Eine gute Raumkenntnis und Möglichkeiten, zu üben sind wichtige Voraussetzungen für die Verkehrssicherheit von Kindern. (Foto: Alex Büttner)
Von Arnd Zickgraf
Immer mehr Straßen und Autos, die den Zugang zu Spielplätzen abschneiden, zunehmende digitale Medien, die die Realität viel zu glaubwürdig nachahmen, mangelnde Bewegung dank Playstation und Co. – und dann gibt es ja noch das „Taxi Mama“: Immer weniger Kinder bewegen sich selbstständig fort. Andreas Redecker und Björn Frauendienst, Forscher der Ruhr-Universität Bochum,haben diesen Trend in der Studie „Selbstständige Mobilität von Kindern“ belegt.
„Generell kommen heute weniger Kinder zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule als noch vor zwanzig Jahren. Autos und öffentliche Verkehrsmittel sind hingegen wichtiger geworden“, schreiben die Wissenschaftler. Der Grund: die Angst der Eltern und Kinder vorm Straßenverkehr und vor fremden Personen. Der Shuttleservice mit dem elterlichen Auto verhindert dabei aber wichtige Erfahrungen und Übungen im Straßenverkehr. „Die reduzierte Selbstständigkeit der Kinder steht auch im Zusammenhang mit einer schlechteren physischen Konstitution, mangelnder Raumkenntnis und dem Fehlen von realen Übungsmöglichkeiten“, so Frauendienst.
Auch laut der Deutschen Verkehrswacht ist es unstrittig, dass Kinder, die sich weniger bewegen, im Verkehr gefährdeter sind als andere: „In Situationen mit Bewegungsanforderungen – nicht nur im Straßenverkehr – tritt leichter eine Überforderung ein, die zu Unfällen führen kann.“
Verkehrserziehung: geht nicht nur Grundschulen an
Seit den Empfehlungen der Kultusministerkonferenz (KMK) im Jahr 1994 gehört Verkehrserziehung in allen Bundesländern zum Erziehungsauftrag von Schulen. Durch sie sollen Schülerinnen und Schüler Kompetenzen erwerben, die zu einer reflektierten und verantwortlichen Teilnahme in der Verkehrswirklichkeit befähigen. Dabei geht es nicht nur um Anpassung an die Verkehrsrealität, sondern auch darum, sich kritisch mit ihr auseinanderzusetzen.
Viele Grundschulen schaffen durch Kooperation mit außerschulischen Partnern wie Polizeibehörden und Verkehrswachten vielfältige Übungsmöglichkeiten für Situationen im Straßenverkehr. Den Radfahrparcours der Deutschen Verkehrswacht durchlaufen beispielsweise rund 95 Prozent aller Viertklässler. Auch Präventionskampagnen außerschulischer Partner, die ein wirtschaftliches Interesse haben, dass Leben im Verkehr geschützt wird, können eine enorme Reichweite entfalten. Ein Beispiel ist die Kampagne des ADAC, die insbesondere die jüngsten Fußgänger und Radfahrer schützen soll. Unter dem Motto „Gelb ist sicher“ verteilten 2011 außerschulische Akteure gut 800.000 knallgelbe Sicherheitswesten an Schulanfänger in ganz Deutschland, damit diese besser von anderen Verkehrsteilnehmern erkannt werden.
Lehrerinnen und Lehrern können und sollen Kinder unterstützen, ihre Verkehrsumgebung zu erkunden. Die Hauptrolle bei der Verkehrserziehung kommt aber den Eltern zu. Denn das Verkehrsverhalten der Eltern nehmen sich die Kinder zum Vorbild. Michaela Gollwitzer, Grundschullehrerin und Landesfachberaterin für Verkehrserziehung NRW, bringt es auf den Punkt: „Zwei Stunden Zeit hat die Polizei, mit Kindern präventiv zu arbeiten, 220 Stunden die Schule und 365 Tage im Jahr die Eltern“.
Aufgepasst! Kleine Kinder können Verkehrssituationen noch nicht so gut überblicken. (Foto: Alex Büttner)
Antworten auf die häufigsten Fragen , die Eltern von Kindern im Vor- und Grundschulalter stellen, hat das Ministerium für Bauen und Verkehr NRW in dem Ratgeber „Sicher und mobil. Kinder auf unseren Straßenverkehr vorbereiten“ zusammengefasst. Die 15-seitige Broschüre klärt darüber auf, was Kinder in einem bestimmten Alter können müssen, um am Straßenverkehr teilzunehmen, wie die Selbstständigkeit auf dem Schulweg beispielsweise durch Gehgemeinschaften oder altersgemischte Schulweg-Gruppen erhöht werden kann, und was die kleinen Verkehrsteilnehmer brauchen, um mit dem Fahrrad unfallfrei zur Schule zu gelangen. Unter www.verkehrssicherheit.nrw.de/download/Sicher_und_mobil.pdf kann der Ratgeber konstenlos als PDF heruntergeladen werden.
Immer mehr auf Achse
In der Sekundarstufe I bewegen sich die Schülerinnen und Schüler derzeit vermehrt mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln, beispielsweise Fahrrädern und Mofas fort. Das Radfahrtraining, das in der Grundschule als verpflichtender Bestandteil der Mobilitätsbildung aufgenommen wurde, wird daher auch in der Sekundarstufe I fortgesetzt. Mofakurse in den 8. und 9. Jahrgangsstufen ergänzen diesen Übungsteil. Das Portal der Deutschen Verkehrswacht www.verkehrswacht-medien-service.de/ stellt hierzu umfangreiche Informationen und Unterrichtsmaterialien zur Verfügung – sie reichen von der Bewegungsförderung über die Radfahrausbildung bis zum Mofakurs. Warum das Überqueren der Straße gefährlich werden kann, das Linksabbiegen, das Fahren im Kreisverkehr für Zweiradfahrer, wird hier anschaulich und verständlich erklärt.
Das eigene Auto – große Freiheit, viel Gefahr
Für Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe II kann die motorisierte Mobilität durch den PKW elementarer Bestandteil ihres Lebensgefühls sein. Mangelnde Beherrschung des Fahrzeugs, geringere Verkehrsübersicht und hohe Risikobereitschaft gefährden als Schattenseiten dieser neuen großen Freiheit insbesondere männliche Fahrer unter 25 Jahren. Die sind in 19 Prozent aller Unfälle verwickelt, obwohl ihr Anteil an der Bevölkerung nur acht Prozent beträgt. Im Unterricht sollten Lehrerinnen und Lehrer daher neben der Vermittlung von Wissen über Verkehrsregeln auch psychologische und soziale Aspekte des Verhaltens im Verkehr vermitteln.
Vorsicht, Anfänger!
Die Polizei kann zwar unterstützen, die Hauptrolle bei der Verkehrserziehung kommt aber den Eltern zu. (Foto: Alex Büttner)
Im Jahr 2011 wendet sich das Innenministerium NRW mit einer neuen Präventionskampagne an weiterführende Schulen, um möglichst viele Jugendliche schon vor dem Erwerb des Führerscheins zu erreichen. „Crash Kurs NRW – Realität erfahren. Echt hart.“ (crashkurs.nrw.de) konfrontiert 16- und 17-Jährige in den zehnten und elften Jahrgangsstufen mit den Folgen leichtsinnigen Fahrverhaltens. Das Konzept nach englischem Vorbild sieht laut NRW-Innenminister Ralf Jäger vor, Verkehrsunfälle als eigenes Thema im Unterricht zu bearbeiten. Von Feuerwehrleuten, Polizisten, Notärzten, Notfallseelsorgern, aber auch von Opfern oder Angehörigen der Opfer erfahren die Jungendlichen dabei aus erster Hand, von Unfällen, die sich im Straßenverkehr ereignet haben. So sollen die Fahranfänger lernen, sich in andere hineinzuversetzen und sich aufgefordert fühlen, Leben zu achten und zu schützen.
„Es ist keine Fiktion und das Publikum spürt das. Die Reaktion ist immer gleich: Nach kurzer Zeit ist es so still im Saal, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Lehrer haben uns berichtet, dass noch Tage später über den Crash Kurs NRW diskutiert wurde“ – berichtet Uwe Hofmann, Leiter des Projektes für die Polizei NRW. Crash-Kurs NRW kooperiert bereits mit über 16 Polizeibehörden und hat schon über 25.500 junge Leute in 121 Veranstaltungen erreicht. Ab 2012 wird die Kampagne alle Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 10 und 11 in NRW ansprechen. Pädagogen kommt die Aufgabe zu, Crash-Kurs NRW im Unterricht vor- und nachzubereiten. Für Lehrerinnen und Lehrer gibt es ein Modulhandbuch, das bei der Polizei NRW heruntergeladen werden kann: hwww.polizei.nrw.de/stepone/data/downloads/64/38/91/modulhandbuch_fuer_den_crash_kurs.pdf. Über die Universität zu Köln, die Crash-Kurs NRW wissenschaftlich begleitet, lassen sich seit Herbst 2011 Lehrerfortbildungen buchen.
Auch die Initiative„Schule-begleitet-Fahren.de“ der Deutschen Verkehrswacht www.schule-begleitet-fahren.de reagiert auf die steigenden Anforderungen im Straßenverkehr. Das Projekt richtet sich an Jugendliche, die gerade dabei sind, den Führerschein zu erwerben. Ziel ist es, die Einstellungen und das Verhalten der jungen Leuten zu verändern, die sich zu sehr auf Werbebotschaften der Hersteller und die angebliche Zuverlässigkeit technisch hoch gerüsteter Autos verlassen. Dutzende praxisrelevanter Unterrichtsanregungen, die kostenlos heruntergeladen werden können, und ein informativer Lehrerleitfaden zeigen Lehrerinnen und Lehrern die Möglichkeiten auf, aus leichtsinnigen Fahranfängern verantwortungsbewusste Verkehrsteilnehmer zu machen.
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