Von Nina Braun
Immer mehr Schulen fördern ihre Schüler und Schülerinnen individuell. Beispiele aus der Praxis zeigen, wie Lehrer den unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden können.
Je nach Bedarf wird der Klassenverband aufgelöst. (Foto: Alex Büttner)
Der 13-jährige Hendrik steht an der Tafel im Labor und ruckelt nervös die große Schutzbrille auf seiner Nase zurecht. Vor ihm drängt sich eine Traube Fünftklässler im Halbkreis und schaut ihn erwartungsvoll an. Hendrik, ein Siebtklässler, wird sie heute unterrichten. Alle Schüler tragen weiße Laborkittel, die fast bis auf den Boden reichen. Chemie steht auf dem Stundenplan. Hendrik hat einen Versuch vorbereitet, der ihm die Aufmerksamkeit der Jüngeren sichern soll. Er zerdrückt Kartoffel-Chips in einer Schale. „Dann gebt ihr Nagellackentferner dazu“, doziert er, „anschließend gießt ihr die Mischung durch den Filter“. Darunter sammelt sich eine gelbliche, wenig appetitliche Flüssigkeit – voller Fett. „Das…“, betont Hendrik, „… haben wir aus den Chips gelöst.“ Lehrerin Monika Sowa-Erling, die die Szene aus dem Hintergrund aufmerksam beobachtet hat, nickt und lächelt anerkennend.
Die Großen erklären den Kleinen
Wir befinden uns im Gymnasium Bergkamen, dem vom Land – wie mittlerweile weiteren 182 Schulen in Nordrhein-Westfalen – das „Gütesiegel Individuelle Förderung“ verliehen wurde. Ungewöhnlicher Unterricht gehört hier zum Programm. So gibt es für die fünften und sechsten Klassen fächerübergreifende Lektionen rund um die Themen „Wald“ und „Wasser“. Zu den neuen Methoden gehört auch, dass ältere Schüler immer wieder mal die jüngeren anleiten. „Wir wollen die Schüler dort abholen, wo sie mit ihren Interessen und Fähigkeiten stehen“, so erklärt Pädagogin Sowa-Erling das zugrunde liegende pädagogische Prinzip der individuellen Förderung. Wie beim altersgemischten Unterricht eben. Die Kleinen nähmen den Stoff gerne von den Älteren auf, und die Älteren wiederum könnten in der Lehrerrolle ihr Wissen vertiefen und Selbstbewusstsein entwickeln. Beide Seiten profitieren also.
„Individuelle Förderung bedeutet, die Verschiedenheit der Schüler anzunehmen“, sagt Andreas Schleicher, der für die Industriestaaten-Organisation OECD die PISA-Studie verantwortet. Für ihn ist es das Erfolgsrezept gut arbeitender Schulen, dass sie das einzelne Kind in den Blick nehmen. Wie können Lehrer dies leisten, wenn sie womöglich Klassen mit 25 oder mehr Kindern zu unterrichten haben? „Guter Unterricht und individuelle Förderung sind auch in großen Gruppen möglich“, antwortet Schleicher. Tatsächlich ist das Gymnasium Bergkamen (wie auch die übrigen Gütesiegel-Schulen) nicht besser mit Lehrerstellen ausgestattet als vergleichbare Schulen im Land. Individuelle Förderung sei eine Frage der Organisation des Schulbetriebs, erklärt der Professor: „Ein radikales Umdenken ist erforderlich.“ Das nordrhein-westfälische Schulgesetz gibt den Schulen die dafür notwendigen Gestaltungsspielräume.
Wie das in der Praxis aussehen kann, macht Annett Koch-Thoma, Leiterin der – ebenfalls mit dem Gütesiegel ausgezeichneten – Hauptschule Aachen-Drimborn deutlich. Früher hätten sich die meisten Kollegen wie „Einzelkämpfer“gefühlt. Heute werde im Team gearbeitet, was den Einzelnen entlaste und individuelle Förderung ermögliche. Ein Beispiel: Der Fachunterricht des sechsten Jahrgangs läuft seit Kurzem parallel. Die drei Klassen haben also den gleichen Stundenplan. Ihre Lehrer stimmen sich eng ab. So weiß jeder, was der Kollege gerade unterrichtet – und kann ihn im Bedarfsfall bruchlos vertreten. Als weiteren Vorteil der Neuerung nennt die Rektorin: „Die Klassenverbände können aufgelöst werden.“ Je nach Förderbedarf Klassen sich neue Lerngruppen bilden.
Schon jedes I-Dötzchen ist anders (Foto: Alex Büttner)
10.30 Uhr. Deutsch steht auf dem Stundenplan. Die Kinder der sechsten Klassen wurden einer „blauen“, „gelben“ oder „grünen“ Gruppe zugeteilt. Die Türen stehen offen. In der „grünen“ Gruppe wird geübt, Texte richtig zu betonen, sich in Rollen hineinzuversetzen. Paarweise sitzen sich die Schüler gegenüber und lesen abwechselnd jeweils eine Szene aus einem Theaterstück. In der „gelben“ Gruppe nebenan geht es ums Leseverständnis. Zu dritt oder zu viert sitzen die Schüler beieinander und stellen sich gegenseitig Fragen zu einem zuvor gelesenen Text. Trotz der mehr als 20 Kinder in jedem Raum arbeiten sie konzentriert. Die Lehrer schreiten von Tisch zu Tisch und greifen nur gelegentlich ins Lerngeschehen ein, um zu korrigieren oder zu loben.
Mehr als Noten
Die individuelle Förderung in Aachen-Drimborn trägt bereits Früchte. Nur noch wenige Schüler müssen eine Klasse wiederholen. So unterschiedlich die Schüler sind, so verschieden sind die Ansätze der einzelnen Schulen bei der individuellen Förderung. Es gibt dabei nicht nur einen Weg.„Eltern können erkennen, ob ihr Kind individuell gefördert wird, wenn Lehrer nicht nur Noten verteilen, sondern überlegen, mit welchen Lernformen das Kind die Lernziele am besten erreicht“, erläutert Pisa-Forscher Schleicher. Um den Bedarf richtig einschätzen zu können, müssten die Pädagogen allerdings zunächst einmal die Stärken und Schwächen eines jeden Schülers ermitteln. Dies sei eine Grundvoraussetzung für individuelle Förderung.
In der Grundschule Günningfeld in Bochum, ebenfalls mit dem „Gütesiegel Individuelle Förderung“ ausgezeichnet, gehört die Bestandsaufnahme von der Einschulung an zum Programm. Die Lehrer dort untersuchen den Entwicklungsstand der frisch gebackenen Erstklässler spielerisch mit einem sogenannten „Stationenlauf“. In eigens eingerichteten Förderräumen springen die Fünf- und Sechsjährigen von Tisch zu Tisch, wo ihnen unterschiedliche Mal-, Zähl-, Sprech- oder Bewegungsaufgaben gestellt werden. Eine Schnitzeljagd, die den Lehrern eine Einordnung der Stärken und Schwächen ihrer neuen Schützlinge ermöglicht.
Hendrik erklärt jüngeren Schülern Chemie (Foto: Alex Büttner)
Zahlenverständnis gut, Feinmotorik verbesserungsfähig
An einem der Tische beugt sich ein Mädchen über einen Bogen Papier. Es soll einen Menschen zeichnen, was nicht so recht gelingen mag: Hände fehlen. Für die pädagogische Mitarbeiterin Margitta Hantel ein Hinweis darauf, dass es bei der Kleinen noch an der Fingerfertigkeit hapert. Am nächsten Tisch soll das Kind Bilder betrachten und auf Fragen antworten, die sein Verständnis für oben, unten, hinten und vorne ausloten, eine Grundlage fürs Rechnen. „Was liegt auf diesem Bild vor dem Bus?“, fragt die Fachfrau für Diagnostik. Klar, der Ball. Alles in Ordnung. Schließlich kommt das Pädagogen-Team zu dem Ergebnis: Zahlenverständnis gut entwickelt, Feinmotorik verbesserungsfähig. Das Mädchen wird in nächster Zeit mit Knete seine Fingerfertigkeit trainieren und mit vergleichsweise anspruchsvollen Rechenaufgaben seine Fähigkeiten im mathematischen Bereich entwickeln können - dies sieht der Förderplan vor, den Margitta Hantel und die zuständige Klassenlehrerin später ausarbeiten. Jeder Schüler der Grundschule Günningfeld bekommt einen solchen, auf seine speziellen Bedürfnisse ausgerichteten Förderplan, und der wird dann nach einem halben Schuljahr fortgeschrieben.
Die Schwächen und Stärken der Schüler feststellen, den Unterricht neu organisieren – was braucht es noch, um Kinder individuell fördern zu können? Vor allem eines, sagt Experte Schleicher: die Erkenntnis nämlich, dass „auch scheinbar normale Schüler außergewöhnliche Fähigkeiten haben“. Man müsse diese nur entdecken.
Wie bei Hendrik, der gerade seinen ersten Auftritt als „Chemie-Lehrer“ zu meistern hatte. Experiment gelungen, Selbstbewusstsein getankt – der 13-Jährige strahlt wie ein Zauberkünstler nach gelungenem Auftritt. Das Interesse am Fach lässt ihn auch nach dem Unterricht nicht los: In der Pause steht er mit seinen Freunden zusammen und diskutiert. Worüber? Eine neue Chemie- Aufgabe natürlich.
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