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„Bei der Inklusion sind alle Kinder willkommen.“

Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat es sich zum Ziel gemacht, das gemeinsame Lernen von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen auszubauen. Wie sieht inklusiver Unterricht aus, welche Bedingungen müssen dafür geschaffen werden und inwiefern profitieren alle Kinder vom Prinzip der Inklusion? Zu diesen und weiteren Fragen haben wir Professor Dr. Hans Wocken, emeritierter Professor für Lernbehindertenpädagogik und Integrationspädagogik der Universität Hamburg, um seine Meinung gebeten.

Herr Prof. Dr. Wocken, was unterscheidet Inklusion von der so genannten Integration?

Inklusion und Integration unterscheiden sich durch mehrere Aspekte: Inklusion ist ein Recht, Integration eher ein Gnadenakt. Bei der Integration fragen Eltern bei einer Schule an, ob diese bereit ist, ihr Kind anzunehmen – und diese sagt entweder ab oder zu. Die Inklusion ist dagegen ein einklagbares Recht auf Teilnahme an der Gesellschaft und damit auch an schulischem Unterricht. Ferner: Bei der Inklusion sind ausnahmslos alle Kinder willkommen. Integration unterscheidet zwischen integrierbaren und nicht-integrierbaren Kindern. Ein weiterer Unterschied ist: Bei der Inklusion ist die Schule gefordert, sich an den Lebenslagen und unterschiedlichen Bedürfnissen der Kinder zu orientieren und entsprechend anzupassen. So muss beispielsweise die notwendige materielle Ausstattung und Unterstützung verfügbar sein, um alle Kinder mit und ohne Behinderung ihren individuellen Möglichkeiten entsprechend zu fördern. Bei der Integration musste das Kind sich an die jeweilige Schule anpassen.

Foto: "Die Inklusion ist ein einklagbares Recht auf Teilnahme an der Gesellschaft" Prof. Dr. Hans Wocken (Foto: Frank Boettner) "Die Inklusion ist ein einklagbares Recht auf Teilnahme an der Gesellschaft" Prof. Dr. Hans Wocken (Foto: Frank Boettner)

Was ist inklusiver Unterricht?

Das ist eine große Frage, darüber müsste man ein ganzes Buch schreiben. Inklusiver Unterricht ist durch drei Momente gekennzeichnet: die Vielfalt der Kinder, die Vielfalt des Unterrichts und nicht zuletzt die Vielfalt der Pädagogen. Ein Lehrer als Einzelkämpfer kann eine inklusive Unterrichtung einer heterogenen Lerngruppe nicht leisten. Ein afrikanisches Sprichwort lautet: „Für die Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf." Ein Unterstützungsnetzwerk aus Integrationshelfern, Sonderpädagogen, aber auch Eltern, Verbänden und Vereinen ist wichtig. Inklusion zeichnet sich nicht nur durch die Heterogenität der Schüler aus, sondern auch durch eine rege Kooperation unter den Pädagogen sowie die Einbindung in soziale Netzwerke aus.

Was muss inklusiver Unterricht leisten?

Im Prinzip muss inklusiver Unterricht genau das Gleiche leisten, was Schule und Unterricht jetzt auch schon leisten müssen: Dass alle Kinder einer Lerngruppe sich optimal und allseitig entwickeln können und eine gute allgemeine Bildung erhalten.

Das muss allerdings in einer möglicherweise sehr heterogenen Lehrgruppe realisiert werden Wie sieht das aus? Was verlangt das von den Lehrern?

Die Lehrer, die heute in den Schulen unterrichten, sind alle ursprünglich für eine bestimmte Schulart des gegliederten Schulsystems ausgebildet worden. Das reicht nicht mehr für inklusiven Unterricht. Es ist also eine neue Lehreraus- und fortbildung nötig. Die Pädagogen müssen auf zwei Ebenen neue Kompetenzen erlernen: Zum einen brauchen sie eine positive Einstellung zur Gemeinsamkeit von Kindern. Das ist nach wie vor nicht selbstverständlich. Zum anderen sind vielfältige fachliche Kompetenzen nötig, wie beispielsweise neue Unterrichtskonzepte und differenzierende Methoden. Die wichtigste reformbegleitende Maßnahme ist daher die Lehrerfortbildung. Die Teilnahme an Fortbildungsmaßnahmen zur Inklusion sollte meiner Meinung nach verpflichtend gemacht werden.

Foto: Die Landesregierung hat es sich zum Ziel gemacht, das gemeinsame Lernen von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung auszubauen. (Foto: Frank Boettner) Die Landesregierung hat es sich zum Ziel gemacht, das gemeinsame Lernen von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung auszubauen. (Foto: Frank Boettner)

Was für Unterrichtskonzepte sind das?

Die meisten für eine erfolgreiche Inklusion geeigneten Methoden sind längst entwickelt, die Prinzipien nach Maria Montessori beispielsweise, oder die Frei- und Wochenplanarbeit, das Stationenlernen und der Projektunterricht. Diese Sachen müssen einfach umgesetzt werden. Das ist bislang leider erst in Ansätzen der Fall. Ein recht neues Konzept ist das kooperative Lernen nach Norm Greene, der dazu in Nordrhein-Westfalen übrigens bereits viele Fortbildungen durchgeführt hat.

Wo liegen die Vorteile einer inklusiven Schule für die Schüler?

Die Integration ist für die Wissenschaft im Prinzip ein Glashaus, wir können hierzu auf eine 20- bis 30-jährige Forschung verweisen: Wir wissen genau, wie es Integration funktioniert, alle Fragen sind längst beantwortet. Daher kann ich klar sagen: Die Vorteile sind sowohl fachlicher als auch sozialer Natur. Fachlich lernen die Kinder mindestens genauso viel. Sie vertiefen das Erlernte zudem noch viel mehr, wenn sie es wiederum anderen Mitschülern erklären. Erklären macht schlau! Dazu fällt mir ein schönes Beispiel einer Mutter ein, die mir erzählte, dass ihr Sohn seine absackenden Leistungen in Mathematik auf eine sehr einfache Weise in den Griff bekommen habe. Er hat einem anderen Kind Nachhilfe erteilt – und plötzlich konnte er alles wieder! Aber auch sozial profitieren die Kinder: Es ist ein deutlicher Zugewinn an Kompetenz im Umgang miteinander erkennbar. Zum Beispiel Empathie: Die Kinder, die inklusiven Unterricht besuchen, können sich viel besser in die Welt und Gefühlslage anderer hineinversetzen. Wenn man Kindern, die anders sind als man selbst, nicht begegnet, kann man das nicht lernen.

Was antworten Sie Kritikern der inklusiven Schule?

Ich denke, man sollte Menschen ermutigen, ihre Kritik offen zu äußern, und man sollte ihnen dabei zuhören. Durch die UN-Konvention ist es fast zu einem Tabu geworden, die Inklusion abzulehnen, das geschieht dann mehr im Stillen – diese Skepsis kann so aber auch nicht abgebaut werden. Ich würde diese Menschen einladen, sich eine inklusive Schule einmal selbst anzuschauen. Reden und wissenschaftliches Argumentieren hilft nur selten. Erst anschauliche Beispiele überzeugen.

Foto: "Eine inklusive Schule ist ein Ort der Kinder, mit viel Leben und buntem Treiben." Prof. Dr. Hans Wocken (Foto: Frank Boettner) "Eine inklusive Schule ist ein Ort der Kinder, mit viel Leben und buntem Treiben." Prof. Dr. Hans Wocken (Foto: Frank Boettner)

Viele Eltern machen sich Sorgen, dass sehr begabte Kinder durch den gemeinsamen Unterricht mit Kindern mit geistigen Behinderungen benachteiligt werden. Was sagen Sie dazu?

Zunächst einmal: Das ist eine weit verbreitete Angst, die sich durch alle Bevölkerungsschichten zieht. Die Menschen denken, die Lehrer kümmern sich im inklusiven Unterricht zu sehr um die Kinder, die eine Behinderung haben, so dass ihr eigenes Kind aus dem Fokus gerät – und darunter leidet. Solche Ängste sind zwar verständlich, allerdings wissenschaftlich vollkommen widerlegt. Wie gesagt, Wissenschaft allein überzeugt nur in den seltensten Fällen. Dazu muss man mit den Eltern reden und sich mit ihren Bedenken konkret auseinandersetzen.

Welche Chancen sehen Sie für die Inklusion im aktuellen Bildungssystem?

Der Aufbau eines inklusiven Bildungssystems ist eine große Herausforderung, ein neues System kann nicht von heute auf morgen installiert werden. Mein Vorschlag für die Entwicklung eines inklusiven Schulsystems ist, die Förderschulen für Lernen, Sprache und Verhalten aufzulösen und alle Kinder gemeinsam in einer allgemeinen Schule zu unterrichten. In den Förderschwerpunkten Sehen, Hören, körperliche und motorische sowie geistige Entwicklung sollten auf absehbare Zeit weiterhin Förderschulen erhalten bleiben, so dass die Kinder und ihre Eltern hier zwischen einer inklusiven Schule und der Förderschule wählen können.

Wo liegen die Grenzen der Inklusion?

Die Barrieren liegen in den Köpfen der Menschen, die die Inklusion nicht wollen und in der Gliederung des Bildungssystems. Diese Barrieren muss man Stück für Stück beseitigen. Die Inklusion an sich hat keine Grenzen. Der Begriff Inklusion schließt ja gerade Grenzen aus! Inklusion bestreitet die Existenz von zwei Sorten Menschen, nämlich von behinderten und nichtbehinderten Menschen. An die Stelle der Dichotomie „normal“ versus „behindert“ tritt in der inklusiven Schule die Anerkennung der Vielfalt der Kinder.

Sie haben einmal gesagt: „Der Inklusion sei dringend nahegelegt, sich ganz konkret mit dem Innenausbau der inklusiven Schule zu beschäftigen und das handwerkliche Rüstzeug für einen inklusiven Unterricht zu entwickeln.“ Wie sieht guter inklusiver Unterricht ihrer Meinung nach aus?

Das ist schwer zu beschreiben. Ein anschauliches Bild ist das Beispiel der alten Landschule: Auf dem Dorf wurden früher alle Schüler der Gemeinde der Klassen 1 bis 8 gemeinsam unterrichtet. Das kann sich heute niemand mehr vorstellen, da heißt es: ‚Das geht ja gar nicht.’ Aber das ging – und sogar sehr gut! Eine inklusive Schule ist ein Ort der Kinder, mit viel Leben und buntem Treiben. Da lernen Grüppchen, da gibt es Partnerarbeit ebenso wie Rückzugsmöglichkeiten für die Stillarbeit – und jeder Schüler und jede Schülerin lernt an diesem Ort nach den eigenen Möglichkeiten und Bedürfnissen.

Das Interview führte Julia Heer

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