Hauptinhalt
Lehrkräfte entdecken neue Methoden zur Berufs- und Studienorientierung
Von Arnd Zickgraf
"Kompetenzfeststellung" steht auf der Tagesordnung des Workshops. Doch statt
Fragebögen zu berufsbezogenen Kompetenzen auszuwerten, überlegen die Bonner
Lehrerinnen und Lehrer, wie sie am sichersten ein Kernkraftwerk auseinanderbauen
können. Ein großes Quadrat auf dem Boden symbolisiert das Kraftwerk. Die Flasche
in der Mitte des Quadrats stellt den Reaktor dar und ein rohes Ei, das auf dem
Flaschenhals liegt, das beschädigte Brennelement. Die Lehrerinnen und Lehrer
haben nur eine halbe Stunde Zeit, das Brennelement zu bergen, ohne den
"verstrahlten" Bereich zu berühren. Nach einer Lagebesprechung zerschneiden sie
Strumpfhosen, basteln Stöckchen und ein Körbchen, um das von der Begrenzung
knapp zwei Meter entfernte Ei vom Flaschenhals zu lösen und im Körbchen zu
bergen. "Reaktorunfall" heißt das in Assessmentcentern von Unternehmen häufig
eingesetzte Spiel. Hierbei müssen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer
exponieren, ihre Intelligenz und soziale Kompetenzen unter Beweis stellen. Im
anderen Gruppenraum tüftelt eine zweite Gruppe ebenfalls an der Demontage ihres
Reaktors. Welche Gruppe wird schneller fertig sein? Und warum?
Neue Aufgaben, neue Methoden
Interaktionsübung "Der schnelle Ball"
Zur Qualifizierung als Koordinatoren für Berufs- und Studienorientierung im
Bonner Stadthaus erscheinen 20 Lehrerinnen und Lehrer. In neun Lernmodulen, also
in neun meist vierstündigen Workshops, werden die Lehrerinnen und Lehrer auf
ihre neue Aufgabe vorbereitet. Die Trainerin Steffi Adam-Bott vom Lernende
Regionen Köln e.V. und ihr Kollege Michael Hanschmidt führen die Bonner Gruppe
gemeinsam durch das vierte Modul: "Berufswahlbezogene Instrumente zur
Kompetenzfeststellung". Neue Aufgaben, neue Methoden. Ein Ziel des Workshops ist
es, neue Handlungs- und Motivationsmöglichkeiten für den Regelunterricht kennen
zu lernen - und gleich selbst auszuprobieren. Bei vielen von Hanschmidt
vorgestellten "Instrumenten zur Kompetenzfeststellung", handelt es sich um
Simulationen des Berufslebens. Dazu zählen auch eine Reihe von
Interaktionsübungen wie "Der schnelle Ball", "Der Zauberreifen" oder Übungen zur
Selbsteinschätzung. Kompetenzen werden dabei weniger schriftlich erfasst als
spielerisch entdeckt. Die Feststellung von Kompetenzen in der Phase der Pubertät
von Jugendlichen, in der alles "im Fluss" ist, sei ohnehin schwierig, begründet
Moderator Hanschmidt den handlungsorientierten Ansatz. Nicht nur die
Jugendlichen, auch die Arbeitswelt und die Wirtschaft befinden sich in stetem
Wandel. Die jungen Leute an der Schwelle von der Schule zum Beruf reagierten
daher auf die Aufgabe der Berufsorientierung ganz individuell, ist seine
Überzeugung. Ob jemand einen Ausbildungsplatz erhalte, habe Hanschmidt zufolge
nicht nur etwas mit Kompetenzen zu tun, sondern auch mit der Beziehungsebene.
Die Interaktionsübungen dienen nicht zuletzt dazu, eine "positive Beziehung" zu
anderen aufzubauen und sich selbst besser einschätzen zu lernen.
Berufsorientierung stellt sich Moderator Hanschmidt als eine Insel vor, auf der
Schüler frei von Benotung handeln und dadurch motivierter bei der Sache sind.
Laut Hanschmidt bestehe eine Herausforderung bei handlungsorientierten Methoden
der Berufsorientierung darin, "unter Zeitdruck kreativ zu sein".
Kontakt mit Eltern professionalisieren
Hans Haase von der Franziskus-Hauptschule Bornheim
Der 54-jährige Hans Haase von der Franziskus-Hauptschule Bornheim ist
tatsächlich ein alter Hase in Sachen Berufsorientierung: Er blickt auf 12 Jahre
Berufsberatung an der Hauptschule zurück. Von seinem Schulleiter wurde er
ermuntert, sich um die Stelle als StuBO-Koordinator zu bewerben. Da er
Berufsorientierung als eine Querschnittsaufgabe ansieht, die sich über alle
Fächer erstreckt, nimmt er sich als neuer StuBO-Koordinator vor, die Vernetzung
der Fächer durch engere Zusammenarbeit mit den Klassenlehrern zu verstärken.
Außerdem legt er großen Wert darauf, den Kontakt mit den Eltern zu
professionalisieren. Ihm liegt viel am Austausch mit anderen Lehrerinnen und
Lehrern der Region.
Markus Kippenberg, Friedrich-List-Berufskolleg Bad Godesberg
Markus Kippenberg, 37 Jahre, wurde ebenfalls "vom Chef
angesprochen", ob er StuBO-Koordinator am Friedrich-List-Berufskolleg in Bad
Godesberg werden wolle. Was die Berufsorientierung anbelangt, befinde sich das
Berufskolleg derzeit in einer Planungsphase. Der Workshop sei für ihn daher sehr
informativ gewesen und "es sind mir eine Menge Ideen für den Deutschunterricht
und das Fach Betriebswirtschaftslehre gekommen", so Kippenberg. "Mir ist klar
geworden, dass wir bisher sehr kopflastig gearbeitet haben", resümiert Gisela
Dickob-Rochow, 56 Jahre, Lehrerin am Beethoven-Gymnasium in Bonn. Zwar pflegt
sie schon seit etlichen Jahren Kontakte zu Betrieben, Organisationen sowie der
Agentur für Arbeit. Und es gibt bereits über 30 Aktivitäten zur Studien- und
Berufsorientierung am Gymnasium, wie zum Beispiel den Tag der
Naturwissenschaften. Trotzdem: "Ich fand den Workshop sehr anregend -
handlungsorientierte Methoden sind motivierend", sagt Dickob-Rochow. Als
StuBO-Koordinatorin nimmt sie sich nun vor, die Impulse aus dem Workshop in das
Kollegium weiter zu tragen, einen Überblick über die zahlreichen Aktivitäten zu
geben und das Ganze in den Medien der Schule bekannt zu machen. Da sie jeden Tag
etwas Inspirierendes erleben wolle, habe sie sich auch gerne auf die neuen
Methoden des Workshops eingelassen.
Beide Lehrergruppen schafften es übrigens trotz der Konkurrenzsituation zu
kooperieren und das "Brennelement" zu sichern. Zum Abschluss reflektierten die
Lehrerinnen und Lehrer, wer in der Phase der Planung, der Entscheidung, der
Konstruktion oder der Präsentation jeweils am meisten zum Gelingen der Aufgabe
beigetragen hat. Träger des Projekts "Qualifizierung der Koordinatorinnen und
Koordinatoren für Berufs- und Studienorientierung an den weiterführenden Schulen
in Nordrhein-Westfalen" ist der nordrhein-westfälische Ausbildungskonsens.
Finanziert wird die landesweite Qualifizierungsmaßnahme durch das Ministerium
für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW und den Europäischen
Sozialfonds.
Die Stiftung Partner für Schule NRW führt die Qualifizierungsmaßnahmen
durch. Eine Presseerklärung der Stiftung erhalten Sie
hier.
Zum Seitenanfang