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Und nach dem Unterricht auf die Lerninsel...

Für Hans-Georg Rinke ist individuelle Förderung nur möglich, wenn Lehrer „den Schalter umlegen“. „Um Kinder und Jugendliche kompetenzorientiert zu fördern, müssen wir einen Perspektivenwechsel vollziehen und uns nicht mehr nur fragen: „Was will oder muss ich vermitteln? Sondern vor allem auch: Was brauchen meine Schüler?“, so der Schulleiter der Schiller-Schule in Bochum.

von Martina Peters

Foto: Mathe-Lerninsel: In kleinen Lerngruppen wird ein konkretes Themengebiet vertieft. (Foto: Silke Kirchhoff) Mathe-Lerninsel: In kleinen Lerngruppen wird ein konkretes Themengebiet vertieft. (Foto: Silke Kirchhoff)

Das besondere am Ruhrgebiets-Gymnasium: die „Lerninseln“, also Zusatzangebote, die sowohl der Förderung besonders begabter als auch lernschwächerer Schülerinnen und Schüler dienen. „Wir haben das freiwillige und kostenlose Projekt Lerninseln zu Beginn des Schuljahrs 2007/2008 gestartet, um bei den Schülern individuelle Schwächen in einzelnen Fächern auszugleichen und fächerübergreifende Kompetenzen zu stärken“, sagt Schulleiter Rinke. Lehramtsstudierende der Ruhruni Bochum, Referendare und besonders leistungsstarke Schülerinnen und Schüler kümmern sich – zusätzlich zu den Lehrerinnen und Lehrern der Schule – um die förderbedürftigen Kinder und Jugendlichen. In einem fest abgesteckten Rahmen von sechs Wochen wiederholen und vertiefen die kleinen Lerngruppen ein konkretes Themengebiet.

„Schule ist das, was wir daraus machen“

Die Lerninseln sind aber nur ein Baustein der individuellen Förderung der Schule in dem altehrwürdigen Backsteinbau. Zu den weiteren Elementen des Konzepts gehört zum Beispiel auch die intensive Begleitung der Sextaner. In der Erprobungsstufe begleiten die Lehrkräfte der Stufen 5 und 6 in acht Klassenkonferenzen die individuelle Entwicklung der Schülerinnen und Schüler. Bei der so genannten Schiller-Olympiade werden zudem spielerisch Anfangsschwierigkeiten und Stärken ermittelt, um gezielt fördern und fordern zu können. Weiterhin gehören die Hochbegabten-Förderung, ein Angebot für Versetzungsgefährdete, Angebote zur Erweiterung der Methodenkompetenz, Förderunterricht und ein „Anti-Mobbing“-Team zum Förderkonzept des Gymnasiums.

Mit Methoden...

Foto: Schülern stehen unterschiedliche Lerninseln zur Auswahl. (Foto: Silke Kirchhoff) Schülern stehen unterschiedliche Lerninseln zur Auswahl. (Foto: Silke Kirchhoff)

Eine der vorgeschriebenen Ergänzungsstunden nutzt die Schule zum Methodenlernen, angebunden an das Fach Geschichte. Mittelstufenkoordinatorin Andrea Fischer hat mit Kollegen ein Methodenkonzept erarbeitet, das alle Schülerinnen und Schüler bis zum Ende der 9. Klasse auf einen Stand bringt, was kooperatives Lernen, Drehtür-Lernen, Referate erstellen, Lerntagebücher schreiben, Textmarkierung und -exzerption, Lernplakaterstellung, Galeriegang und ähnliches angeht. Auf diesen Stand können alle Lehrer der nachfolgenden Klassen aufbauen - eine wichtige Voraussetzung für individuelle Förderung im Fachunterricht.

...und Vorlieben lernen

Foto: Förderstunde Mathematik in Klasse 9. (Foto: Silke Kirchhoff) Förderstunde Mathematik in Klasse 9. (Foto: Silke Kirchhoff)

Bei der Binnendifferenzierung gehen die Lehrer möglichst auf individuelle Kompetenzen, Vorlieben, Stärken und Schwächen ein. „Wir versuchen, den Unterrichtsstoff den Interessen der Schüler anzupassen“, erklärt Matthias Wysocki, Lehrer für Englisch und Geschichte sowie Ansprechpartner für besondere Begabungen. Er vergibt häufig zum selben Thema in Geschichte ganz verschiedene Aufgaben – je nach Vorlieben der Schüler: „Während sich die einen zum Beispiel zum Thema Drittes Reich mit historischen Zeitungen beschäftigen, recherchieren die anderen zur Geschichte der Schiller-Schule während dieser Zeit.“ Außerdem erhalten die Klassen 8 und 9 im Klassenverband eine Ergänzungsstunde pro Woche zur individuellen Förderung, die Klasse 5 eine Stunde „Lernen lernen“ pro Woche, die Klassen 6 und 7 grundlegende Kompetenzen der Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationstechnik.

„Nur wer seine Umwelt mitgestalten kann, fühlt sich auch in ihr wohl“ (aus der Schulbroschüre)

Foto: Schulleiter Rinke will individuelle Schwächen seiner Schüler ausgleichen. (Foto: Silke Kirchhoff) Schulleiter Rinke will individuelle Schwächen seiner Schüler ausgleichen. (Foto: Silke Kirchhoff)

Auch das gute und engagierte Kollegium trägt zur optimalen Umsetzung der individuellen Förderung an der Schule bei. „Alle arbeiten bei uns viel im Team, das fördert den Ideenaustausch und wirkt oft arbeitserleichternd. Ideen der Lehrer versuche ich umzusetzen, wo immer es möglich ist. Wir achten außerdem darauf, die vielen unterschiedlichen Ressourcen und Kompetenzen unseres 56-köpfigen Kollegiums richtig und zum Wohle der Schüler einzusetzen“, so Rinke. Und damit sich die Lehrkräfte in ihren größeren Pausen ungestört zurückziehen können, ist im vergangenen Jahr ein Lehrer-Rückzugszentrum im Dachgeschoss der Schule erstellt worden. In einem Raum befinden sich drei vollausgestattete Internet-Arbeitsplätze und zwei Tischgruppen für kleinere Besprechungen und Konferenzen. Der zweite Raum dient ausschließlich der Entspannung und bietet ausreichend Platz zum Musikhören, zu Gesprächen oder einfach zum Ausruhen.

Schule mit Herz

Hans-Georg Rinke sieht das Förder-Konzept seiner Schule aufgehen. „Unter den diesjährigen Abiturienten gab es nicht einen, der nicht wusste, was er nach dem Abi machen will – das ist schon ein echter Erfolg für die Qualität einer Schule. Und ein guter Gradmesser dafür, dass wir mit unserem BeSt-Programm die individuelle Förderung auch im Bereich der Berufs- und Studienwahl-Orientierung anscheinend richtig angehen“, so Rinke lächelnd. Die Schiller-Schule ist vielen Bochumer Bürgern als die Schule "hinter dem Löwen" bekannt, dem umstrittenen Denkmal an der Königsallee, das an den Ersten Weltkrieg erinnern soll. Hans-Georg Rinke charakterisiert „seine“ Schule lieber so: „Ich sage immer, wir wollen eine Schule mit Herz sein, in der man viel lernen kann“.

 

Dieses Interview ist der fünfte Teil des Themenschwerpunkts "Individuelle Förderung" : Sechs Wochen lang finden Sie jede Woche auf der Startseite einen neuen Beitrag zum Thema Individuelle Förderung; darunter Portraits von Schulen, Experteninterviews sowie praktische Informationen für Lehrkräfte.

Erster Teil : Interview mit Prof. Dr. Andreas Helmke "Bei der Individualisierung kommt es auf eine gute Balance an.".

Zweiter Teil : Portrait des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Pulheim: "Förderideen mit Köpfchen.".

Dritter Teil : Interview mit Alois Brinkkötter, Schulleiter der Fritz-Winter-Gesamtschule in Münster "Wir dürfen unseren Schülern etwas zutrauen.".

Vierter Teil : Interview mit Prof. Dr. Stephan Hußmann "Sich in den Schüler hineindenken..."

Fünfter Teil: Portrait der Schiller-Schule in Bochum "Und nach dem Unterricht auf die Lerninsel..."

Sechster Teil: Übersicht "Fortbildungen zu Individueller Förderung"

Weitere Informationen des Schulministeriums zum Thema Individuelle Förderung finden Sie unter www.chancen-nrw.de

 

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