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Schulsport ohne Schmerzen

Wie sich Unfälle im ihrem Unterricht vermeiden lassen, haben Sportlehrer jetzt unter wissenschaftlicher Anleitung untersucht. Nebeneffekt: Die Kollegen sind ins Gespräch gekommen.


Von Inke W. Schumacher

Foto: Rund 100.000 Schulsportunfälle wurden der Unfallkasse Nordrhein-Westfalen 2008 gemeldet. (Foto: Wendy Shiao/iStockphoto.com) Rund 100.000 Schulsportunfälle wurden der Unfallkasse Nordrhein-Westfalen 2008 gemeldet. (Foto: Wendy Shiao/iStockphoto.com)

„Über Sportunfälle wird im Kollegenkreis ungern gesprochen; es ist halt ein sensibles Thema“, sagt Frank Cortmann, Sportlehrer an der Realschule Lindlar. Über die Gründe, warum dieses Thema mitunter vermieden wird, kann man nur mutmaßen. Vielleicht, weil negative Assoziationen wie Schmerzen damit verbunden sind, oder weil manche Lehrer, die Unfälle nicht immer verhindern können, Schuldgefühle haben.

Allein 2008 registrierte die Unfallkasse Nordrhein- Westfalen rund 100.000 Schulsportunfälle. Die Forschungsstelle „Mehr Sicherheit im Schulsport“ an der Universität Wuppertal unter Leitung von Prof. Horst Hübner beschäftigt sich seit Jahren damit, wie Sportlehrer dazu bewegt werden können, das Unfallgeschehen im Sportunterricht systematisch zu untersuchen. Das Zauberwort lautet: „Selbstevalution“. Dahinter verbirgt sich der Gedanke, durch die Analyse von Sportunfällen an der eigenen Schule Lehrkräfte, Schüler und Eltern für das Problem zu sensibilisieren. Ziele: Schwachpunkte aufdecken und Risiken minimieren. Erwünschter Nebeneffekt: ein offeneres Gesprächsklima unter den Akteuren, um die Unterrichtsqualität zu verbessern. In einem Pilotprojekt, an dem sich neben der Realschule Lindlar noch weitere elf nordrhein-westfälische Schulen beteiligten, wurde das Konzept nun in der Praxis erprobt.

Viele Fingerverletzungen? Da helfen weichere Bälle und Übungen zum Fangen

Mit Hilfe einer bedienungsfreundlichen Excel- Datei wurde dabei jeder Sportunfall akribisch festgehalten. Zu klären waren Fragen wie: Welche Sportart war betroffen? Wurde ein Junge oder ein Mädchen verletzt? Wie alt war der Schüler? Welche Verletzungen traten auf? Alsdann wertete jeder Sportlehrer die Bögen zunächst selbstständig aus und besprach die Ergebnisse dann in der Fachkonferenz Sport. Was dabei zusammenkam, war selbst für Frank Cortmann, der an seiner Schule Fachkonferenzvorsitzender Sport ist, überraschend. Zum einen war ihm zuvor nicht bewusst gewesen, wie viele Schulsportunfälle überhaupt an seiner Schule passieren. Zum anderen verblüffte ihn, welche Sportarten sich als besonders riskant erwiesen. Er und seine Kollegen hatten auf Fußball als Sportart mit der höchsten Unfallrate getippt. Der belegte jedoch nur Platz zwei. Tatsächlicher Spitzenreiter an der Schule: Basketball. Der dritte Rang überraschte die Sportlehrer ebenfalls: Schwimmen, und zwar beim Geschehen außerhalb des Beckens.

„Seitdem wir die Schulsportunfälle genauestens dokumentieren, findet an unserer Schule eine gezielte Prävention zur Eingrenzung des Unfallrisikos statt“, berichtet Cortmann. Mitunter helfen einfache Maßnahmen: Beim Basketball etwa wurde deutlich, dass sich überproportional viele Mädchen verletzen, und dies an den Fingern. Jetzt werden im Sportunterricht Bälle mit einem weicheren Obermaterial verwendet; darüber hinaus werden die Mädchen besonders im Fangen geschult.

In der Realschule Lindlar steht das Thema Sportunfälle nun regelmäßig auf der Tagesordnung. Durch die Diskussionen würden die Verletzungsgefahren immer wieder ins Bewusstsein der Kollegen gerufen, berichtet Cortmann. Überhaupt sei das Klima unter den Kollegen kommunikativer geworden. „Jetzt ist eine offene, schöne und gewinnbringende Situation in den Besprechungen gegeben“, sagt der Sportlehrer. Seine Schule wird die Praxis auch nach Ende des Projektes beibehalten.

www.sportsoziologie.uni-wuppertal.de/startseite.htm

Aus: Forum Schule 3/2009

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