Von Nina Braun
Taufe im Jordan (Foto: Hornemann)
Die Landesregierung und an Israel interessierte Lehrerinnen und Lehrer in Nordrhein-Westfalen sind sich einig: Der deutsch-israelische Schüleraustausch soll ausgebaut werden. Das Schulministerium lud deshalb interessierte Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler und Fachleute ein, damit sie sich über Erfahrungen und Schwierigkeiten austauschen konnten. Annemarie Bechert vom Pädagogischen Austauschdienst (PAD) in Bonn informierte in ihrem Vortrag über die Möglichkeiten für Schulen Kontakte mit israelischen Schulen zu knüpfen: "Ein Austausch mit Israel dient nicht nur der Auseinandersetzung mit dem Holocaust, sondern fördert auch die Beschäftigung mit dem heutigen Israel als multikulturelle, multireligiöse Gesellschaft und als ein Lernfeld internationaler Politik."
"Israel ist beeindruckend schön", sagt Angelika Rätzel. Die Schülerin geht in die 13. Klasse des St. Ursula Gymnasiums in Düsseldorf. In diesem Sommer hat sie am ersten Austausch mit einer Schule in Beer Shéva in Israel teilgenommen. "Die kulturellen und religiösen Traditionen der Kulturen zu entdecken, die dort zusammen leben ist toll", ergänzt ihr Schulkamerad Manuel Hornemann. In Israel leben auf engsten Raum - das Land ist etwa halb so groß wie die Niederlande - über 100 verschiedene Nationalitäten, die dem jüdischen, dem christlichen oder dem moslemischen Glauben anhängen. Frank Brennecke, Lehrer am St. Ursula Gymnasium hat das selber erfahren: "Der Lehrer bei dem ich wohnte, war ein brasilianischer Jude, polnischer Herkunft, der in Israel mit einer Niederländerin verheiratet ist und dort vier Kinder hat", lacht er.
Die Düsseldorfer Schüler beim Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem (Foto: Hornemann)
Aber Israel ist nicht nur multikulturell, sondern auch multireligiös. In der Hauptstadt Jerusalem findet der Besucher in dem jüdischen, moslemischen, christlichen und armenischen Vierteln Spuren aller Weltreligionen. Zu der Fahrt nach Jerusalem gehörte für die Düsseldorfer Schülerinnen und Schüler eine Besichtigung der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem (www.yad-vashem.de) auf dem Herzlberg in Jerusalem. Der Besuch rührte Angelika Rätzel zu Tränen: "Die Gedenkstätte hier berührt viel mehr als abstrakte Zahlen und Fakten, weil hier von Einzelschicksalen berichtet wird", sagt sie.
Neben der allgegenwärtigen Geschichte ist Israel ein Mittelpunkt der aktuellen Weltpolitik. Das bekamen die Besucher aus dem Rheinland hautnah zu spüren. Während ihrer Rundreise im gemieteten Bus trafen sie überall auf Soldaten. Ihre Gruppe wurde ständig von einem bewaffneten Sicherheitsmann begleitet. Überhaupt das Militär: "Die jungen Israelis freuen sich auf ihren dreijährigen Militärdienst und sind stolz dorthin zu gehen", wundert sich der Oberstufenschüler Manuel Hornemann. Für den Deutschen völlig unverständlich.
Während eines Besuchs in Bethlehem, die Stadt ist heute von der Mauer umschlossen, die die israelischen von den palästinensischen Gebieten trennt, trafen sich die jungen Deutschen mit palästinensischen Schülerinnen und Schülern. "Sie wollten mit uns nicht über ihren Konflikt mit den Israelis sprechen. Sie sagten uns aber deutlich, dass sie sich eingeschlossen fühlen", erzählt Angelika Rätzel. Die Sicherheitslage ist ein wichtiges Thema bei einer Reise nach Israel. "Einige Eltern waren besorgt", gibt Lehrer Frank Brennecke zu. Als er in diesem Jahr zum ersten Mal an seiner Schule in Düsseldorf einen deutsch-israelischen Schüleraustausch organisierte, herrschte viel Gesprächsbedarf. Erst Brenneckes Versprechen, dass die Gruppe die libanesische Grenze meiden würde, keine öffentlichen Verkehrsmitteln benutzen würde und einen Bogen um den Gaza-Streifen machen würde, zerstreute die Bedenken.
Siebenarmiger Leuchter im Domus Galilae oberhalb des Sees Genezareth (Foto: Hornemann)
Mit den Eltern und Schülerinnen und Schülern solle man offen über die Situation sprechen, empfiehlt Annemarie Bechert vom PAD Lehrerinnen und Lehrern, die eine Schulpartnerschaft mit Israel eingehen wollen. "Es ist eine Region, in der Fanatismus existiert, es gibt aber ebenso ganz ruhige Gebiete." Im Zweifelsfall müsse man auf die israelischen Partner vertrauen, die genau wissen, wann man wo hingehen könne. "Schulpartnerschaften mit Israel sind wichtig, um das Klischee 'Israel gleich Gaza' gleich 'Holocaust gleich Krieg' abzubauen", sagt Annemarie Bechert.
Das können die Schülerinnen und Schüler vom St. Ursula Gymnasium bestätigen. "Die Israelis, bei denen wir gewohnt haben, waren sehr herzlich", betont Angelika Rätzel. Kurz vor ihrer Abfahrt, versuchten die israelischen Schülerinnen und Schüler den Bus der Düsseldorfer mit einem Sitzstreik aufzuhalten. Angelika Rätzel lacht bei der Erinnerung an die Israelis. Ihre Gastschwester sprach zwar sehr wenig Englisch, aber dann müsse man sich eben mit Händen und Füßen verständigen, sagt die Schülerin. "Nur der Shabat war anstrengend," wirft ihr Mitschüler Manuel Hornemann ein. Seine Gastfamilie verzichtete an diesem Tag völlig auf Elektrizität. Der Fernseher, das Handy, Ventilatoren und die Klimaanlage wurden ausgeschaltet. "Bei 40 Grad ist das kein Spaß", stöhnt er.
Schulen, die sich für eine Schulpartnerschaft mit Israel interessieren, bekommen beim PAD mehr Informationen (www.kmk.org/pad/home.htm). Ansprechpartner im Schulministerium sind Hildegard Jacob und Anne Reimer. Eine nordrhein- westfälische Spezialität sind die jährlichen Lehrerfortbildungen in Yad Vashem. Nordrhein-Westfalen ist eines der ersten Bundesländer mit diesem Angebot. Verantwortlich dafür ist Theo Schwedmann in der Bezirksregierung Münster. Vier Schulen berichteten während der Schulministeriums-Veranstaltung über die Möglichkeiten einer Kontaktaufnahme. Das Theodor-Fliedner-Gymnasium aus Düsseldorf, das städtische Otto-Hahn-Gymnasium aus Monheim, das Berufskolleg Stadtmitte aus Mühlheim an der Ruhr und das Kaiser-Karls-Gymnasium aus Aachen hatten von sehr unterschiedlichen Erfahrungen zu erzählen.
Die Teilnehmer eines Schüleraustausches müssen grundsätzlich die Reisekosten selber tragen. Es können aber Zuschüsse beantragt werden, die in der Regel mit inhaltlichen Kriterien verbunden sind. Als Mittelgeber kommen Bund, Land und Stiftungen in Frage. Auch Zuschüsse aus Städtepartnerschaften oder von kirchlichen Trägern sind möglich. Zuschüsse zu den Flugkosten und für Exkursionen für die israelischen bzw. palästinensischen Gruppen in Höhe von 110 Euro pro Person können beim PAD beantragt werden. Das Schulministerium schreibt voraussichtlich auch 2008 einen Wettbewerb aus, bei dem die Gewinner mit finanzieller Unterstützung für ihren Austausch rechnen können.
Literaturauswahl:
Segef, Tom. 1967 Israels zweite Geburt (2007).
Schami, Rafi (Hrsg.). Angst im eigenen Land. (2001).
Tempel, Sylke, Amal Rifa'i und Odelia Ainbinder. wir wollen beide hier leben. Eine schwierige Freundschaft in Jerusalem (2003).
Zuckermann, Moshe. Zweierlei Holocaust. Der Holocaust in den politischen Kulturen Israels in Deutschland (1998).
Auswahl Kinder- und Jugendliteratur:
Greiner, Margret. Jefra heißt Palästina. Ein Mädchen in Jerusalem (2006).
Laird, Elisabeth. Ein kleines Stück Freiheit. Eine Kindheit in Ramallah (2006).
Boyne, John. Der Junge im gestreiften Pyjama. Eine Fabel (2007).
Spiegelmann, Art. Maus. Die Geschichte eines Überlebenden Teil I: mein Vater kotzt Geschichte aus. Teil II: Und hier begann mein Unglück (1992).
Links:
Schulpartnerschaften und Schüleraustausch mit Israel und Palästina werden vom Land Nordrhein-Westfalen auch im Jahr 2008 gefördert. Voraussichtlich können Reisekostenzuschüsse für die deutschen Schülerinnen und Schüler und Projektmittel gewährt werden. Einzelheiten zu den Fördermöglichkeiten werden noch abgestimmt. Ergebnisse werden hier veröffentlicht: http://www.schulministerium.nrw.de/BP/Internationales/Begegnungen/Workshop2008/index.html
Landeszentrale für politische Bildung http://www.lzpb.nrw.de/index.html
Pädagogischer Austauschdienst (Förderprogramm des Auswärtigen Amtes) http://www.kmk-pad.org
Botschaft des Staates Israel in Berlin http://www.israel.de
Informationen zu schulischem und außerschulischem Jugendaustausch mit Israel, Informationen zur Förderung http://www.ConAct-org.de
Deutsch-israelische Gesellschaft http://www.deutsch-israelische-gesellschaft.de
Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" http://www.stiftung-evz.de
Konrad Adenauer Stiftung in Israel http://www.kas.de/israel
Heinrich Böll Stiftung http://www.boell.de
Friedrich Naumann Stiftung http://www.fnst.org
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