Von Marc Raschke
Eine Couch gibt es hier nicht. So eine, wie sie Psychologen angeblich immer haben. Dafür ist ein Spielzimmer eingerichtet, gleich schräg gegenüber von der Bürotür, hinter der Stefan Drewes seinen Schreibtisch hat. Beim Rundgang durch die schulpsychologische Beratungsstelle Düsseldorf reißt der Leiter im Spielzimmer eine Wand aus bunten Schaumstoffsteinen ein. Ungewollt hat so etwas natürlich gleich Symbolkraft. Mauern nämlich muss Drewes ständig überwinden, Steine aus dem Weg räumen. In Köpfen. In Familien. In Schulen. "Der Druck ist für uns immer größer geworden, weil die Kinder, die hier her kommen, immer schwieriger geworden sind", sagt Drewes, der auch den Arbeitskreis der kommunalen Schulpsychologen beim Städtetag von Nordrhein-Westfalen leitet. "Während wir in den Anfängen der Schulpsychologie vor rund 50 Jahren mehr mit dem Thema Lese- und Rechtschreibschwäche isoliert zu tun hatten, haben wir es nun mit Kindern aus Problemfamilien zu tun." Angst vor Klassenarbeiten, Stress mit Hausaufgaben, Ärger wegen schlechter Noten - all das erfordere komplexe Ansätze für eine Förderung.
Hinzu komme, so Drewes, dass sich Schulpsychologie in den letzten zwanzig Jahren wesentlich stärker auf Schule selbst ausgerichtet habe. "Während früher eher Schüler und Eltern das klassische Klientel von Schulpsychologie war, sind wir in den letzten Jahren auch wesentlich mehr Unterstützer von Schule und Lehrkräften geworden", sagt der Diplom-Psychologe. Zum einen liege das an der steigenden Zahl von überforderten Lehrkräften, von denen gerade jüngere vermehrt Rat suchten. Darüber hinaus habe Schulpsychologie aber auch erkannt, dass Probleme von Schülern nicht isoliert von Schule und Lehrern bearbeitet werden können.
Schulpsychologen werden heute sowohl bei der
Lehrerfortbildung als auch bei der Umsetzung von Schulentwicklungsprozessen oder
Projekten in Schulen einbezogen. Dabei kann es zum Beispiel um Mobbing,
Unterrichtsstörungen oder auch um die Entwicklung von Förderkonzepten gehen.
Auch bei der Supervision oder beim Coaching von Lehrerkollegien sowie bei
Krisenfällen sind Schulpsychologen in Schulen tätig. Das Angebot der schulpsychologischen Beratungsstellen im
Land ist kostenfrei, freiwillig, unabhängig und unterliegt der Schweigepflicht.
Die erste Stelle dieser Art wurde 1958 in Köln eingerichtet, 1959 folgte eine
weitere in Düsseldorf. Inzwischen sind rund 170 Schulpsychologen bei den
Kommunen und weitere 70 beim Land angestellt. Nicht in allen Kreisen in
Nordrhein-Westfalen sind Schulpsychologen vorhanden. Statistisch kommen auf
einen Schulpsychologen landesweit derzeit etwa 12.500 Schüler; in Finnland liegt
das Verhältnis bei 1 zu 1000.
Sitzenbleiben vermeiden
"Es ist unser Hauptanliegen, die einzelnen Schüler zu fördern. So können wir viele Klassenwiederholungen, unnötige Kosten und abgebrochene Schulkarrieren vermeiden", sagt Drewes. Damit entspricht der Kern von Schulpsychologie dem neuen Schulgesetz der NRW-Landesregierung, das individuelle Förderung von Schülern in den Mittelpunkt gerückt hat. "Wir sind aber keine Vertreter, die sagen, es muss alles an einem Kind gefördert werden. Wir wollen die Kinder schließlich nicht krank machen", so Drewes. "Dafür brauchen wir auch gute Lehrer in den Schulen, die Eltern eine gewisse Gelassenheit vermitteln und sortieren können, was tatsächlich ein Problem ist und was nicht." Oft reiche auch schon ein Beratungsgespräch - ganz ohne Intelligenz- und Sprachtests.
Grundsätzlich beobachtet Drewes, dass die Klagen über Konzentrationsstörungen sowohl von Lehrern als auch von Eltern extrem sind. "Wir erleben zudem immer wieder, dass mit der weiterführenden Schule eine falsche Schulform gewählt wurde", so Drewes. Der häufigste Anmeldegrund seien aber nach wie vor Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben, zunehmend auch beim Rechnen. "Bei Kindern im Grundschulalter haben wir die größten Anmeldezahlen. Und meistens sind diese Kinder in der zweiten, dritten Klasse", sagt Drewes. "Kinder, die eingeschult werden, sind intellektuell heute viel weiter entwickelt, aber in der Motorik, gerade in der Feinmotorik, sind sie meistens sehr viel schlecht als früher." Bei Schwierigkeiten in der Schule raten Schulpsychologen Eltern stets, erst einmal Kontakt mit dem Lehrer aufzunehmen, sich zu erkundigen, woran es liegt, was zu Hause und in der Schule dagegen getan werden könnte. Erst, wenn das nicht weiterhilft, sollte in Absprache mit dem Lehrer eine schulpsychologische Beratungsstelle aufgesucht werden. "Es fällt immer noch vielen Familien schwer hier herzukommen, vor allem denen, die überhaupt Schwierigkeiten haben, ihren Alltag zu organisieren, etwa Familien aus sozial schwierigen Verhältnissen", so Drewes. Deshalb versuchen die Beratungsstellen in NRW auch verstärkt, durch Projekte mit Schulen die Beratung vor Ort in den Schulen auszubauen.
Noch mehr Informationen zum Thema Schulpsychologie finden Sie hier
Kontakte zu Beratungsstellen unter: www.schulpsychologie.de