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Mobilitätsbildung: Mehr Rücksicht im Straßenverkehr

Wo Straßen voll und Parkplätze knapp sind, bleibt die Rücksicht vielfach auf der Strecke. Besonders betroffen von der zunehmenden Hektik im Verkehr sind Kinder und Jugendliche. Prof. Dr. Maria Limbourg forscht über Verkehrspädagogik und Verkehrspsychologie an der Universität Essen. Im Interview erklärt sie, warum es so wichtig ist, neben Lehrerinnen und Lehrern auch Eltern verstärkt in die Verkehrserziehung einzubeziehen.

Von Arnd Zickgraf

Foto: Prof. Dr. Maria Limbourg Prof. Dr. Maria Limbourg

Autofahrer, die durch Wohngebiete rasen und an Zebrastreifen nicht halten, wenn dort Kinder warten, Fahrradfahrer, die Verkehrsregeln missachten - müssen wir uns um unsere Kinder im Straßenverkehr Sorgen machen?

Maria Limbourg: Das hängt davon ab, wo sich die Menschen im Verkehr bewegen. In städtischen Gebieten wird im Straßenverkehr tatsächlich nicht sehr rücksichtsvoll gehandelt. Die Ursache: Es gibt immer mehr Autos, Parkplätze werden knapp, und viele Autofahrer stehen immer wieder im Stau. Viele sind verärgert darüber, dass sie unentwegt zur Arbeit hetzen müssen. Frust sammelt sich an. Und dann nimmt die Bereitschaft ab, sich sozial zu verhalten. Ein Beispiel: Ich habe mit meinen Studentinnen und Studenten jüngst Schulwege in Essen untersucht und dabei beobachtet, wie sich Autofahrer gegenüber Kindern verhalten, die eine Straße überqueren wollen. Uns fiel ein Autofahrer auf, der einen Parkplatz suchte. Er fuhr insgesamt zehnmal an unserem Beobachtungsposten vorbei. Bei den ersten beiden Malen, ließ er die wartenden Kinder noch über die Straße gehen. Doch je öfter er uns passierte, umso weniger sozial wurde sein Verhalten. Er war gefrustet, keinen Parkplatz zu finden, und das hat sein Sozialverhalten stark verändert.

Welches Vorbild geben Eltern im Verkehr ab?

Limbourg:Verkehrsbezogene Verhaltensweisen, die in einer Familie vorherrschen, beeinflussen erwiesenermaßen das Risikoverhalten im Jugendalter. Verkehrsexperten haben den Einfluss des elterlichen Fahrstils auf das Fahrverhalten und Unfallrisiko ihrer Kinder im Alter von 18 und 21 Jahren untersucht. Das Ergebnis war eindeutig: Je häufiger die Eltern in Unfälle verwickelt waren, desto öfter verunglückten auch ihre Kinder. Hatten die Eltern drei oder mehr Unfälle in ihrem Leben, lag die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Kinder an einem Unfall beteiligt waren, um 22 Prozent höher als für Kinder, deren Eltern bislang unfallfrei gefahren waren.
Wenn sich Eltern im Straßenverkehr hingegen regelkonform verhalten und die Fahrweise ihrer Kinder im Auge behalten, dann verringert sich deren Unfallrisiko. Je mehr Eltern die Verletzung von Regeln und riskantes Fahrverhalten missbilligen, desto kritischer bewerten Jugendliche ihren eigenen Fahrstil.

Foto: Foto: Alex Büttner Foto: Alex Büttner

Aus Sorge vor Gefahren auf dem Schulweg bringen viele Mütter und Väter ihren Nachwuchs mit dem Auto zur Schule. Mit der Folge, dass die Straßen auch vor der Schule dicht sind: es gibt neue Gefahrenquellen. Wie wäre Abhilfe zu schaffen?

Limbourg:Wir empfehlen, Kinder im „Walking Bus“, also in Abholketten, den Weg zur Schule bewältigen zu lassen. Das Kind, das am weitesten von der Schule entfernt wohnt, holt dasjenige ab, das in seiner Nähe wohnt – und so weiter, bis sich eine Gruppe bildet. Für Autofahrer ist ein Pulk von Kindern besser zu erkennen, als ein einzelnes Kind, das zwischen geparkten Autos steht und plötzlich auf die Straße tritt. Günstig ist, wenn sich Eltern finden, deren Kinder einen ähnlichen Schulweg haben. Zu Beginn sollten immer zwei Eltern den Walking Bus begleiten. Wenn sich Grundschulkinder schon auf dem Schulweg über ihre Erlebnisse ausgetauscht haben, sind sie in der Schule ruhiger. Fußgänger-Busse sind sehr erfolgreich.

Was muss die Mobilitätsbildung heute leisten?

Limbourg: Mobilitätsbildung schließt die Erziehung zur Sicherheit, Gesundheit, Umweltbewusstsein und sozialem Verhalten von Kindern und Jugendlichen ein. Und zwar über alle Schulstufen hinweg. Allerdings legen Pädagoginnen und Pädagogen in der Regel einen zu großen Akzent auf die Sicherheit. Zu kurz kommt dabei die Sozialerziehung. Dabei ist es sinnvoll, sich auch im Verkehr sozial zu verhalten, sich in andere hineinzuversetzen, das Verhalten anderer vorherzusehen und hilfsbereit zu sein. Der Verkehr ist ein reales und wichtiges Übungsfeld, um soziale Fähigkeiten zu erwerben. So ereignen sich beispielsweise viele Unfälle an Kreuzungen, weil rechts abbiegende LKW-Fahrer Fahrradfahrer durch den toten Winkel nicht wahrnehmen können. Die Sozialerziehung bestünde in diesem Fall darin, Kinder in die Rolle von LKW-Fahrern zu versetzen und ihnen durch Beispiele den toten Winkel im Führerstand zu demonstrieren. Sie erfahren wie überlebenswichtig es ist, dass Autofahrer und Fußgänger rücksichtsvoll miteinander umgehen.  


Prof. Dr. Maria Limbourg geboren 1945, studierte Pädagogik- und Psychologie an den Universitäten Buenos Aires und Düsseldorf. Im Jahr 1979 habilitierte sie sich für das Fach Psychologie mit einem verkehrspädagogischen Thema – Grundlage für das bundesweite Programm "Kind und Verkehr" des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR). Limbourg forscht über Verkehrspädagogik und Verkehrspsychologie an der Universität Essen als Universitätsprofessorin für Erziehungswissenschaft im Ruhestand. 


 

Weitere Informationen im Internet:

Prof. Dr. Maria Limbourg bei der Universität Duisburg-Essen
http://www.uni-due.de/~qpd402/index-ml-neu.html

Deutscher Verkehrssicherheitsrat
http://www.dvr.de/

Die Internetplattform www.jungesfahren.de informiert über verkehrsbezogene Fortbildungsangebote für Jugendliche.
http://www.jungesfahren.de/

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