„Individuelle Förderung verlangt, sich vom Leitbild des „Durchschnittsschülers“ zu verabschieden“, sagt Prof. Dr. Andreas Helmke. Der studierte Rechtswissenschaftler und Psychologe forscht an der Universität Koblenz-Landau im Bereich der empirischen Bildungs- und Unterrichtsforschung. Im Interview spricht er über die Chancen für eine Verbesserung der Unterrichtsqualität durch Individualisierung und die Bedeutung von Unterrichtsdiagnostik.
von Martina Peters
"Individualisierendes Lernen ohne ausreichende diagnostische Grundlage ist nicht Erfolg versprechend", sagt Prof. Dr. Andreas Helmke.
Förderkurse, AGs, Profilgruppen, Lerninseln – all das gibt es ja schon lange an vielen Schulen. Wie muss individuelle Förderung im Bereich der Außendifferenzierung strukturiert und gestaltet sein, damit sie mehr ist als eine bunte Palette an interessanten Angeboten neben dem Fachunterricht?
Wichtig erscheint mir zunächst, dass es sich nicht um vereinzelte Aktionen handelt, sondern um ein schulklassenübergreifendes Programm, dem ein integratives Förderkonzept zugrunde liegt. Dies erfordert eine Beschreibung der Ausgangslage, die Angabe von Entwicklungszielen, die Schätzung der notwendigen Ressourcen und nicht zuletzt die Beschreibung von Indikatoren zur Überprüfung der Zielerreichung. Insbesondere der Evaluationsaspekt ist in der Schulpraxis noch ausbaufähig, also der Fokus auf den tatsächlichen Ertrag, auf die nachweislichen Wirkungen der Förderung. Das sollte in ein Förderkonzept von Anfang an mit eingebaut sein; alles andere wäre ein Rückfall in die Zeit vor der empirischen Wende.
Welche Rolle spielt in Zusammenhang mit der Selbstevaluation das Projekt "komm-mit" - Fördern statt Sitzenbleiben?
Im Projekt "Komm mit!" erhalten die Schulen - basierend auf den von ihnen selbst eingegebenen Daten zu Fördermaßnahmen, Nichtversetzungsquoten und Noten, und bei Interesse künftig auch zum Ergebnis der Lernstandserhebungen (LS8) und Zentralen Prüfungen (ZP10) - eine differenzierte individuelle Rückmeldung. Dieses Profil ist umso informativer, als es als Referenz den Durchschnitt aller Schulen der jeweiligen Schulart verwendet und zugleich über Entwicklungstrends, zum Beispiel die Veränderung der Sitzenbleiberquote im Laufe der Zeit informiert. Nach unseren Erfahrungen in der Wissenschaftlichen Begleitung werden solche Rückmeldungen als Impulse für die Schul- und Unterrichtsentwicklung geschätzt und genutzt.
Was haben denn die nicht an der Initiative "Komm mit"! beteiligten Schulen davon?
Derzeit haben sie noch keinen Nutzen daran, aber ich könnte mir vorstellen, dass sich die Architektur dieses Rückmeldekonzeptes - datengesteuerte Standortbestimmung und Trendanalyse - künftig auch für andere Schulen nutzen ließe, denen evidenzbasierte Qualitätssicherung und -entwicklung wichtig sind.
Ist individuelle Förderung in Form von Binnendifferenzierung, also im Fachunterricht, Wunschdenken oder tatsächlich machbar? Wenn ja, „was braucht es“ Ihren Erkenntnissen nach?
Die Erfahrungen mit der Initiative "Komm mit!" zeigen, dass nicht nur die "üblichen Verdächtigen", also die aus den Medien bekannten Vorzeige- und Leuchtturmschulen individuell fördern, sondern dass dies durchaus auch etlichen "normalen", ansonsten unauffälligen Schulen "von nebenan" gelingt. Es gibt derzeit zwar noch keine belastbaren Erkenntnisse über notwendige Voraussetzungen, aber einige Gelingensbedingungen sind offensichtlich: Individualisierendes Lernen ohne ausreichende diagnostische Grundlage ist nicht Erfolg versprechend. Diagnostik erfordert neben geeigneten Messinstrumenten und passendem Material die Fähigkeit, damit umzugehen, also diagnostische Kompetenzen, die in der jetzigen Lehrerausbildung leider nur eine randseitige Rolle spielen. Ein konsequent differenzierender Unterricht erfordert geeignete Räumlichkeiten und vor allem auch mehr Zeit für Diagnostik. Schließlich wäre eine verstärkte innerschulische Kooperation im Bereich des Unterrichts als dem schulischen Kerngeschäft extrem wünschenswert, etwa in Gestalt der Unterrichtsdiagnostik.
Best Practice: Individuelle Fördderung am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Pulheim. (Foto: Silke Kirchhoff)
Was meinen Sie mit Unterrichtsdiagnostik?
Ausgangspunkt ist, dass die Sicherung und Verbesserung der Unterrichtsqualität einer Außensicht bedarf; hierfür hat die videobasierte Unterrichtsforschung im letzten Jahrzehnt überzeugende Belege gefunden. Beispielsweise unterschätzen Lehrkräfte, die ihren Unterricht beurteilen sollen, ihren eigenen Anteil an der gesamten Sprechzeit drastisch, verglichen mit der objektiven, anhand der Videoaufnahme berechneten Echtzeit: Sie halten sich für wesentlich zurückhaltender und schweigsamer als sie es in Wirklichkeit sind. Mit ähnlichen blinden Flecken muss man auch hinsichtlich der Gestaltung differenzierenden und individualisierenden Unterrichts rechnen. Der notwendige "fremde Blick" kann durch einen hospitierenden Kollegen erfolgen, durch Schülerfeedback oder durch beides. Ich möchte bei dieser Gelegenheit mit Nachdruck auf den neuesten McKinsey-Report ("How the world's most improved school systems keep getting better") hinweisen. In dem wird darauf hingewiesen wird, dass Lehrer viel zu wenig von der Arbeit des anderen wissen und geschlussfolgert, dass Lehrer unbedingt zu mehr Austausch untereinander angehalten werden sollten. Dies hatte Jürgen Baumert bereits nach dem PISA-Schock von 2000 gefordert, aber hier hat sich seitdem wenig getan.
Welchen Zugang gibt es zum Material der Unterrichtsdiagnostik?
Im Rahmen des KMK-Projektes UDiKom haben wir Instrumente der Unterrichtsdiagnostik und entsprechende Software entwickelt, die einen solchen Abgleich ermöglichen, mit dem Ziel der kooperativen Reflexion und systematischen Weiterentwicklung des Unterrichts. Es geht dabei um fachübergreifende Merkmale guten Unterrichts; auch der Umgang mit Vielfalt wird ausdrücklich thematisiert. Ab sofort können alle interessierten Schulen und Studienseminare dieses Paket von der Website www.unterrichtsdiagnostik.de oder www.unterrichtsdiagnostik.info kostenlos herunterladen und praktisch einsetzen. Um die Schwelle für die Nutzung so gering wie möglich zu halten, ist weder eine Registrierung erforderlich noch ein Passwort.
Welches Umdenken und welche konkreten Schritte, stehen für die Lehrerin und den Lehrer an, die ihren Unterricht in Richtung wirksamer individueller Förderung verändern möchten?
Angesichts der Tatsache, dass Lehrpersonen beim Unterrichten einen "ganzen Haufen" sehr unterschiedlicher Schüler vorfinden, empfahl der Pädagoge Trapp schon im Jahre 1780, sich an den "Mittelköpfen" zu orientieren. Heute spricht man vom "imaginativen Durchschnittsschüler". Individuelle Förderung verlangt, sich von diesem Leitbild zu verabschieden. Das ist schwierig, denn Einstellungen und subjektive Theorien von Lehrern sind stabil und schwer veränderbar. Der Abschied von gewohnten Routinen ist subjektiv bedrohlich und wird erst dann erwogen, wenn Aufwand und Ertrag in einem gesunden Verhältnis zueinander stehen. Es muss sich also für Lehrerinnen und Lehrer lohnen, ihren Unterricht zu verändern. Dazu kommt eine starke Veränderungsbremse, nämlich das Alles-oder-Nichts-Denken, ich nenne es auch "100%-Missverständnis": Entweder radikale Individualisierung, und zwar sofort und flächendeckend, oder gar keine. Zwischen diesen beiden Endpunkten gibt es jedoch ein breites Kontinuum: Formen der Individualisierung lassen sich auch schrittweise einführen, in ausgewählten Klassen erproben.
Physikunterricht am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Pulheim. (Foto: Silke Kirchhoff)
Welche Chancen sehen Sie für eine Verbesserung der Unterrichtsqualität durch Individualisierung?
Das Ausmaß, in dem das Lernen im Gleichschritt, der lehrergesteuerte Plenumsunterricht noch immer dominiert, ist selbstverständlich unakzeptabel; Lehrer müssen unbedingt ermuntert und unterstützt werden, hier neue Wege zu gehen. Andererseits ist Individualisierung kein Selbstzweck; und es handelt sich nicht bereits um guten Unterricht, nur weil irgendwo irgendwie differenziert und individualisiert wird. Es kommt vielmehr auf die Qualität an, das heißt auf Timing, Dosierung und Passung. Eine große Rolle spielen auch die differenzierte Rückmeldung des Lernfortschrittes und ein konstruktiver Umgang mit Fehlern. Anders gesagt: Binnendifferenzierung kann unter Umständen auch unangebracht, dilettantisch organisiert und lernhinderlich sein, ebenso wie lehrergesteuerter Unterricht nicht per se schlecht ist, sondern – insbesondere dann, wenn er schülerorientiert ist - auch aktivierend, motivierend und lernförderlich sein kann. "Individualisierung" ist keine Stellschraube, die automatisch Lernförderung bewirkt, sondern lediglich ein Aspekt der Unterrichtsqualität, neben dem man andere nicht aus den Augen verlieren darf, wie Zeitnutzung, kognitive Aktivierung, Motivierung und Schülerorientierung. Um etwas über die Wahrnehmung und den Erfolg individualisierender und differenzierender Maßnahmen zu erfahren, müsste man die Schülerinnen und Schüler selbst befragen.
Sehen Sie auch Nachteile oder Grenzen der Individualisierung?
Manche Pädagogen fordern eine radikale Individualisierung. Jeder Schüler erhält sein eigenes Lernpaket, seinen eigenen Förderplan. Das ist aus meiner Sicht, jedenfalls unter den aktuellen Rahmenbedingungen, nicht nur utopisch, sondern auch pädagogisch fatal. Warum? Weil damit der Anspruch auf Integration, Kooperation und gemeinsames Lernen praktisch aufgegeben würde; es gäbe keine Lerngelegenheiten für soziale Kompetenzen und Einstellungen wie Kooperations- und Teamfähigkeit, Hilfsbereitschaft, Empathie, Solidarität und Demokratiekompetenz. Wenn Schülerinnen und Schüler dagegen gelernt haben, eigenverantwortlich und im Team zu lernen, dann schafft dies erst die notwendigen Nischen und Zeitgefäße für die Beratung und Unterstützung individueller Schüler während des Unterrichts. Dazu kommt das nachweislich enorm lernförderliche Potenzial verschiedener Szenarios des kooperativen Lernens, wie Lernen durch Lehren oder reciprocal teaching. Auch bei der Individualisierung kommt es, worauf mein Lehrer Franz-Emanuel Weinert immer wieder hinwies, auf eine gute Balance an: von Instruktion und Konstruktion, von individuellem und kooperativem Lernen, von systematisch-kognitivem Wissenserwerb und situiert-lebenspraktischem Lernen.
| Prof. Dr. Andreas Helmke studierte Rechtswissenschaft und Psychologie und arbeitete im Anschluss als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Helmut Fend an der Universität Konstanz und als Senior Researcher bei Franz-Emanuel Weinert am Münchner Max-Planck-Institut für psychologische Forschung. Seit 1993 ist er ordentlicher Professor an der Universität Koblenz-Landau. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der empirischen Bildungs- und Unterrichtsforschung. Er ist Berater des vietnamesischen Erziehungsministeriums sowie mehrerer deutscher Bildungsministerien und Qualitätsagenturen. Veröffentlichungen: Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität (2010); Projekte: Von der externen zur internen Evaluation (RLP); komm-mit! Fördern statt Sitzenbleiben (NRW), Unterrichtsdiagnostik (KMK). |
Dieses Interview ist der erste Teil des Themenschwerpunkts "Individuelle Förderung": Sechs Wochen lang werden Sie jede Woche auf der Startseite einen neuen Beitrag zum Thema Individuelle Förderung finden; darunter weitere Experteninterviews, Portraits von Schulen sowie praktische Informationen für Lehrkräfte.
Zweiter Teil: Portrait des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Pulheim "Förderideen mit Köpfchen".
Dritter Teil: Interview mit Alois Brinkkötter, Schulleiter der Fritz-Winter-Gesamtschule in Münster "Wir dürfen unseren Schülern etwas zutrauen.".
Vierter Teil: Interview mit Prof. Dr. Stephan Hußmann "Sich in den Schüler hineindenken..."
Fünfter Teil: Portrait der Schiller-Schule in Bochum "Und nach dem Unterricht auf die Lerninsel..."
Sechster Teil: Übersicht "Fortbildungen zu Individueller Förderung"
Weitere Informationen des Schulministeriums zum Thema Individuelle Förderung finden Sie unter www.chancen-nrw.de
Zum Seitenanfang
© 2006 - 2012 Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen
Zum Seitenanfang