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Bildung für alle Kinder ist Deutschlands Zukunft

Interview mit Erol Çelik, Sprecher des Elternnetzwerks NRW. Integration miteinander

Von Susanne Schnabel

Vor zehn Jahren wurde der Grundstein für das Elternnetzwerk NRW, einem Zusammenschluss von Vereinen und Institutionen, gelegt. Seitdem engagieren sich Politiker und Vertreter der Elternvereine für die Verbesserung der Bildungschancen von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund. Wir sprachen mit dem Sprecher Erol Çelik über erreichte Ziele und weitere Wünsche.

Herr Çelik, welches sind die Hauptprobleme für Eltern mit Zuwanderungsgeschichte?

Foto: Erol Celik, Sprecher des Elternnetzwerks NRW. Erol Celik, Sprecher des Elternnetzwerks NRW.

Eins vorweg: Alle Eltern sind interessiert an dem Bildungsweg ihrer Kinder. Das steht außer Frage! Aber in südländischen Bereichen gibt es diese enge Zusammenarbeit mit Schule und Klassenlehrer nicht. In Deutschland können Eltern mitarbeiten, mitreden und das ist vielen nicht bewusst. Selbst Eltern, die gut deutsch sprechen, haben Angst sich zu beteiligen bei Elternversammlungen oder Elternabenden. Das liegt daran, dass sie immer nur angesprochen werden, wenn ihr Kind negativ aufgefallen ist. Positives wird selten oder gar nicht besprochen. Das frustriert. Lehrer könnten Ängste abbauen und die Zusammenarbeit fördern, wenn sie über die Entwicklung des Kindes informieren würden. Ein weiteres Problem ist, dass wir immer noch einen sehr hohen Anteil von Kindern haben, die Förder- oder Hauptschule besuchen. Dadurch sind die Zukunftschancen dieser Kinder sehr erschwert. In diesem Bereich muss dringend etwas getan werden.

Was möchten Sie bei den Eltern erreichen?

Wir versuchen den Eltern beizubringen, wie sie in Kontakt treten können mit Lehrern. Es ist wichtig, dass sie immer wieder den Dialog suchen und die Zusammenarbeit im Sinne der Entwicklung des Kindes fördern. Das sollte im Vordergrund bleiben - nicht die Interessen der Eltern und auch nicht die die Interessen der Schule. Sie haben im April das mittlerweile 28. Elternseminar angeboten. Welche Themen sind besonders gefragt? Wir haben ein sehr breites Themenspektrum. Die Eltern sind besonders interessiert an Bildungsfragen, Erziehung und Gesundheit. Zudem sprechen sie immer wieder über den muttersprachlichen Unterricht. Jetzt aktuell ist auch das Thema islamischer Religionsunterricht. Die Seminarteilnehmer diskutieren rege über das Förderschulsystem und die Möglichkeit der Elternmitwirkung. Eltern mit Zuwanderungsgeschichte nehmen seltener für ihre Kleinkinder das Angebot der Kindertagesbetreuung in Anspruch als Eltern ohne Migrationshintergrund.

Foto: Eltern interessieren sich für Bildungsfragen, Erziehung und Gesundheit. Eltern interessieren sich für Bildungsfragen, Erziehung und Gesundheit.

Wie wichtig ist der Besuch einer Kita für eine spätere Integration in der Schule?

Sehr wichtig! Wir haben in NRW eine kleine Bildungslücke. Das Bildungssystem fängt erst in der Grundschule an. Man sollte die Kindertagesstätten dazu nehmen. Kinder sollten mindestens ein, zwei Jahre in den Kindergarten gehen. Das ist eine Vorbereitung auf eine erfolgreiche Schulbildung. Großeltern türkischstämmiger Familien verbringen den Winter in Deutschland, möchten den Tag mit ihren Enkelkindern verbringen und schicken die Kinder nicht in die Kita. Hier müssen wir einen Weg finden. Es hat uns sehr gefreut, dass die neue Landesregierung das letzte Kindergartenjahr kostenfrei zur Verfügung stellen möchte. Gerade für sozial schwache Familien ist das wichtig. Die Föderation türkischer Elternvereine in NRW bietet Workshops für Eltern an. In der Elternakademie werden türkischstämmige Eltern ausgebildet.

Wäre eine solches Angebot auch für Familien anderer Migrationsgruppen notwendig?

Die Föderation türkischer Elternvereine hat kürzlich beschlossen, die Türen für andere Nationalitäten zu öffnen. Spanier und Russen haben bereits ähnliche Projekte. Es ist wichtig sich auszutauschen, zu unterstützen und von den Erfahrungen der anderen zu profitieren. Wir Migranten haben fast immer die gleichen Probleme, ob Italiener, Spanier oder Türken. Der einzige Unterschied ist die Religion. An der Elternakademie wurden bisher 150 Personen ausgebildet, die jetzt als Multiplikatoren in den Elternvereinen andere Familien unterstützen. Das macht Sinn für alle Nationalitäten. Vor zehn Jahren entstand die Idee zum Elternnetzwerk.

Welche Bilanz ziehen Sie für die Arbeit des Vereins?

Foto: Die Seminarteilnehmer diskutieren rege über das Förderschulsystem und die Möglichkeit der Elternmitwirkung. (Fotos: Sinan Yaman | Yaman Communications) Die Seminarteilnehmer diskutieren rege über das Förderschulsystem und die Möglichkeit der Elternmitwirkung. (Fotos: Sinan Yaman | Yaman Communications)

Nach der PISA-Studie im Jahr 2001 gab es ein großes Erdbeben im Bildungssystem. Der damalige Integrationsbeauftrage hat die Zusammenarbeit mit den Elternvereinen gesucht. Nach ersten Gesprächen kamen wir schnell auf einen Nenner. 2002 wurde der erste Elternkongress in Essen durchgeführt mit einer Beteiligung von 1.500 Personen. Das Interesse war riesig und schnell wurde beschlossen, die Organisationen landesweit zu vernetzen. Wir sind noch lange nicht am Ziel, aber wir haben erreicht, dass das Elternnetzwerk und die Föderation türkischer Elternvereine als Elternverbände beim Schulministerium anerkannt sind. Das heißt, wir bekommen Informationen über Schulgesetzänderungen oder neue Richtlinien, haben Ansprechpartner in Ministerien und können über kurze Wege unsere Probleme ansprechen. Wir fühlen uns ernst genommen und respektiert. Die Eltern haben sich zum Beispiel sehr gefreut, als sich kürzlich bei einer Veranstaltung Schulministerin Sylvia Löhrmann ihren Fragen gestellt hat.

Was ist ihr größter Wunsch für Migrationsfamilien?

Ich wünsche mir, dass es keine Aussortierung von Kindern mit Zuwanderungsgeschichte gibt. Das sind Kinder, die hier in Deutschland geboren wurden, die hier zum Kindergarten und in die Schule gehen, die studieren oder eine Ausbildung machen. Jedes Kind hat seine Fähigkeiten. Entsprechend müssen sie gefördert werden. Auch sie sind die Zukunft von Deutschland. Wir sollten keine Unterschiede machen zwischen Migrantenkinder und einheimischen Kindern, sondern alle gleich behandeln. Erst dann können wir von einer Chancengleichheit im Bildungssystem sprechen. Davon profitiert Deutschland, die Familien, die ganze Gesellschaft.

 

Elternnetzwerk NRW. Integration miteinander Unter der Schirmherrschaft des Integrationsbeauftragten der Landesregierung NRW wurde im März 2007 ein landesweiter Zusammenschluss von Elternvereinen Zugewanderter gegründet. Im „Elternetzwerk NRW - Integration miteinander“ setzen sich Eltern mit Zuwanderungsgeschichte gemeinsam für die Verbesserung der Bildungserfolge ihrer Kinder ein. Die Diskussion aktueller Themen steht im Vordergrund. Die gemeinsame Weiterqualifizierung und die gegenseitige organisatorische und inhaltliche Unterstützung der Eltern und ihrer Vereine sind ebenfalls wichtige Elemente der Zusammenarbeit. Die Elternvereine übernehmen eine aktive Vermittlerrolle zwischen Bildungsinstitutionen und Eltern. Schirmherrin: Zülfiye Kaykın, die Staatssekretärin für Integration beim Minister für Arbeit, Integration und Soziales des Landes NRW.

 

Weiterführende Informationen finden Sie hier:

Elternnetzwerk NRW. Integration miteinander: www.elternnetzwerk-nrw.de  Homepage des Netzwerks

Integration in Nordrhein-Westfalen: www.integration.nrw.de  Positionen und Konzepte des Landtages und der Landesregierung

 

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