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Comics: Popkultur und Informationsvermittlung

Von Nina Braun

Foto: ANDI ist die Hauptfigur im Comic des Innenministeriums (Bild: www.andi.nrw.de) ANDI ist die Hauptfigur im Comic des Innenministeriums (Bild: www.andi.nrw.de)

Comics sind lustig und haben Hauptpersonen wie Lucky Luke oder Donald Duck? Von wegen. Comics können mehr als unterhalten. Ein Beispiel ist ANDI 2. Dieser Comic des NRW-Innenministeriums informiert Jugendliche über den Islam. "Gerade das Stilmittel des Comics, das der Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen nutzt, bringt komplexe Sachverhalte jugendgerecht auf den Punkt", erläutert Minister Ingo Wolf. Anspruchsvolle Bildergeschichten liegen im Trend: So wurde etwa Persepolis, ein schwarz-weiß gezeichneter Comic über die jüngere Geschichte des Irans bereits 50 000 Mal verkauft. Diese Woche kommt der Streifen in die Kinos.

Diese Entwicklung begeistert Georg von Westphalen, Zeichner und Character- Designer der TV-Figur Bernd das Brot: "Der Mensch ist ein visuelles Wesen. Mit einem Comic gibt es die Möglichkeit ganz andere Inhalte zu vermitteln als mit einem reinen Text." In Persepolis von Marjane Satrapis lernt der Leser beispielsweise durch Text und Bild die jüngere Geschichte des Iran und die kulturellen Unterschiede zwischen Europa und dem Iran kennen. Ein anderes, anspruchsvolles Thema bearbeitet das Buch des amerikanischen Comic-Pioniers Will Eisner: Das Komplott- Die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion thematisiert die Ursachen von Antisemitismus. Der Comic ANDI 2 des NRW-Innenministeriums erzählt, wie Andi, Murat und Ayshe islamistische Parolen im Alltag erleben und damit umgehen. Die Auflage von 100 000 Stück des ersten Innenministeriums-Comic ANDI 1 zum Thema Rechtsextremismus war nach sechs Monaten vergriffen. "Die Erfahrungen mit unserem Bildungscomic gegen Rechtsextremismus beweisen, dass wir den Nerv der Jugendlichen getroffen haben", freut sich Innenminister Ingo Wolf.

Designer Georg von Westphalen hat das Medium auch schon ähnlich genutzt. "Mit einem Comic haben wir versucht, Diabetikerkindern die Funktion von Insulin zu erklären." Ein weiterer Vorteil des Mediums sei das Verstehen der Inhalte über Sprachbarrieren hinweg. In Afrika seien deshalb schon AIDS-Aufklärungscomics zum Einsatz gekommen, berichtet er.

Foto: Georg von Westphalen hat das Character-Design der Figur Bernd das Brot entworfen (Foto: Privat) Georg von Westphalen hat das Character-Design der Figur Bernd das Brot entworfen (Foto: Privat)

Die meisten Bildergeschichten wollen in erster Linie unterhalten. Text- und Bildkombinationen unterstützen aber auch die Aufnahme von Informationen und sorgen dafür, dass sie im Langzeitgedächtnis behalten werden, sagen Lernforscher. "Die Verknüpfung von Bild und Text ist aus verschiedenen Gründen sinnvoll", erklärt Professor Rainer Bromme, pädagogischer Psychologe an der Universität Münster. "Bilder können Aufmerksamkeit wecken und zum Lesen des Textes anregen. Oder sie helfen dabei, das was man liest, besser zu verstehen, weil sie Zusammenhänge räumlich darstellen, die man nur schwer in Worten beschreiben kann. Psychologen sprechen hier von der organisierenden Wirkung der Bilder. Drittens können sich Text und Bild wechselseitig ergänzen. So kann zum Beispiel ein Bild Details enthalten, die dann im Text nicht mehr beschrieben werden müssen. Viertens können Bilder den Text auch interpretieren."  Diese Funktionen nutzt beispielsweise das Buch Strafrecht illustrated aus dem Merus-Verlag gezielt. Das Buch stellt 30 Fälle aus dem Strafrecht in Comicform dar und soll damit das Lernen der abstrakten Inhalte für Jurastudenten erleichtern.

Comics sind neben der Informationsvermittlung aber auch ästhetische Werke. Für Georg von Westphalen sorgen gute Comics dafür, dass "man nicht nur Bild für Bild liest, sondern die Seite als Collage betrachten kann und seine eigenen Verknüpfungen zwischen den Bildern findet." Aus dem Will Eisner Buch Das Komplott hat er sich eine Seite als Kunstwerk an die Wand gehängt.

Foto: Marjane, die Hauptfigur von Persepolis, im Konflikt mit iranischen Religionswächterinnen (Bild: Ana-Radica-Presse) Marjane, die Hauptfigur von Persepolis, im Konflikt mit iranischen Religionswächterinnen (Bild: Ana-Radica-Presse)

Von Auflagen wie in Frankreich, Belgien oder Japan, dort erreichen Comics Millionenauflagen, die bei uns zu Tausenden verkauft werden, kann die Comicbranche in Deutschland zwar nur träumen. "Die Nazis haben viele Comics als entartete Kunst verboten", erklärt Georg von Westphalen die Entwicklung. Lionel Feininger und Erich Ohser waren zwei betroffene Zeichner. Erich Ohser kennt man heute noch durch seine Vater und Sohn-Geschichten. Nachdem ihm wegen seiner regimekritischen Arbeit die Arbeitserlaubnis entzogen wurde, arbeitete er unter dem Pseudonym E.O. Plauen weiter. Allerdings für die Nazis. Feininger wanderte in die USA aus. Die Entwicklung in Deutschland stagnierte. Nach dem Krieg begeisterte sich nur noch eine Minderheit für die Bildergeschichten.

Das Bildergeschichten mit ernstem Inhalt kommerziell erfolgreich sein können, beweist zuletzt das Buch Persepolis- Eine Kindheit im Iran. "Über 50 000 verkaufte Exemplare von einem schwarz-weiß gezeichneten Comic sind in Deutschland selten", sagt Jutta Harms, Pressesprecherin vom Persepolis- Verlag Edition Moderne. Heute wächst in Deutschland wieder das Interesse: "Deutsche Comiczeichner wie Line Hoven oder Anke Feuchtenberger werden mittlerweile von Feuilletonjournalisten wahrgenommen", betont sie und ergänzt: "Sogar große Verlage bieten mittlerweile um Lizenzen von Comicgeschichten."

 

Lesetipps:

Arne Bellstorf. Acht, neun, zehn (2005).

Line Hoven. Liebe schaut weg (2007).

Will Eisner. Das Komplott. Die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion (2005).

Anke Feuchtenberger. Hero und Leander (2004).

Felix Herzog. Strafrecht illustrated (2007).

Keiji Nakazawa. Barfuss durch Hiroshima: Eine Bildergeschichte gegen den Krieg (1982).

Marjane Satrapi. Persepolis. Eine Kindheit im Iran (2004).

Marjane Satrapi: Persepolis. Jugendjahre (2006).

Art Spiegelmanns. Die Geschichte eines Überlebenden.  Teil I. Maus- Mein Vater kotzt Geschichte aus (1989). Teil II. Und hier begann mein Unglück (1992).

 

www.andi.nrw.de

http://www.editionmoderne.de/

www.cimoc.de

www.WillEisner.com

www.lambiek.net

http://www.reprodukt.com/verlag.php

http://www.avant-verlag.de/

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