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Jedes Kind kann Lernen lernen

Die persönliche Bindung ist entscheidend. (Foto: Tom Grill / istockphoto)
Foto: Die persönliche Bindung ist entscheidend. (Foto: Tom Grill / istockphoto)

Von Andrej Priboschek

Was sollen Eltern tun, wenn die Noten ihres Kindes mal wieder besser hätten sein können? Experten raten: die Selbstständigkeit fördern.

Um seine schwierigsten Schüler erreichen zu können, schließt Ingo Meyer mit ihnen vor Projektbeginn einen Vertrag. Die 15- bis 17-Jährigen verpflichten sich mit ihrer Unterschrift zu Pünktlichkeit, regelmäßiger Teilnahme und aktiver Mitarbeit. Keine Selbstverständlichkeiten für Schüler, die allesamt mehrmals sitzen geblieben sind und kaum noch Aussichten auf einen Schulabschluss haben. Die Jugendlichen der sogenannten BUS-Klasse, das Kürzel steht für „Betrieb und Schule“, sollen über Praktika fit für den Alltag gemacht werden. Im Schnitt jeden Dritten bringen der stellvertretende Schulleiter Meyer und seine Lehrerkollegen von der Montessori-Hauptschule Hermannplatz in Düsseldorf sogar in eine Ausbildung oder zumindest zurück auf den Weg hin zu einem Schulabschluss. „Wir sind froh um jeden Einzelnen“, sagt Meyer.

Wie lassen sich Schüler zum Lernen motivieren, die mit der Schule scheinbar abgeschlossen haben? Die Rezepte des Pädagogen Meyer sind auch für Eltern nützlich, die mit mehr oder weniger normalen Leistungsschwankungen ihrer Kinder zu kämpfen haben. „Das Wichtigste ist die persönliche Bindung“, sagt Meyer, „ich muss die Schüler für mich gewinnen.“ Heißt konkret: sich für die jungen Menschen und ihre Probleme interessieren, sie ernst nehmen und nicht herunterputzen, ihnen aber klare Regeln aufzeigen – und Grenzüberschreitungen konsequent ahnden, etwa mit einem Bußgeld fürs Schwänzen (kann das Schulamt für Schüler ab 14 Jahre verhängen).

Zweiter Schritt: Erfolgserlebnisse vermitteln. „Davon haben meine BUS-Schüler in ihrer bisherigen Schulzeit nicht viele gehabt. Ich setze ihnen Ziele, die erreichbar sind, sie aber auch nicht unterfordern. Wenn sie dann ein Lob hören, geht ihnen das Herz auf“, berichtet Meyer. So wächst mitunter bei den Schülern die Erkenntnis heran, dass Anstrengung sich lohnt. Die Pisa-Studie hat den engen Zusammenhang von Motivation und guten Schulleistungen belegt. Schüler, die aus eigenem Antrieb heraus lernen und Anstrengungen nicht scheuen, sind selbstbewusster – und lagen beim Test im Schnitt 63 Punkte über unmotivierten Schülern, was bei den geprüften 15-Jährigen einem Leistungsunterschied von fast zwei Schuljahren entspricht. Nur: Wie bringe ich mein Kind dazu, aus eigenem Antrieb zu lernen? Was mache ich, wenn die Noten auf dem Zeugnis mal wieder besser hätten sein können?

Auf keinen Fall schimpfen, meint Gabriele Cwik, langjährige Grundschulleiterin und Buch-Autorin („Lernen lernen von Anfang an“) aus dem niederrheinischen Jüchen. Denn: „Kinder, die Angst haben und verunsichert sind, lernen nichts. Es droht ein Teufelskreis.“ Hier helfe nur ein sachliches Gespräch, in dem Schwächen, aber auch Stärken angesprochen werden. Eltern, die sich schwer tun, angesichts schlechter Zeugnisnoten ruhig zu bleiben, sollten sich an ihre eigene Schulzeit erinnern. „Auch deren Noten werden damals nicht alle über dem Durchschnitt gelegen haben“, meint die Fachfrau.

Motivation und Selbstständigkeit entscheidend

Ziel des Gespräches sollte es sein, Mut zu machen – und eine neue Organisation des Lernens zu verabreden. Eltern sollten sich dabei vor der Versuchung hüten, ihrem Kind vorzuschreiben, wie es künftig zu lernen habe, warnt Georg Hoffmeister, Leiter des Schulpsychologischen Dienstes der Stadt Mönchengladbach. Er betont: „Motivation ist der Motor für jegliches Handeln, und dieser Motor braucht Treibstoff – das ist die Selbstständigkeit.“ Wenn ein Kind es nie gelernt habe, Verantwortung für sich zu übernehmen, werde es in der Schule dauerhaft nicht erfolgreich sein können. Der größte Fehler wäre es also, wenn Vater oder Mutter sich nach den Ferien beim Erledigen der Hausarbeiten mit an den Schreibtisch setzen würden. Auch Dauer-Nachhilfe sei eher schädlich.

„Wer seinem Kind zu früh die Lösung eines Problems nennt, betrügt es um seine eigenen Erfahrungen“, sagt Hoffmeister. „Die Kinder müssen all das selbst tun, wozu sie imstande sind. Dazu gehört es auch, sich den Schulalltag selber zu organisieren.“ Schrittweise schon von der Grundschule an. Eltern sollten Ziele setzen („Bis 18 Uhr erledigst du deine Hausaufgaben!“) und deren Einhaltung kontrollieren („Wir haben jetzt 18 Uhr. Bitte zeige mir deine Hausaufgaben!“). Sie sollten loben und, wenn nötig, Kritik üben. Sie sollten aber auf keinen Fall die Aufgaben des Kindes übernehmen und etwa den Tornister packen, wenn der Nachwuchs dies am Abend mal wieder vergessen hat. „Misserfolge sind Teil des Lernprozesses“, sagt Hoffmeister. Nur wer auch mal die Konsequenzen von Faulheit oder Schludrigkeit zu spüren bekomme, werde sich bessern.

„Von oben herab Befehle erteilen, das bringt nichts“, weiß auch Jürgen Liminski. Der Journalist und Buch-Autor („Abenteuer Familie“) aus Sankt Augustin kennt das Thema „Lernen lernen“ gut: Liminski ist Vater von zehn Kindern. Seit fast 30 Jahren sieht er Schule aus Elternsicht. Dabei hat er vermutlich alle Höhen und Tiefen erlebt, die der Schulalltag für Kinder und Jugendliche bereithält: große Mühen, tolle Klassenarbeiten, gute Zeugnisse, aber auch Durchhänger, Streit mit Lehrern, vermeintliche Ungerechtigkeiten, miese Noten und Schicksalsschläge wie ein um nur zwei Punkte verpasstes Abitur.

Foto: Für die eigene Motivation ist die Anerkennung anderer zentral. (Foto: mammamaart / istockphoto ) Für die eigene Motivation ist die Anerkennung anderer zentral. (Foto: mammamaart / istockphoto )

„Das Wichtigste ist: erst mal Verständnis zeigen“, sagt Liminski. „Eltern sollten an der Basis der Zuneigung nicht rütteln.“ Wenn klar sei, dass ein Misserfolg die Liebe zum Kind nicht schmälere, könne gemeinsam kritisch über die Ursachen nachgedacht und über mögliche Konsequenzen gesprochen werden („Für Kino und Konzerte hast du jetzt erst mal keine Zeit mehr.“). Liminski setzt auf Einsicht – und nicht auf Strafen: „Strafen demotivieren, sie erzeugen eine Abwehrhaltung“, meint der 58-Jährige.

Sollten Eltern denn andersherum Belohnungen für bessere Leistungen in Aussicht stellen? Schulpsychologe Hoffmeister ist skeptisch. Geld oder Spielzeug zu versprechen, bringe gar nichts, meint er. Als „Prämien“ kämen allenfalls gemeinsame Unternehmungen infrage. Ein Familienausflug könne die Motivation stärken, sei aber auch kein starker Anreiz. Der Antrieb müsse eben von innen heraus kommen, vom Schüler selbst. Und der beste Weg dahin sei der über Anerkennung.

Selbstbewusstsein aufbauen

Fünf Schritte, wie einem Kind oder Jugendlichen nach einem schulischen Misserfolg neues, dauerhaftes Selbstbewusstsein vermittelt werden kann, hat die Pädagogin Cwik für Eltern aufgelistet:

1. Anknüpfen an das, was funktioniert: „Jedes Kind hat Stärken. Überlegen Sie gemeinsam, was dabei anders läuft als in den Problemfächern. Sammeln Sie Ideen, was Ihr Kind an seinem Lernen verändern kann.“

2. Lernumgebung prüfen: „Jedes Kind lernt anders. Es gibt Kinder, die mit Musik gut lernen können, andere brauchen absolute Ruhe. Einige arbeiten im Kinderzimmer allein am Schreibtisch, andere sitzen lieber am Esstisch in der Küche. Es gibt kein Rezept, das auf jedes Kind zutrifft. Allerdings: Der Arbeitsbereich sollte schon aufgeräumt sein, und die Ablenkung nicht zu groß. Ein laufender Fernseher ist tabu. Verständigen Sie sich mit Ihrem Kind über die Bedingungen, unter denen die Hausaufgaben gelingen, und über die Zeit, zu der das Kind täglich beginnt. Schon diese äußeren Routinen tragen zu einer entspannteren Lernsituation bei.“

3. Erreichbare Ziele setzen: „Setzen Sie Ihrem Kind kleine Ziele. Wenn es diese erreicht und Sie es entsprechend würdigen, wird seine Selbstachtung und Motivation steigen. Sparen Sie nicht mit Lob, aber loben Sie nur wirkliche Leistungen. Ansonsten glaubt das Kind, dass Sie es nicht ernst nehmen.“

4. Sich austauschen: „Um die Leistungen Ihres Kindes richtig einordnen zu können, sind Gespräche mit den Lehrern wichtig. Wenn eine dauerhafte Über- oder Unterforderung vorliegt, sollte über einen Schulformwechsel nachgedacht werden. Allerdings machen sich Eltern oft zu viele Sorgen. Hier hilft ein Austausch mit anderen Eltern. Auch deren Kinder verhauen mal eine Arbeit.“

5. Interesse an Bildung zeigen: „Kinder lernen über Vorbilder. Zeigen Sie Ihrem Kind, dass Ihnen Bildung wichtig ist. Das beginnt im Kleinen: bei einem Museumsbesuch etwa oder beim gemeinsamen Nachschlagen im Lexikon, wenn das Kind die Welt erklärt haben will.“

Sich dem Schüler zuwenden, klare Absprachen treffen (und Konsequenzen folgen lassen, wenn diese nicht eingehalten werden) sowie Erfolgserlebnisse vermitteln – damit gelingt es auch, die Jugendlichen im BUS-Projekt der Düsseldorfer Montessori-Hauptschule für den ungeliebten Unterricht zu gewinnen. „In den besten Stunden“, berichtet Lehrer Meyer, „genügt ein Anstoß von mir, und das Thema verbreitet sich unter den Schülern wie ein Lauffeuer. Im Eifer merken sie nicht einmal, dass sie lernen. Vor Kurzem einmal haben mich die Schüler gefragt, wann wir mit dem Unterricht beginnen – da war die Stunde schon fast ’rum.“

Aus: Schulzeit 1/2008

Wissenswert: Wie eine Zeugnisnote zustande kommt, erfahren Sie hier

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