Neben Kernfächern auch Schlüssel- und Methodenkompetenzen vermitteln und die Schüler ermutigen, sich gegenseitig beim Lernen zu unterstützen – so funktioniert individuelle Förderung am Franz-Stock-Gymnasium in Arnsberg. Die Schule bietet darüber hinaus vielfältige Förderangebote vom bilingualen Zweig und Modulen im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich über Werkstatt-Kurse in Sport, Musik und Kunst bis hin zu so genannten Neigungsgruppen, in denen sich die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel mit Flugzeugmodellbau beschäftigen können. Vor kurzem wurde das Gymnasium mit dem Gütesiegel Individuelle Förderung ausgezeichnet.
Von Christina Lüdeke
Der Austausch zwischen stärkeren und schwächeren Schülern im Unterricht ist gewollt und wird bewusst gefördert.
Bei den Fünftklässlern von Ingrid Urban laufen die Köpfe heiß. Die Mathelehrerin hat eine Knobelaufgabe gestellt. Es geht um die Eigenschaften von Primzahlen, verpackt in ein Rätsel mit Häftlingen, Wärtern und Zellentüren. „Ich weiß, der Gefangene aus Zelle 3 darf raus", meldet sich ein Schüler. „Das ist richtig, aber welcher noch?", fragt Ingrid Urban zurück. Banknachbarn beraten sich halblaut, erklären sich gegenseitig ihre Ideen und Lösungsansätze. „Das ist gewollt", erklärt Schulleiter Dr. Heinrich Blana. Sich gegenseitig beim Lernen helfen – dieses Prinzip findet man immer wieder am Franz-Stock-Gymnasium.
„Gerade die innere Differenzierung im Unterricht ist für uns die größte Herausforderung, weil dies ein neues Zeit- und Unterrichtsmanagement erfordert", sagt Blana. Eine Hilfe dabei sei der intensive Austausch in den Fachschaften, auch bei Arbeitsmaterialien. „Oft schlummern bei einzelnen Kollegen wahre Schätze."
Zeit für Festigung und Wiederholung
Besonders seit der Einführung des gebundenen Ganztags an der Schule im Jahr 2009 kommt diesen Fachschaftsgremien eine besondere Verantwortung zu, so Blana. Während für die Kernfächer feste Lernzeiten im Stundenplan stehen, müsse Zeit für Festigung, Wiederholung und Kontrolle in den Nebenfächern eingeplant werden. Erleichtert werde dies durch das Doppelstunden-Prinzip, das die Schule zusammen mit dem gebunden Ganztag eingeführt hat. In den Klassenstufen fünf bis sieben gibt es außerdem feste Einheiten, in den Methodenkompetenz, Kommunikationsfähigkeit und das Arbeiten im Team trainiert werden. Auf die hier erworbenen Fähigkeiten können dann alle Fachlehrer zurückgreifen.
Um dabei immer der Entwicklung des einzelnen Kindes gerecht werden zu können, wird am Franz-Stock-Gymnasium individuelles Lernen intensiv dokumentiert. Schon mit der Aufnahme einer Schülerin oder eines Schülers werden die wichtigsten Eckdaten aus der Grundschul-Beurteilung und der Erprobungsstufen-Konferenz mit den Grundschullehrern erfasst. Dabei geht es nicht allein um Leistung: Auch die besondere häusliche Situation und das Sozialverhalten werden berücksichtigt. Dank der schuleigenen Internet-Plattform haben alle Lehrerinnen und Lehrer auf diese Daten Zugriff – selbstverständlich nur mit persönlichem Passwort. Nach und nach werden diese Daten durch neue Beobachtungen ergänzt. So entsteht für jedes Kind ein persönliches Lern- und Entwicklungsprofil.
"Unsere Nahrung, unser Essen" heißt das Kochprojekt für Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen fünf bis neun, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen.
Besonderes Augenmerk auf hochbegabte Kinder
„Durch den intensiven Austausch mit den Grundschulen sind wir schon vorab informiert, wenn besondere Probleme vorliegen", erklärt Erprobungsstufen-Koordinatorin Ingrid Urban. Ein besonderes Augenmerk legt die Schule dabei auf hochbegabte Kinder, bei denen Schwierigkeiten auftreten. Eine Beratungsgruppe trifft sich regelmäßig, um hier zu individuellen Lösungen zu kommen. „Wir hatten schon hochbegabte Under-Achiever, Autisten oder Schüler mit Asperger-Syndrom", berichtet Beratungslehrerin Renate Tewes, die neben ihrer Tätigkeit als Mathe- und Biologielehrerin am Franz-Stock-Gymnasium unter anderem auch als fachliche Beraterin für besondere Begabung im Regierungsbezirk Arnsberg tätig ist. „Wichtig ist vor allem, im sozialen Gefüge Verständnis aufzubauen", so Tewes. Die weiteren Lösungsansätze können dann ganz unterschiedlich sein: Von Hilfestellungen für den Einzelnen, um im Unterricht zurecht zu kommen, bis hin zu Neigungsangeboten außerhalb der Pflichtstunden: Die Angebote sind am Franz-Stock-Gymnasium breit gefächert. So können die Schülerinnen und Schüler der Unterstufe in den Bereichen Sport, Musik und Kunst zwischen verschiedenen Werkstatt-Kursen wählen – vom Streicherunterricht über Mountainbiken bis Tanz. Hier erleben sie eigene Stärken oder entdecken vielleicht auch ganz neue Fähigkeiten. Im bilingualen Zweig oder in den Naturwissenschaften werden andere Begabungen gefördert.
Die "Neigungsgruppe Modellbau" des Franz-Stock-Gymnasiums präsentierte beim Schulfest ihre Flugmodelle.
Bei Leistungsschwächen kann über ein festes Schüler-helfen-Schülern-Netzwerk auch Einzelunterstützung angeboten werden. „Das ist ein fest etabliertes System, das in Zusammenarbeit mit der SV organisiert wird", erklärt Blana. „Meistens treffen sich die Lernteams in der Schule. Sie können hier die Räumlichkeiten nutzen." Weitere Unterstützung gibt es durch eine Schulsozialarbeiterin und das Team des Auszeit-Raums. Durch eine intensive Netzwerk-Arbeit der Schule, unter anderem mit dem Schulpsychologischen Dienst, dem Jugendamt, einem Familienzentrum und verschiedenen Ärzten, stehen weitere Hilfsangebote zur Verfügung.
Netzwerke sind wichtig
Überhaupt spielt das „Netzwerken" am Franz-Stock-Gymnasium eine ganz wesentliche Rolle. So ist die Schule aktives Mitglied im Netzwerk der MINT EC-Schulen, einem Verbund von Schulen mit besonderer Förderung im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich. Ein reger Austausch besteht auch mit anderen Schulen, die ebenfalls einen gebunden Ganztagsunterricht anbieten. „Und wir sind lokal sehr stark eingebunden", erklärt Schulleiter Blana. Unter dem Titel „Bildungsstadt Arnsberg" treffen sich beispielsweise regelmäßig Vertreter aller Schulformen.
Die Berufswahl-Orientierung spielt am Franz-Stock-Gymnasium eine wichtige Rolle.
Auch Kontakte zur regionalen Wirtschaft werden gepflegt. „Das Thema Berufswahlorientierung steht bei Gymnasien oft nicht so im Vordergrund", meint der Schulleiter. „Bei uns hat das aber schon Historie." Durch ein mehrstufiges onlinebasiertes Kompetenzfeststellungsverfahren, das über die Stiftung Partner für Schule bereitgestellt und durch RWE Deutschland und die Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen finanziert wurde, können die Schülerinnen und Schüler erfahren, wo ihre Neigungen und Stärken liegen. „Vor kurzem wurden wir auch mit dem Berufswahl-Siegel ausgezeichnet", freut sich Blana. „Als einziges Gymnasium in unserer Region."
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