„Wenn man sich in die Perspektive der Lernenden hineindenken kann, um diese dann mit adäquaten Förderangeboten zu unterstützen, ist das die halbe Miete“, sagt Prof. Dr. Stephan Hußmann, Professor für Mathematik-Didaktik und Leiter des Kompetenzentrums für Lehrerbildung und Lehr-/Lernforschung an der TU Dortmund. Im Interview erklärt er, warum neben der Fähigkeit, sich in seine Schüler einzufühlen, gutes fachdidaktisches Wissen das Wichtigste ist, was ein Lehrer mitbringen muss, um individuell zu fördern.
von Martina Peters
Prof. Dr. Hußmann ist ausgebildeter Diplom-Mathematiker und Gymnasial-Lehrer für Mathematik und Philosophie.
Individuelle Förderung ist in aller Munde, umgesetzt wird sie in Form von Förderangeboten, aber auch mit einem sich verändernden Fachunterricht. Welche Kompetenzen müssen Lehrerinnen und Lehrer Ihrer Erfahrung nach mitbringen, um heterogenen Lerngruppen in einer Klasse angemessen zu begegnen?
Gutes fachdidaktisches Wissen ist meiner Meinung nach das Wichtigste, was ein Lehrer bzw. eine Lehrerin mitbringen muss, um individuell zu fördern. Für mein Fach Mathematik sollte eine Lehrperson die inhaltlichen Konzepte zu den mathematischen Begriffen beherrschen, das heißt, sie sollte vermitteln können „Was bedeutet ein Begriff eigentlich inhaltlich und wozu lässt dieser sich verwenden, auch in der eigenen Lebenswelt?“.
Lehrerinnen und Lehrer, die individuell fördern wollen, müssen außerdem die Art und Weise verstehen lernen, wie Schülerinnen und Schüler Dinge verstehen. Kinder denken häufig anders als Erwachsene, daher muss eine Lehrperson typische Schülerfehler kennen und Schülerlösungen interpretieren lernen, sich in das Schülerdenken hineindenken. Dabei sollten auch verschiedene Schwierigkeitsgrade einer Aufgabe bekannt sein, also ist sie mehrschrittig oder einschrittig, ist sie sprachlich anspruchsvoll oder nicht usw.
"Eine Lehrperson muss typische Schülerfehler kennen und Schülerlösungen interpretieren lernen", so Hußmann. (Foto: Silke Kirchhoff)
Sind diese Forderungen nicht Wunschdenken in einer Klasse mit 30 Schülern?
Nein. Individuelle Förderung wird oft falsch verstanden. Es geht nicht darum, jeden einzelnen Lernenden individuell über den gesamten Zeitraum in den Blick zu nehmen – das geht ja bei 30 Schülerinnen und Schülern kaum. Es reicht in der Regel, wenn man sich auf bestimmte Gruppen einstellt. Es gibt in einer Klasse zum Beispiel meist fünf bis sechs verschiedene Herangehensweisen zu einer Aufgabe oder fünf bis sechs typische Fehler. Wenn man diese kennt und sich gleichzeitig in die Perspektive der Lernenden hineindenken kann, um diese dann mit adäquaten Förderangeboten zu unterstützen, ist das die halbe Miete. Die verbleibenden speziellen Probleme einzelner Schülerinnen und Schüler lassen sich darauf hin individuell bearbeiten.
Wie muss Unterricht gestaltet werden, damit die Lehrperson adäquat diagnostizieren kann?
Für die Motivation und den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler ist das Kompetenzerleben enorm wichtig. Sie müssen erleben, dass sie etwas können, nicht immer nur, dass sie wieder mal etwas nicht können. Das sollte die Lehrperson bei der Unterrichtsgestaltung berücksichtigen. Und daraufhin sollte sie dann auch stärker die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in den Blick nehmen und nicht nur ihre Defizite.
Was außerdem wichtig ist, um die Lernenden individuell diagnostizieren zu können: Stellen Sie Aufgaben, zu denen etwas schriftlich artikuliert werden muss - Multiple Choice-Aufgaben sind im Rahmen der individuellen Förderung nicht geeignet. Lassen Sie Schülerinnen und Schüler zum Beispiel Erklärungen für Aufgaben schreiben in der Art von „Erkläre Jan, der krank ist, die Aufgabe, die wir gemacht haben.“ oder „ Erfinde eine Situation, die zu dieser Rechenaufgabe passt.“
Hußmann: "Schülerinnen und Schüler müssen erleben, dass sie etwas können." (Foto: Silke Kirchhoff)
Inwiefern unterstützt das von Ihnen entwickelte Projekt „indive“ den Prozess der individuellen Förderung?
Wir haben das Projekt indive für die Erstellung, Umsetzung und Reflexion von individuell fördernden Lernarrangements als Kooperationsprojekt zwischen Schulen und Universität initiiert. Damit unterstützt indive einerseits die schulische Praxis, andererseits die universitäre Lehrerausbildung. Wir haben die Schul-Praktika von Studierenden professionalisiert. Vor dem gemeinsamen Unterricht erfolgt eine gemeinsame Unterrichtsvorbereitung. Innerhalb und außerhalb des Regelunterrichts arbeiten die Studierenden mit kleinen Schülergruppen und ermöglichen so, dass diese gemäß ihren individuellen Voraussetzungen lernen. Nach dem Unterricht führen Lehrpersonen und Studierende eine gemeinsame Erfolgsreflektion durch. Die professionelle Unterstützung im Unterricht durch eine zweite Person ist nicht nur hilfreich für die Lehrperson, sondern im Sinne einer individuellen Förderung auch sehr effektiv für die Lernenden. Durch die Unterstützung von Lehramtsstudierenden konnten in den vergangenen Schuljahren bereits zahlreiche Projekte zur individuellen Förderung realisiert werden.
| Prof. Dr. Stephan Hußmann lehrt als Professor für Mathematik-Didaktik am IEEM (Institut für Entwicklung und Erforschung des Mathematikunterrichts) und leitet das Dortmunder Kompetenzentrums für Lehrerbildung und Lehr-/Lernforschung an der TU Dortmund. Stephan Hußmann ist ausgebildeter Diplom-Mathematiker und Gymnasial-Lehrer für die Fächer Mathematik und Philosophie. Zu seinen Entwicklungs- und Forschungsprojekten gehören namhafte Projekte wie KOSIMA, dortMINT oder indive. Neben seiner Herausgebertätigkeit der Zeitschrift "Praxis der Mathematik“ ist er an der Schulbuchentwicklung der 'mathewerkstatt' beim Cornelsen-Verlag beteiligt. |
Dieses Interview ist der vierte Teil des Themenschwerpunkts "Individuelle Förderung": Sechs Wochen lang werden Sie jede Woche auf der Startseite einen neuen Beitrag zum Thema Individuelle Förderung finden; darunter weitere Experteninterviews, Portraits von Schulen sowie praktische Informationen für Lehrkräfte.
Erster Teil: Interview mit Prof. Dr. Andreas Helmke „Es kommt auf eine gute Balance an.“.
Zweiter Teil: Portrait des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Pulheim "Förderideen mit Köpfchen".
Dritter Teil: Interview mit Alois Brinkkötter, Schulleiter der Fritz-Winter-Gesamtschule in Münster "Wir dürfen unseren Schülern etwas zutrauen.".
Fünfter Teil: Portrait der Schiller-Schule in Bochum "Und nach dem Unterricht auf die Lerninsel..."
Sechster Teil: Übersicht "Fortbildungen zu Individueller Förderung"
Weitere Informationen des Schulministeriums zum Thema Individuelle Förderung finden Sie unter www.chancen-nrw.de
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