Von Arnd Zickgraf
Blogs haben längst Einzug in die Schulen gehalten. Gebloggt wird was das Zeug hält – über Unterrichtsthemen, Schulprojekte, Klassenfahrten und Freizeit. Es gibt bereits Schulen, die statt mit einer normalen Schulhomepage nur mit ihrem Blog an die Öffentlichkeit gehen – der Blog als Schulhomepage. Indes hat eine Lehrerin aus Marl den ersten Blog einer Grundschulklasse ins Leben gerufen. Und ein Gymnasium in lomberg richtet sogar ganze Klassenräume im Internet ein.
Blog ist Zukunft. Bei der Bildung der öffentlichen Meinung spielen Blogs eine immer größere Rolle. Erste Unternehmen beschäftigen Blogger, um junge, kaufkräftige Zielgruppen zu erreichen. Das Wort „Blog“ setzt sich zusammen aus „Web“ und „Log“. Laut der Journalistin und Internetexpertin Gabriele Hoofacker, die zahlreiche Bücher über den Online-Journalismus geschrieben hat, ist der Blog eine Mischung aus Tagebuch, Nachrichtensammlung und Diskussionsforum. Es ist Web 2.0 oder schlicht: Internet zum Mitmachen. Die Beiträge beschränken sich nicht nur aufs Wort. Blogs sind häufig eine multimediale Ansammlung von Texten, Bildern, Audios und Podcasts. Das Stimmenkonzert aller Blogs zusammengenommen, ihre Vernetzung untereinander, bildet die „Blogosphäre“.
Auf der Suche nach einer Alternative zum spielerischen Umgang mit dem Computer kam Pädagogin Susanne Schäfer aus Marl schon vor sieben Jahren auf die Idee, einen Klassenblog einzuführen. Die 40-Jährige ist Konrektorin der Grundschule am Wilhelmsplatz in Herten. Sie hat an ihrer früheren Schule den „Elefantenklassenblog“ eingeführt – und damit als erste Lehrerin Grundschulkinder der zweiten bis zur vierten Jahrgangsstufe an die Technik des Bloggens herangeführt. Bis dahin waren Blogs vor allem Schülern der Sekundarstufen vorbehalten. Beim Blog der Elefantenklasse hatten die Kinder Gelegenheit, lustige Geschichten zu erzählen, übers Lernen zu schreiben oder aber über ernsthafte Themen zu reflektieren. Zur Frage, was Luxus sei, fiel einem Schüler ein: „Für Mütter ist Luxus zum Beispiel, wenn sie in ein Restaurant gehen und gutes Essen bekommen und nicht selber kochen müssen.“ Eine Schülerin schrieb: „Für arme Menschen ist schon Weniges Luxus.“
Blog – Öffnung der Schule mit dem Computer
Manche meinen immer noch, die Lehrer schließen stets die Klassentür hinter sich zu. „Mit dem Blog öffnen wir aber die Tür zum Klassenzimmer und zeigen, was dort passiert“, so Schäfer. Eltern gehörten zu den treuesten Lesern. Für Eltern, die getrennt von ihrem Kind leben, sei der Blog eine wunderbare Gelegenheit, mitzuerleben, was ihr Kind während der Schulzeit alles mache.
Die Voraussetzungen, um einen Blog zu betreiben, sind grundlegende Kenntnisse der Kinder im Umgang mit Computer und Internet. Ferner ist ein Klassenraum mit mindestens einem Computer mit Internetzugang nötig und möglichst ein kostenloser Blog-Anbieter. Vorteilhaft ist es laut Susanne Schäfer, wenn der Klassenraum in der Nähe des Computerraums liegt. Denn dann haben die Schüler die Möglichkeit, jeden Tag mit dem Computer zu arbeiten. Lehrer sollten Content-Management-Systeme (CMS) kennen und wissen, wie man mit dem CMS Texte, Bilder oder auch Filme veröffentlicht. Ferner benötigen sie grundlegende Kenntnisse in Bildbearbeitung.
Stundenplan der "Piratenklasse" in Herten
„Rechtschreibförderung am lebendigen Objekt“
Laut Schäfer schreiben die Kinder zu Beginn eher kurze Texte. Das liege daran, dass sie noch sehr viel Zeit benötigten, um die Buchstabentasten zu treffen. Doch die Motivation der Kinder zu bloggen sei riesig. So werden mit der Zeit die Texte auch länger. Regelmäßig beruft Schäfer eine Schreibkonferenz ein. Gemeinsam mit der Lehrerin erstellen die Kinder außerdem Regeln. Es dürfen andere Kinder in Beiträgen nicht beleidigt werden. Schäfer greift so wenig wie möglich in die Texte ein. Zensieren nein, redigieren ja. Schon deswegen, damit die Kinder sich keine Blöße vor anderen Kindern geben. Einmal in der Woche werden auch die Kommentare der Leser in der Klasse besprochen. „Die Kinder warten immer mit Spannung auf den Augenblick, in dem sie die Reaktionen anderer mitbekommen.“ An ihrer neuen Grundschule hat die engagierte Lehrerin auch schon einen neuen Blog ins Leben gerufen: „Piratenklasse – Abenteuer Lernen“.
Neben der Reflexionsfähigkeit erwerben Schüler beim Bloggen eine Reihe fachlicher Fähigkeiten. Michael Gros, Lehrer und Computerspezialist, zufolge schult das öffentliche Tagebuchschreiben die Ausdrucksfähigkeit von Kindern und Jugendlichen. Sie lernen ferner, ihre Erlebnisse in der richtigen Reihenfolge grammatikalisch korrekt aufzuschreiben, und sie werden in die Aufsatzerziehung eingeführt. „So erhalten die Jungen und Mädchen Rechtschreibförderung am lebendigen Objekt.“ Das Webtagebuch ist überdies lebendiges Medientraining: Die Mädchen und Jungen werden etwa in den grundlegenden Umgang mit dem Computer eingeführt, lernen die Arbeitsoberfläche des Blogprogramms kennen und erlangen Einsichten in Urheberrecht und Datenschutz.
Lernen und Arbeiten im Netz
Beim Hermann-Vöchting-Gymnasium Blomberg lässt sich nicht nur eine Klasse auf das Abenteuer Interaktivität ein. Die ganze Schule lernt interaktiv – alle Jahrgangsstufen inbegriffen. Und zwar mittels einer Lernplattform: der „Wiki-Unterrichts- und Projektplattform“. Sie fußt auf Techniken des Bloggens, setzt beispielsweise ein CMS ein, ermöglicht es den Mädchen und Jungen auch, selbstständig Beiträge zu verfassen, die von Lesern kommentiert werden. Aber die Lernplattform des Gymnasiums geht darüber hinaus.
Die Unterrichtsplattform dient der gemeinschaftlichen Produktion von Wissen. Mit dem Schul-Wiki akzentuiert das Gymnasium im Kreis Lippe das selbstbestimmte Lernen, die bessere Unterrichtskommunikation sowie die Öffnung von Schule hin zu Experten und Projektpartnern. „Beim Wiki geht es nicht um das Gespräch oder die Diskussion in erster Linie, sondern um die systematische Darstellung von Knowhow“, erläutert IT-Experte Cem Basman.
Wiki-Unterrichts- und Projektplattform des Hermann-Vöchting-Gymnasiums
Eine Säule des Blomberger Wikis ist denn auch die Dokumentation. Für eine Unterrichtseinheit oder ein Projektthema richtet der Systemadministrator einen eigenen Bereich auf der Schulhomepage ein. Alle Beteiligten, auch Lehrer, schreiben dort Texte nieder, stellen Dokumente hinein, veröffentlichen Bilder oder verweisen mit Links auf relevante Internetseiten. Dieser kann von den Schülerinnen und Schülern im Unterricht in den Computerräumen der Schule, aber auch zu Hause geöffnet werden. Mit dem Wiki als Arbeitsplattform bereiten Lehrer ihren Unterricht vor, geben Aufgaben an ihre Klasse weiter oder hinterlegen Arbeitsmaterialien.
„Ein Vorteil liegt darin, dass Arbeitsergebnisse wie Referate dokumentiert, archiviert und von anderen Schülergruppen genutzt werden können. Das kann ein Parallelkurs in der Oberstufe sein oder die Schülerinnen und Schüler eines Folgejahrgangs, die dadurch angeregt werden, auch ihre Ergebnisse auf diese Weise zu veröffentlichen“, erläutert Rolf Eickmeier, Gymnasiallehrer und Webseiten-Administrator.
Nützliche und lebendige Schulhomepage
Der Gang ins Internet ist leider nicht frei von Gefahren. Die typische Blogsoftware ist frei zugänglich. Weil Hacker die Sicherheitslücken von frei zugänglicher Software kennen und ausnutzen, ist es wichtig, dass der Schulblog richtig gewartet wird und sein Betreiber nicht vergisst, die jeweils sichersten Versionen des Programms zu bekommen. „Vergisst man das, ist der Blog ein Einfallstor für Hacker und allerhand schädlicher Dateien“, sagt Werner Grafenhain, Geschäftsführer der Internetagentur DigiVision, einer Internetagentur, die Redaktion, Technik, Grafik und Entwicklung für verschiedene Bildungseinrichtungen bereit stellt. Abgesehen davon ist ein Blog oder ein Wiki ein Einfallstor für neue Ideen und eine vorzügliche Schule des natürlichen Schreibens. Neue, bisher ungeahnte Formen des interaktiven Lernens werden möglich. Blogs und Wikis werten außerdem eine Schulhomepage deutlich auf. „Ich finde das sehr gut, denn insbesondere ein Blog macht eine Schulhomepage so richtig lebendig“, sagt Markus Dange, Internetexperte und Ausrichter des bundesweiten Schulhomepage Awards.
Weitere Informationen finden Sie im Internet unter:
Digitale Medien als Schreibanlass: Ein Klassen-Weblog
Grundschule am Wilhelmsplatz Herten
Piratenklasse: Abenteuer Lernen
Hermann-Vöchting-Gymnasium Blomberg
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