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Die Vorleser

Von Susanne Schnabel

In Mönchengladbach besuchen Schüler als Lesepaten die Bewohner eines Altenheims

Meta Theißen sitzt auf der Kante ihres Sessels und spitzt die Ohren. Bünyamin, im Stuhl gegenüber, liest ihr aus einem dicken Buch in seinem Schoß vor. Wer da zu ihr spricht, kann Meta nicht sehen, sie ist seit vielen Jahren blind. 75 Jahre trennen die beiden, doch die Chemie stimmt. Die alte Dame hat ihren 16-jährigen Lesepaten ins Herz geschlossen, sie freut sich immer auf den wöchentlichen Besuch. „Er ist ein lieber, netter Mensch“, sagt die 91-jährige Mönchengladbacherin. „Bünyamin liest mir vor und wir erzählen uns viel aus unserem Leben. Manchmal klappt das nicht so in meinem Kopf, aber er hat ein Gefühl dafür, was er mir zumuten kann.“

Foto: Gespannt hört die alte Dame ihrem Lesepaten zu (Foto: Stefan Völker) Gespannt hört die alte Dame ihrem Lesepaten zu (Foto: Stefan Völker)

Oft kämen die beiden nicht zu ihren Büchern, sondern erzählten sich aus ihrem Leben, erklärt Bünyamin. „Natürlich reden wir über Alltägliches, aber es gab auch intensive Gespräche: Frau Theißen hat sich nach den Wurzeln meiner türkischen Familie erkundigt und sie hat mir viele Geschichten aus ihrem Leben berichtet.“ Besonders interessiert hätten ihn die Erzählungen aus der Zeit des Zweites Weltkrieges. „Wir haben das Thema in der Schule durchgenommen. Dort haben wir die Fakten besprochen. Es war sehr spannend, die Sichtweise einer Person zur Nazi-Zeit hören, die das wirklich erlebt hat. Das waren zwei sehr unterschiedliche Perspektiven.“

Projekt läuft seit 2007

Foto: Zwölf Schüler lesen regelmäßig vor im Altenheim (Foto: Stefan Völker) Zwölf Schüler lesen regelmäßig vor im Altenheim (Foto: Stefan Völker)

Genau solche Begegnungen hatten sich Lehrerin Barbara Finke-Gabriel und der Chef der Mönchengladbacher Sozialholding, Helmut Wallrafen-Dreisow, zu Beginn des Projektes im Jahr 2007 gewünscht. Lehrer und Mitarbeiter des Seniorenheims seien begeistert von der einfühlsamen Arbeit der Gymnasiasten. „Alte Menschen sind lebende Geschichtsbücher“, sagt Wallrafen-Dreisow. Er freut sich über das Engagement der zwölf Lesepaten des Odenkirchener Gymnasiums, die einmal pro Woche einen Nachmittag im benachbarten Seniorenheim am Pixbusch verbringen. Nur manche Klassenkameraden hätten wenig Verständnis dafür, dass ein junger Mensch freiwillig Zeit mit alten Menschen verbringt, erzählt Kevin. „Ich musste denen erst mal erklären, dass wir unsere Lesepaten nicht pflegen, sondern vorlesen, mit ihnen spielen, erzählen oder Ausflüge machen. Mir macht das großen Spaß“, sagt der Gymnasiast, der seinen leiblichen Opa ebenfalls einmal pro Woche besucht. „Der findet klasse, was ich mache.“

Foto: Die 91-jährige Frau Theißen redete mit Bünyamin auch über den Zweiten Weltkrieg (Foto: Stefan Völker) Die 91-jährige Frau Theißen redete mit Bünyamin auch über den Zweiten Weltkrieg (Foto: Stefan Völker)

Schülerinnen und Schüler, die wie Sonja Demenzkranke besuchen, werden vorher extra geschult. „Herr Krieger stammt aus Russland. Er kann nicht so gut Deutsch und ist auch sehr vergesslich, aber das macht nichts“, erzählt sie. Wir schauen uns beide gerne die Fernseh-Soap ‚Sturm der Liebe’ an, haben uns gegenseitig private Fotoalben gezeigt und lachen viel gemeinsam.“

Jung und alt profitieren

Die Begegnungen zwischen den Generationen habe die Entwicklung der Schüler positiv beeinflusst, hat Lehrerin Finke-Gabriel beobachtet. Sie ist stolz auf ihre Lesepaten: „Sie sind reifer und erwachsener geworden.“ Manche hätten durch ihre Erfahrungen im Altenheim ihren Berufswunsch gefunden. „Ich möchte auf jeden Fall in den sozialen Bereich gehen. Ich habe festgestellt, dass mir das großen Spaß macht und dass man viel positives Feedback erhält“, sagt Vanessa, die trotz Abiturvorbereitungen ihren Lesepaten weiter besucht. Doch das Projekt verändert nicht nur das Leben der jungen Menschen. Schulleiter Bernhard Spaniol berichtet von einer Seniorin, die nur Französisch spricht. „Es war für die Pfleger schwer, mit ihr ins Gespräch zu kommen.“ Die alte Dame sei verblüfft gewesen, als eine Schülerin sie auf Französisch ansprach. „Sie hat seitdem viel von sich erzählt, so dass auch das Personal etwas über ihre Lebensgeschichte erfahren hat.“ Die Patenschaften bereichern auch das Leben der Senioren.

 

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