SCHULMINISTERIUM.NRW.DE
Das Bildungsportal
Anmeldung  |  Kontakt  |  Impressum        
Inklusion, Gemeinsames Lernen Link zu: Pfeil rechts „Ich spreche nicht mit dem Mund, sondern mit meinen Augen.“ – Interview mit Kathrin Lemler. 

„Ich spreche nicht mit dem Mund, sondern mit meinen Augen.“

Kathrin Lemler ist eine Studentin von vielen in Köln. Sie studiert in der Großstadt Erziehungswissenschaft, wohnt in einem Studentenwohnheim, verabredet sich mit Freunden im Café und hat konkrete Vorstellungen von ihrer Zukunft. Das Besondere: Im Bereich der Unterstützten Kommunikation möchte sie arbeiten und nicht-sprechenden Menschen, ihren Bezugspersonen und Familien helfen. Denn Kathrin Lemler selbst kann nur anhand eines Sprachausgabegeräts oder mit einer Buchstabentafel kommunizieren.

Von Julia Heer

Frau Lemler, wir kommunizieren gerade über ein Sprachausgabegerät - wie funktioniert das eigentlich?

Foto: Kathrin Lemler studiert an der Universität zu Köln Erziehungswissenschaft. Kathrin Lemler studiert an der Universität zu Köln Erziehungswissenschaft.

Meine Behinderung heißt Cerebralparese , genauer gesagt Athetose. Diese Behinderung ist wahrscheinlich bei meiner Geburt entstanden. Durch einen Sauerstoffmangel starben Zellen in meinem Gehirn ab. Deshalb habe ich Schwierigkeiten, meine Muskeln kontrolliert zu bewegen. Jedoch kann ich alles sehr gut hören und verstehen. Ich spreche nicht mit dem Mund, sondern mit meinen Augen. In dem kleinen Kasten unterhalb meines Bildschirms ist eine Infrarotkamera eingebaut. Diese verfolgt meine Pupillen und berechnet aus dem Abstand zwischen Bildschirm und Pupillen, wo ich gerade hinschaue. Ich muss lediglich eine Zeit lang einen Buchstaben auf meiner Tastatur fixieren und das Feld wird ausgelöst. Zusätzlich schlägt mir der Computer Wörter vor. Neben dem Sprachcomputer benutze ich eine Buchstabentafel, um mich mit meinen Assistenten oder Freunden zu verständigen. Das ist für mich die schnellste Art, zu kommunizieren. Der Computer ist zur Kommunikation mit Fremden da. Ich bin dann unabhängiger.

Wie gehen andere Menschen mit Ihnen um? Haben Sie mit Vorurteilen zu kämpfen?

Wenn mir fremde Menschen auf der Straße begegnen, werde ich häufig wie ein kleines Kind behandelt. Sie schließen von meinem körperlichen Zustand auf meine geistigen Fähigkeiten. Ich nehme es ihnen nicht übel, sie wissen es einfach nicht besser. Dennoch wünsche ich mir, dass mehr Aufklärung stattfindet. Ich hoffe, dass wenn Menschen von Anfang an mit dem Thema Behinderung konfrontiert werden, Berührungsängste und Unsicherheit gar nicht erst entstehen. Ich bin also Befürworter des Konzeptes der Inklusion.

Sie haben nach den ersten sechs Schuljahren von einer Förderschule in eine allgemeine Schule gewechselt. Wie haben Sie den Wechsel erlebt?

Heute denke ich, dass es der richtige Weg für mich war, erst in der Förderschule anzufangen. Ich glaube,dass ich viele Dinge an einer normalen Schule nicht hätte lernen können, wie beispielweise einen Elektrorollstuhl zu bewegen, weil die Zeit einfach gefehlt hätte. Nach der fünften Klasse bekam ich die Gymnasialempfehlung.

Foto: Assistent David Strenzel unterstützt Kathrin Lemler bei Aufgaben des Alltags. Assistent David Strenzel unterstützt Kathrin Lemler bei Aufgaben des Alltags.

Nach positiven Erfahrungen während eines 14-tägigen Probeschulbesuchs entschieden wir uns für eine ganz normale Schule: die Konrad-Adenauer-Regionalschule in Vallendar in Rheinland-Pfalz. Dort war ich im Jahr 1998 die erste behinderte Schülerin. Die Verständigung mit meiner Buchstabentafel ging auch dort am schnellsten. Anfangs war mein Integrationshelfer der Dolmetscher, später konnten auch einige Mitschülerinnen auf diese Weise mit mir sprechen.Meine Mitschüler akzeptierten mich als ganz normal. Es gab auch Mitschüler, mit denen ich nicht zurechtkam. Für mich ist das richtige Inklusion. Meine Lehrer setzten damals schon ganz selbstverständlich Konzepte wie Gruppenarbeit und integratives Lernen ein. Ich hatte viele Kontakte mit Gleichaltrigen und erlebte herrlich Normales, wie Zelten, ins Kino gehen oder Einkaufen. Meine Freundin Chrissi, die meine Buchstabentafel beherrscht, wurde gefragt, was sie am liebsten mit mir macht. Sie antwortete wie aus der Pistole geschossen: Quasseln! Heute arbeiten einige meiner Freundinnen aus dieser Zeit im sozialen Bereich. Ich denke, ich bin daran nicht unschuldig. Der Wechsel auf eine allgemeine Schule war also eine sehr schöne Erfahrung. Es gab aber auch Nachteile: Hilfsmittel, Therapien und so weiter blieben an zu Hause hängen. 2002 bestand ich meine mittlere Reife als Klassenbeste und wechselte in die elfte Klasse des integrativen Gymnasiums Bendorf, an dem ich 2008 mein Abitur gemacht habe.

Foto: Kathrin Lemler kommuniziert mit Hilfe des Sprachausgabegeräts "MyTobii". (Fotos: Christof Wolff) Kathrin Lemler kommuniziert mit Hilfe des Sprachausgabegeräts "MyTobii". (Fotos: Christof Wolff)

Was würden Sie Eltern raten, die ein Kind mit einer ähnlichen Behinderung haben und überlegen, welche Schulform die geeignete ist?

Nach meinen Erfahrungen ist die Schulform gar nicht das Ausschlaggebende. Es ist wichtig, Lehrer zu finden, die positiv eingestellt sind und sich auf neue Wege einlassen wollen.

Was ist das Wichtigste für Lehrerinnen und Lehrer an allgemeinen Schulen, wenn ein Kind oder Jugendlicher mit Behinderung in ihre Klasse kommt?

Offenheit.

Worin liegen für Sie die Vorteile eines inklusiven Schulsystems, bzw. einer inklusiven Gesellschaft?

In einer inklusiven Gesellschaft wird es zur Selbstverständlichkeit, dass alle Menschen dazugehören. Dabei spielt es keine Rolle mehr, ob eine Person jetzt eine Behinderung oder einen Migrationshintergrund hat. Alle sind am gesellschaftlichen Leben beteiligt, können voneinander lernen und leisten ihren individuellen Beitrag für die Gesellschaft.

Wie stellen Sie sich die ideale inklusive Schule vor?

In einer guten inklusiven Schule muss es gelingen, eine ausgewogene Kombination zwischen individuellem Lernen und dem Lernen in Gruppen zu ermöglichen.

 

Dieses Interview ist der fünfte Teil unseres Themenschwerpunkts "Inklusion": Einige Wochen lang werden Sie regelmäßig auf der Startseite einen neuen Beitrag zum Thema Inklusion/ Gemeinsames Lernen finden; darunter weitere Portraits von Schulen, Interviews und Hintergrundtexte.

Erster Teil : "Hürden abbauen, Barrieren einreißen..." - Interview mit "Aktion-Mensch"-Vorstand Martin Georgi.

Zweiter Teil : "Keiner wird ausgeschlossen" - vorbildliche Inklusion an der Montessori-Gesamtschule Borken.

Dritter Teil : "Auf dem Weg zur Inklusion" - Beitrag von Schulministerin Sylvia Löhrmann

Vierter Teil: "Max lernt anders. Alara auch" - Reportage über die inklusive Grundschule Berg Fidel in Münster

 

Weitere Informationen zum Thema Inklusion finden Sie hier im Bildungsportal.

 

© 2006 - 2013 Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen