Arbeit. Und: Für Schulleiter Güth gab die Umfrage den Anlass, auch sein eigenes Verhalten noch einmal auf den Prüfstand zu stellen. "Die SEIS-Ergebnisse für die Schulleitung waren nicht zu hundert Prozent positiv", erzählt er. Der Rektor wollte daraufhin genauer wissen, was er selbst verbessern könnte. Dr. Sandbrink schlug Güth eine weitere Befragung vor, diesmal konkret auf sein Handeln als Schulleiter bezogen. "Aus der Industrie kenne ich das gar nicht anders, als dass auch die Qualität der Führungskräfte immer wieder überprüft wird", meint er. Ein solches Instrument an einer Schule anzuwenden, sei aber eher ungewöhnlich. "Die Feedback-Kultur ist hier nicht so stark ausgeprägt. Deshalb war der Schritt von Herrn Güth, sich einer solchen Befragung zu stellen, schon gewaltig mutig."
Aus der Sicht von Ulrich Güth ein Schritt, der sich gelohnt hat. "Das Ergebnis hat sich mit dem gedeckt, was ich vorher gefühlt hatte, aber schwer greifen konnte", sagt er. Zusammen mit seinem Coach nahm er verschiedene Bereiche in Angriff, an denen er etwas verbessern wollte. Zum Beispiel bei der Gesprächsführung. Sandbrink nahm teil an zwei Beurteilungsgesprächen und gab hinterher Feedback. "Das fängt schon bei der Gesprächseröffnung an", erzählt Güth. "Wenn man erst Lob äußert und dann Kritik, kann man mit dem Gespräch viel mehr erreichen." Aus seiner Sicht war das Coaching mit dem SeniorExperten so erfolgreich, weil es ohne Hierarchie auskommt. "Man begegnet sich auf Augenhöhe", bestätigt auch Sandbrink.
Dr. Johannnes Sandbrink war früher technischer Betriebsleiter in einem chemisch-pharmazeutischen Unternehmen. (Fotos: Christina Lüdeke)
Gemeinsam entwickelten Sandbrink und Güth noch mehr Verbesserungs-Ideen. So gibt es inzwischen ein fest terminiertes Arbeitsfühstück mit Kollegium und Schulleitung, außerdem regelmäßig Personalentwicklungsgespräche. Oder auch ganz kleine Veränderungen mit großer Wirkung. "Ich habe jetzt ganz oft meine Bürotür offen", erzählt Güth. "Dadurch wird es für die Kollegen viel leichter, mich anzusprechen." Und: Weil auch der Schulleiter deutlich gemacht hat, dass er sein Verhalten hinterfragt, fällt es den Kollegen ebenfalls leichter, über Schwierigkeiten zu sprechen.
"Ich habe auf jeden Fall das Gefühl, dass sich das Coaching sehr positiv auf meine Führungseigenschaften ausgewirkt hat", sagt Ulrich Güth. Um dieses Gefühl auch empirisch zu überprüfen, soll es demnächst noch einmal eine Feedback-Befragung geben. "Und ich hoffe, dass sie eine gute Entwicklung zeigt." Danach haben Sandbrink und Güth noch weitere Projekte in Planung. So wollen sie beispielsweise überprüfen, ob sich an der Schule vielleicht ein Jahresarbeitszeitmodell einführen lässt, in dem Vorbereitungs- und Korrekturaufwand für einzelne Fächer stärker als bisher berücksichtigt werden können.
Insgesamt hat Dr. Johannes Sandbrink bisher fünf Schulen als Coach unterstützt. Für ihn eine lohnende Aufgabe, in die er gern seine Freizeit steckt. "Der Bildungsbereich ist für alle ein wichtiges Feld, einfach eine Investition in die Zukunft", sagt er. "Und die Arbeit hier ist mein kleiner Beitrag dazu." Eins hat der SeniorExperte jedoch an allen Schulen festgestellt: "Schulleitungen sind gar nicht so unbeleckt im Managen, wie es oft hingestellt wird", meint er. "Oft musste ich nur einen Spiegel vorhalten, um bestimmte Sachen deutlicher zu machen."
Mehr Infos zum Thema SeniorExperten gibt es auf der Seite von Partner für Schule NRW.
Über das Evaluationsinstrument SEIS informieren kann man sich hier.
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