Von Marc Raschke
Schon auf den Fotos im Kindergarten war Marius M.* im Vergleich zu seinen Altersgenossen auffallend klein. Damals hatte man seiner Mutter Christine M.* gesagt, dass sich der Größenunterschied mit der Zeit gebe. Doch als Marius in die Pubertät kam, zogen seine Klassenkameraden in Sachen Körpergröße davon. Mutter Christine machte sich große Sorgen, weil Marius sehr darunter litt, der Kleinste in der Klasse zu sein. Mädchen beachteten ihn kaum, Lehrer schienen ihn weniger ernst zu nehmen. Dann die Diagnose des Arztes: Marius ist kleinwüchsig.
Fälle wie diese kennt Dr. Burkhard Herrmann. Der Bochumer Hormonspezialist weiß jedoch auch, dass sich viele Eltern unnötig Sorgen um ihr Kind machen. „In über 95 Prozent der Fälle sind Wachstumsstörungen einfach familiär bedingt, auch bereits Mutter und Vater sind im Schnitt eher kleiner“, sagt Hermann. Verzögerungen in der Pubertät würden Kinder meist aufholen, gerade die Jungs. Denn Mädchen kämen ungefähr anderthalb bis zwei Jahre eher in die Pubertät als Jungen. „Deswegen wachsen bei Mädchen die Knochen in dieser Zeit auch schneller, so dass sie kurzfristig im Schnitt etwas größer sind.“
97 Prozent aller Kinder sind nicht kleinwüchsig (Foto: Konstantin Kirillov / istockphoto)
Zum Arzt gehen sollten dagegen Eltern, deren Kinder schon von vornherein in der Grundschule zu den Kleineren gehörten, empfiehlt der Experte. Doch wie sollen Eltern entscheiden, ob das tatsächlich auf ihr Kind zutrifft? Objektive Maßstäbe hierfür bieten so genannte Perzentile, also Prozentangaben in Wachstumskurven, erläutert Dr. Herrmann. „Wenn ein Kind unterhalb der 3. Perzentile liegt, bedeutet das per Definition Minderwuchs. Perzentile kennt jede Mutter, denn sie stehen im Mutterpass.“ 97 Prozent aller Kinder liegen über der 3. Perzentile und sind somit statistisch gesehen nicht kleinwüchsig.
Wachstumshormone zahlt die Krankenkasse
Es gibt viele Gründe für Kleinwuchs. Einer davon nennt sich KEV: Konstitutionelle Entwicklungsverzögerung. Ein Kind erreicht dann erst mit 19 Jahren ein Entwicklungsstadium, das andere bereits mit 16 Jahren haben. Ein zweiter Grund können Drüsenstörungen sein, zum Beispiel der sogenannten Hirnanhangsdrüse, die das Wachstumshormon ausschüttet. Bei einigen Kindern produziert diese Drüse eine verminderte Menge der Wachstumshormone. Betroffenen Kindern kann ein Hormonspezialist, auch Endokrinologe genannt, Hormone spritzen. „Das ist seit über 20 Jahren möglich“, erklärt Dr. Herrmann. „Diese Wachstumshormone werden jeden Abend injiziert – ähnlich wie Insulin. Die Krankenkasse bezahlt sie.“ Die Hormone könnten am Anfang einige Nebenwirkungen haben, die jedoch nach gut drei Monaten wieder zurückgingen. „Man darf die Hormone nur einsetzen bei einem organisch bedingten, also Hirnanhangsdrüsen bedingten Kleinwuchs“, stellt Herrmann klar. „Wenn das Kind einfach nur ein wenig kleiner ist, darf es keine Wachstumshormone bekommen.“
Schilddrüsenstörung kann Entwicklung eines Kindes beeinträchtigen
Ein dritter möglicher Grund für Entwicklungsverzögerungen liegt im Hals unterhalb des Kehlkopfes, in der Schilddrüse. Wenn sie zu wenig Schilddrüsenhormon bildet, hat das fatale Folgen. Dieses Hormon ist nämlich nicht nur für die Entwicklung des Gehirns, sondern auch für das körperliche Wachstum nötig. Deshalb fordert die Vorsitzende vom Schilddrüsenbundesverband „Die Schmetterlinge e.V.“, Kirsten Wosniack, nachdrücklich, dass Eltern nach der Geburt ihres Kindes darauf achten sollten, dass der Arzt oder die Hebamme das Neugeborenen-Screening durchführen. „Schäden, die in der Frühphase entstehen, sind später leider nicht mehr zu korrigieren. Sie bleiben ein Leben lang bestehen“, erklärt Wosniack. Das Neugeborenen-Screening zeige, ob die Schilddrüse richtig funktioniert. Dafür werden dem Säugling zwei, drei Tage nach der Geburt wenige Blutstropfen aus der Vene oder der Ferse genommen. „Bei einer ambulanten Geburt kann das Neugeborenen-Screening auch schon einmal vergessen werden“, sagt Wosniack. Sollte bei der Blutuntersuchung eine Unterfunktion der Schilddrüse festgestellt werden, beginnt der Arzt beim Baby umgehend mit einer medikamentösen Therapie. Der Stoffwechsel des Neugeborenen muss innerhalb der ersten 14 Lebenstage normalisiert werden, damit eine normale Entwicklung möglich wird.
* Name abgeändert
Weitere Informationen unter: http://www.kindergynaekologie.de/html/kora41.html oder http://www.sd-bv.de/home.php
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