Elke Vormfenne, Vorsitzende des Verbandes für Lehrerinnen und Lehrer an Wirtschaftsschulen
Frau Vormfenne, Sie sind Vorsitzende des Verbandes der Lehrerinnen und Lehrer an Wirtschaftsschulen und leiten ein kaufmännisches Berufskolleg. Was steckt hinter dieser Schulform?
Vielfalt! Kreativität und Flexibilität. Wegen der Komplexität des BildungssystemsBerufskolleghat dies für die Allgemeinheit etwas Sphinxhaftes.
Berufskolleg heißt Vielfalt an Bildungsgängen in der Berufsschule - von wenigen Berufen mit zum Teil weniger komplexen Anforderungen bis hin zu den vielen hochgradig anspruchsvollen Berufen. Daneben gibt es eine Vielzahl vollzeitschulischer Bildungsgänge, die zu allgemeinen Abschlüssen und Berechtigungen führen. Das ganze System wird dann noch getoppt durch die Fachschulen für Wirtschaft, die der Weiterbildung Erwachsener zuzuordnen sind.
Leider werden die Berufskollegs mit Ihrer Bandbreite an Bildungsgängen bzw. Schulformen in der Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen. Verständlich ist dies nicht, denn jeder junge Mensch, der nicht den Weg über das Gymnasium direkt ins Studium geht, durchläuft einen Bildungsgang in einem unserer Berufskollegs.
Für viele Menschen reduziert sich das Wissen über Berufskollegs auf eine Sparte des Systems: die Berufsschule. Viele wissen nicht, dass es unter dem Dach der Berufskollegs u.a. ich betone: unter anderem auch Gymnasien gibt, die an kaufmännischen Berufskollegs Wirtschaftsgymnasien heißen und auch die Allgemeine Hochschulreife vermitteln. Wir hoffen, dass sich der Bekanntheitsgrad in der Öffentlichkeit ändern wird, sieht doch der Koalitionsvertrag ausdrücklich eine Stärkung der Beruflichen Gymnasien vor. Viele Berufskollegs bieten auch Berufliche Gymnasien mit einem doppeltqualifizierenden Abschluss an also Abitur plus Berufsausbildung. Auch dies ist ein Bildungsangebot, das zu wenig bekannt ist.
Hat diese Vielfalt auch Auswirkung auf die Anforderungen an die Lehrkräfte an Berufskollegs?
Selbstverständlich! Und das ist gerade das Spannende. Und das Herausfordernde. Unsere Lehrerinnen und Lehrer sind als Pädagogen nicht nur in intellektueller, sondern auch in pädagogischer Hinsicht besonders gefordert. Stellen Sie sich vor: eine Lehrkraft unterrichtet in den ersten beiden Stunden einen Deutsch-Leistungskurs im Wirtschaftsgymnasium, anschließend Deutsch/Kommunikation in einer Fachklasse für Verkäufer und Verkäuferinnen. Am Abend hat die Lehrkraft dann noch Einsatz in Betriebswirtschaftslehre in der Fachschule für Wirtschaft.
Sie sehen, wir brauchen Lehrkräfte in Berufskollegs, die flexibel sind, sich auf unterschiedlichste Schülergruppen und auf eine große Spannbreite an Unterrichtsanforderungen einzustellen.
Darüber hinaus müssen sie über ein großes Repertoire in Bezug auf Methodik und Didaktik verfügen.
Gibt es noch weitere Herausforderungen im Unterschied zu anderen Schulformen?
Ja, durchaus! Berufskollegs kennen seit Jahrzehnten zentrale Prüfungen in der Berufsschule. Insofern reagieren unsere Kolleginnen und Kollegen im Grunde gelassen auf das Zentralabitur, wenngleich sie auch gespannt sind, weil eine zentrale vollzeitschulische Prüfung zum ersten Mal an Berufskollegs durchgeführt wird.
Berufskollegs haben zudem neben den Eltern noch einen weiteren Partner, sofern die Schüler die Berufsschule besuchen: das sind die Ausbildungsbetriebe, die als kritische Partner teils mehr, teils weniger mit den Lehrkräften des Berufskollegs zusammen arbeiten.
Können Sie jungen Menschen empfehlen, das Studium für das Lehramt an Berufskollegs aufzunehmen?
Mit der Frage greifen Sie einen derzeit wunden Punkt auf. So wie die Prognosen aussehen, wird zusätzlicher Bedarf, insbesondere für die Fakultas Wirtschaftswissenschaften, von den Prognostikern des Ministeriums für Schule und Weiterbildung NRW nicht gesehen. Allerdings sind in diesen Hochrechnungen keine Sondermaßnahmen enthalten, die die Berufskollegs zur Zeit schultern sollen und die zu einer Zunahme von Schülern führen werden. Und: die Prognostiker gehen auch weiterhin davon aus, dass die Kienbaumlücke nicht geschlossen wird, d.h. dass nicht davon ausgegangen wird, dass die Schüler-Lehrer-Relation in der Berufsschule endlich so gestaltet wird, dass der Unterrichtsumfang lt. Stundentafel auch tatsächlich angeboten werden kann.
Ich hoffe, dass - wie bei früheren Entwicklungen geschehen - die Kombination Wirtschaftswissenschaften plus ein weiteres Fach auch in Zukunft Einstellungschancen bietet, wenn auch vielleicht in geringerem Maße. Insofern unterstützen wird das Vorhaben des Ministeriums, das Seiteneinsteigermodell auslaufen zu lassen und die derzeitige Anerkennungspraxis für Diplome als Erstes Staatsexamen zurück zu fahren. Dann kann den grundständig Studierenden auch für die Zeit nach 2008 eine Einstellungsperspektive gegeben werden.
Danke für das Interview.
Weitere Informationen unter www.vlw-nrw.de
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