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Das eigene Kind – ein fremdes Wesen

Voß (Foto: Andreas Bretz)

Eine kurze Anleitung für Eltern, die Nerven zu behalten: Gastautor Jens Voß zur „Schulschreckenszeit“ Pubertät.

Es gibt ein Interview mit dem Schauspieler Diether Krebs, in dem er über seine Versuche berichtet, seinen pubertierenden Kindern ins Gewissen zu reden. „Und dann“, sagt er schließlich, „sehe ich diesen glasigen Blick und denke: Ach komm, brüll lieber gleich.“

Ja, ja, die Pubertät. Für Eltern beginnt die Zeit, in der sie lernen, aufrüttelnde Reden an die Nation zu halten – und die Nation ist ein Kind mit einem glasigen Blick. Es herrscht die Rhetorik des Ausrufungszeichens, denn es fallen Worte und Wendungen wie „Disziplin!“, „Lebensweg!“, „Wichtig!“, „Man muss doch!“, „Man kann doch!“ und „Ist doch alles nicht so schwer!“.

Die Pubertät ist der Beginn der großen Trägheit. Jugendliche rebellieren heute nicht, sie entziehen sich. Sie driften in einen Nebel aus milchigem Nichts. Sicheres Anzeichen: Die Sprache zerdehnt sich. Wie war die Klassenarbeit? Guuuut. Hast du die Hausaufgaben gemacht? Jaaaa. Meinst du nicht, du solltest noch mal Vokabeln wiederholen? Neiiin. Es ist, als höre man das Echo eines Echos eines Echos, und man sieht den glasigen Blick und weiß: Dieses Kind ist gerade weit weg. Und schon möchte man wieder eine Rede an die Nation halten.

Die Noten sacken ab. Die Wege werden geheimnisvoll. Die Existenz von 15-Jährigen bekommt etwas Huschendes. Gerade waren sie da, plötzlich sind sie irgendwie wieder weg. Wenn sie sich zeigen, ist es fast überraschend, beim  Frühstück zum Beispiel: Kann ich bitte die Butter haben? Ja, Junge, hier – und wie war die Arbeit gestern? Guuuuut.

Eltern müssen in dieser Zeit Nerven wie Stahlseile entwickeln. Es gilt, viele Reden an die Nation zu halten. Manchmal muss man auch brüllen, aber nicht immer. Oft muss man geduldig sein. Immer Hilfe anbieten. Nicht unterschätzen: Eltern sind immer auch Schamanen, Tröster, Helfer und Heiler mit uraltem Eltern-Voodoo: Komm schon, Kind; Kopf hoch; kenn ich doch; wird schon; alles halb so wild. Unterm Strich braucht man ein bisschen Humor, ein bisschen Strenge, ein bisschen Zauberei und immer ordentlich Liebe. So kommen alle heil durch die Pubertät: Eltern und Kinder.

 

Dr. Jens Voß (50) ist Redakteur der Rheinischen Post und Vater von zwei Kindern.

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