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"Wir dürfen unseren Schülern etwas zutrauen."

Von Martina Peters

Alois Brinkkötter ist seit sieben Jahren Schulleiter der Fritz-Winter-Gesamtschule in Ahlen. Die Schule gilt als vorbildlich in Sachen Individuelle Förderung. In der Schulbroschüre aber taucht das Stichwort im Inhaltsverzeichnis gar nicht auf. Und das hat seinen guten Grund, wie wir im Gespräch mit dem Schulleiter erfuhren:

 

Foto: Schulleiter Alois Brinkkötter: "Jedes Kind sollte nach seinen Begabungen individuell gefördert werden". (Foto: Schule) Schulleiter Alois Brinkkötter: "Jedes Kind sollte nach seinen Begabungen individuell gefördert werden". (Foto: Schule)

Was bedeutet für Sie individuelle Förderung, Herr Brinkkötter?

Als Gesamtschule setzen wir die individuelle Förderung ja schon insofern konsequent um, indem wir unsere Schülerinnen und Schüler nicht nach Hauptschule, Realschule und Gymnasium aufteilen, sondern den einzelnen Schüler mit seinen individuellen Stärken sehen und integriert im Klassenverband unterrichten. Bei uns stellt sich die Frage nicht "Gehört dieser Schüler hier hin?", sondern wir fördern jeden einzelnen - ohne Selektion. Das bedeutet gleichzeitig, dass wir individuelle Förderung nicht auf bestimmte Methoden reduzieren. Für uns ist individuelle Förderung eine Querschnittsaufgabe im Schulalltag, ein Entwicklungsfeld für den Unterricht. Dafür ist ein Umdenken nötig, individuelle Förderung beginnt in den Köpfen aller Beteiligten. Es ist die Philosophie der Schule, die individuelle Förderung möglich macht.

Was heißt das genau?

Das heißt, dass individuelle Förderung bei uns bei der Grundhaltung unseren Schülern gegenüber beginnt. Unsere Haltung ist weitgehend bestimmt durch das Vertrauen in die Schüler, die ihre Leistungen meist ganz gut selbst beurteilen können. Wir treten Schülern gegenüber offen auf, wir trauen ihnen etwas zu. Unsere Lehrer sind geleitet vom pädagogischen Grundverständnis, dass jeder Schüler und jede Schülerin mit seinen oder ihren unterschiedlichen Begabungen individuell gefördert werden sollte. Das können musische, motorische, sprachliche oder mathematische aber ebenso gut auch soziale, emotionale, kommunikative oder intellektuelle Begabungen sein.

Foto: Schüler während eines Projekttages. (Foto: Schule) Schüler während eines Projekttages. (Foto: Schule)

Was tun Sie konkret an Ihrer Schule, um individuelle Förderung als Querschnittsaufgabe wahrzunehmen?

Individuelle Förderung fängt bei uns in den ersten Wochen des Schuljahres an, denn wir legen Wert auf einen guten Bildungsübergang von der Grundschule auf unsere Schule. Die Fünftklässler werden bei uns vier bis sechs Wochen sehr intensiv beobachtet, um zu diagnostizieren, wer welchen Förderungsbedarf hat. Im Anschluss geben wir individuelle Förderungsempfehlungen. Dann haben wir unsere Neigungsklassen, die Kunst.Klasse! und die Sport.Klasse!, die schon ab Klasse 5 die Entwicklung spezieller Neigungen und Talente ermöglichen. Zusätzliche Förderangebote sind bei uns die Sprachförderung auf der Basis differenzierter Diagnostik in den unteren Jahrgängen, die Lernhilfe und Lernberatung in allen Jahrgängen, der Fremdsprachenunterricht mit Englisch, Französisch, Spanisch, Latein und Türkisch, viele AGs sowie Fach-Förderstunden im Ergänzungsstundenbereich. Schließlich ist die individuelle Förderung als Binnendifferenzierung bei uns im Fachunterricht verankert, etwa in Form von Lerntagebüchern, Stationenarbeit, Gruppen- und Freiarbeit, kooperatives Lernen, Wochenplanarbeit - also durch Unterrichtsinstrumente, die die Schüler zu aktiv Lernenden machen. Und wir agieren nicht nur, sondern reflektieren auch unsere Arbeit. Evaluation ist uns wichtig.

Dann spielt sicher auch das Engagement des Kollegiums eine Rolle bei der individuellen Förderung?

Ja, die Lehrer sind ein Schlüssel zum Erfolg. Ihre Begeisterung ist ansteckend und schafft eine Atmosphäre des Miteinanders, die viel Lernfreude freisetzt. Wichtig ist auch unser siebenköpfiges Lernberatungsbüro, das im Schulprogramm strukturell verankert ist. Die Beraterinnen und Berater unterstützen Schülerinnen, Schüler und Eltern in vielfältiger Weise, ganz gleich, ob es um Hochbegabung, Teilleistungsschwächen, Motivationsmangel oder Probleme der Lernorganisation geht. Wichtig sind in Bezug auf eine individuelle Sicht auf die Schüler auch unsere Schulsozialarbeiter. Im Gegensatz zu den Lehrern, die meist sehr inhaltsbezogen denken, gucken sie aus einer anderen Perspektive auf den einzelnen Schüler und leisten damit für uns eine wertvolle Unterstützung. Viele Förderangebote können wir auch anbieten, weil wir durch verschiedene Preise und Gütesiegel entsprechende Anrechnungsstunden zur Verfügung haben. Und schließlich ist durch das Prinzip der doppelten Klassenleitung und die durchgehende Teamstruktur fast jeder Lehrer im permanenten Gespräch über seine Schüler. Kommunikation ist wichtig.

Foto: Schüler der Kunst.Klasse! arbeiten für eine Ausstellung in der Bezirksregierung Münster. (Foto: Schule) Schüler der Kunst.Klasse! arbeiten für eine Ausstellung in der Bezirksregierung Münster. (Foto: Schule)

Apropos Klassenleitung: "Coachen" Sie ihr Team?

Ich würde es einmal so ausdrücken: Ich praktiziere auch selbst individuelle Förderung in Bezug auf das Lehrpersonal. Das bedeutet: Ich unterstütze jede Kollegin und jeden Kollegen hier an der Schule so gut es geht, so, wie sie oder er es braucht, ich möchte jeder und jedem seine eigene "kleine Heimat" geben. Ich habe immer ein offenes Ohr und versuche sensibel wahrzunehmen, welche Entwicklungspotenziale vorhanden sind. Die übrigen Schulleitungsmitglieder unterstützen mich dabei. Außerdem haben wir für Teilzeitkräfte ein Teilzeitpapier entwickelt und verschriftlicht. Familie und Beruf werden so verlässlicher vereinbar. Und ich kümmere mich intensiv um das Thema Lehrergesundheit. Ich denke also, das mit dem "Coachen" klappt schon ganz gut...

Bringt Ihr Kollegium besonders gute Voraussetzungen für die Umsetzung der individuellen Förderung mit?

Ja, das würde ich schon sagen. Zunächst einmal "lebt" unser Kollegium schon selbst durch die individuelle Vielfalt: Wir haben einige Lehrer mit Migrationshintergrund und viele mit Berufserfahrungen, die sie außerhalb von Schule gesammelt haben. Dann sind alle Lehrerinnen und Lehrer mittlerweile erfahrene Teamarbeiter. Bei uns findet paralleler Unterricht statt, das heißt, zwölf Lehrer arbeiten in je einer Jahrgangsstufe zusammen. Damit die Kollegen gut auf individuelle Förderung im Bildungsübergang vorbereitet sind, erhalten alle Lehrer der fünften Klassen eine fünftägige Fortbildung, bei der es um pädagogische Ziele der individuellen Förderung, Wochenplan- und Projektarbeit, Leistungsbewertung, den Duisburger Sprachstandstest, Zeugnisse und Gutachten, Elterngespräche und anderes geht. Wichtig ist auch, dass sich alle bei uns sehr wohl fühlen und ihnen ihr Beruf Freude macht.

Was halten Sie für wichtig, um individuelle Förderung noch intensiver in der Schul- und Unterrichtsentwicklung zu verankern?

Zunächst bin ich dafür, die Fachleistungsdifferenzierung nach Grund- und Erweiterungskursen mehr und mehr aufzulösen und statt dessen den Focus lieber noch stärker auf die Binnendifferenzierung zu legen. Dann sollten wir uns auch von den starren Stundenstrukturen verabschieden - wir haben im Nachmittagsbereich bereits 100 Prozent Doppelstunden, das streben wir auch im Vormittagsbereich an. Ebenso wichtig ist es, noch mehr Projektarbeit anzubieten. Gerade in Projekten können Schülerinnen und Schüler ihre individuellen Begabungen zeigen. Und auch wenn das mit Kosten verbunden ist - wenn es ein überzeugendes Konzept ist, haben wir es stets auch finanziert bekommen. Wir versuchen alle Hürden als Herausforderungen zu verstehen. Und die lieben wir.

 

 

Dieses Interview ist der dritte Teil des Themenschwerpunkts "Individuelle Förderung" : Sechs Wochen lang werden Sie jede Woche auf der Startseite einen neuen Beitrag zum Thema Individuelle Förderung finden; darunter weitere Experteninterviews, Portraits von Schulen sowie praktische Informationen für Lehrkräfte.

Erster Teil: Interview mit Prof. Dr. Andreas Helmke "Bei der Individualisierung kommt es auf eine gute Balance an."

Zweiter Teil: Portrait des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Pulheim "Fördern mit "grips" & Co.".

Vierter Teil: Interview mit Prof. Dr. Stephan Hußmann "Sich in den Schüler hineindenken..."

Fünfter Teil: Portrait der Schiller-Schule in Bochum "Und nach dem Unterricht auf die Lerninsel..."

Weitere Informationen des Schulministeriums zum Thema Individuelle Förderung unter www.chancen-nrw.de.

 

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